Ein Mindestlohn spricht für die Demokratie. Michael Burda

Immer wieder Holocaust

Der Holocaust ist allgegenwärtig: auf dem Teller, in der Moschee und in Israel. Zumindest, sofern man den Neo-Widerständlern glaubt. Über das Faible für Vergleiche.

Oftmals liest und hört man ja, der Westen im Allgemeinen, die Deutschen im Besonderen, hätten nichts aus der Geschichte gelernt. Das stimmt aber gar nicht. „Nie wieder Krieg!“ wäre etwa eine von vielen Lehren, die nicht nur von Rentnern auf den Ostermärschen verkündet wird. Hinzu kommen „Nie wieder Rassismus!“, „Nie wieder Nazis!“ und, nicht zu vergessen, „Nie wieder Holocaust!“. All das wurde so gut verinnerlicht, dass vor allem die Deutschen mittlerweile spezielle Sensoren entwickelt haben, die bei jedem Anflug von potenziellem Holocaust umgehend Alarm schlagen.

Holocaust, wohin das Auge blickt

Demnach lauert der nächste Holocaust an jeder Ecke. Dass er beispielsweise laufend am heimischen Esstisch stattfindet, haben vor ein paar Jahren die sogenannten Tierschützer von peta herausgefunden. Mithilfe der Initiative „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ sollte daher Widerstand gegen die Fleischindustrie, also quasi die an Selleriephobie leidenden Nazis von heute, geleistet werden. Und wahrlich: Gibt es einen besseren Grund, um umgehend zum Veganismus zu konvertieren als den Gedanken an vierbeinige KZ-Häftlinge auf der Pizza? Auch und vor allem mit Blick auf die Pelzindustrie, die einen „Holocaust am Tier“ betreibt, wie man auf der ein oder anderen Anti-Pelz-Demo erfährt? Eben.

Doch natürlich droht der nächste Holocaust nicht nur in Mastanstalten. Auch in der Schweiz könnte es bald so weit sein. Dort nämlich schmückten sich vor einiger Zeit rund 2.000 Demonstranten mit einem gelben Juden-, pardon, „Muslimstern“, um gegen Islamophobie aufzubegehren. Wohin diese führen kann, verrät der gelbe Stern dabei so offenkundig, dass selbst die geistigen Schlusslichter der „Nie wieder“-Fraktion es schlicht nicht übersehen können. Die Muslime sind also die neuen Juden, wenn auch ohne Reichspogromnacht, Berufsverbote und jahrtausendübergreifende Verfolgung. Man muss es ja nicht so genau nehmen.

Zurück in Deutschland geht es allerdings noch schlimmer zu. Denn dort gibt es nun eine neue Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt und nicht etwa konstruktive Kritik erntet, sondern freilich erneut Schande über das Land bringen könnte. Das zumindest hat sinngemäß ein couragierter Autor der „Süddeutschen Zeitung“ enthüllt. Um die Machtergreifung schon im Vorfeld zu verhindern, deckte er eine fatale Verbindung zwischen der AfD und der „Jungen Freiheit“ („scheint das Hausblatt der AfD zu sein“) auf, die sich wiederum über den NPD-Mann Udo Voigt bis hin zu – ach du Schreck! – Adolf Hitler ausdehnen lässt. Kurz: Es droht eine neue NSDAP. Widerstand, now!

Schließlich muss hierzulande verhindert werden, was in Israel schon längst der Fall ist. Dass nämlich die Juden den Palästinensern das antun, was ihnen selbst von den Deutschen angetan wurde, weiß mittlerweile jeder, vom Vorschüler bis zum lebenden SS-Fossil. Dass die Juden dabei den bislang einzigen Völkermord betreiben, der die Bevölkerungszahl der zu liquidierenden Gruppe nicht etwa sinken, sondern dramatisch ansteigen lässt (1948: 1,4 Millionen Araber in Palästina, heute: ca. 4,3 Millionen Araber in den palästinensischen Autonomiegebieten), ist dagegen nicht von Belang. Der Glaube versetzt eben nicht nur Berge, sondern auch Völkermorde, Ghettos und neue Nazis ins Heilige Land.

Wie man anständig vergleicht

So jagt also scheinbar ein Holocaust den nächsten, und die Neo-Widerständler haben alle Hände voll zu tun, um die nahende Katastrophe auf heimischen Tellern, am Mittelmeer und andernorts zu verhindern. Andersrum könnte man natürlich auch die Frage stellen, warum der Holocaustvergleich, der sich mittlerweile zum westlichen Kulturgut entwickelt hat, so ungeheuer angesagt ist. Weil der Holocaust eine deutsche Erfindung ist? Aus Effekthascherei, Boshaftigkeit, Kalkül, Dummheit? Es wird von allem ein bisschen sein.

Denn offenbar ist es einfach schicker, diverse Anliegen mit Auschwitz zu dekorieren und ihnen damit besonders viel Dringlichkeit zu verleihen. Dabei gilt es vor allem eines zu beachten: Je weniger systematisch gemordet wird, desto eher lohnt sich der Vergleich. Darum findet er auch etwa bei den Palästinensern, nicht jedoch bei den Syrern Anwendung. Ansonsten kann er aber variabel und universell eingesetzt werden. Oder, frei nach Simmel: Es muss fast immer Holocaust sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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