Am Ende hat alles mit Macht zu tun. Andreas Mühe

Dirndl-Gate oder Gruppenbild mit Diktator

Wie wir als Deutsche und Antisexisten vergaßen, den Bikini- und Juden-Verächter Mursi mit einem #aufschrei zu bedenken.

Seit der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle ein Downgrade zum „spitzen Kandidaten“ erfahren hat, müssen wir alle uns dringend fragen, ob Deutschland tatsächlich unter erhöhtem Sexismus leidet. Das Schöne an diesem Diskurs ist allerdings, dass nahezu jeder etwas dazu beitragen kann. Die Talkshow-Intelligentia debattiert über die Frage, ob frau sich traumatisierende Sprüche wie „Sie sind ja nicht nur hübsch, sondern auch noch intelligent“ gefallen lassen muss. Weitgehend unbekannte Bloggerinnen befördern sich indes zum Sprachrohr aller Frauen und wissen gar nicht mehr, wem sie zuerst ein Interview über das alltägliche Hinterhergepfeife auf deutschen Straßen geben sollen. Und auch Claudia Roth ist voll in Fahrt und findet: „Es reicht!“

Wie man Prioritäten setzt

Echte Vergewaltigungsopfer, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, müssen dabei leider draußen bleiben. Zum Schluss könnten sie noch denjenigen Hauptstadtjournalistinnen die Show stehlen, die zwar nicht zwischen Petitessen und Sexualverbrechen unterscheiden können, dafür aber umso eindrucksvoller ihr Tagebuch ins Feuilleton übertragen. So ein „Tabubruch“ kommt schließlich auch nicht alle Tage.

Insofern ist es kein Wunder, dass Ägyptens Präsident Mursi sich dieser Tage mit dem medialen Trostpreis zufriedengeben muss. Natürlich, er wurde vorigen Mittwoch nicht von Laura Himmelreich an der Bar, sondern nur von Angela Merkel mit militärischen Ehren empfangen. Und ja, eigentlich wissen wir alle, dass Demokratie nicht so sein Ding ist und sein Herz mehr für die Diktatur schlägt. Im Grunde wäre es besser, ihn gar nicht zu empfangen, sonst könnte man ja gleich Mahmud Ahmadinedschad einfliegen lassen. Aber muss man all diese anstrengenden Gedanken derart öffentlich ausbreiten und dafür zum Schluss noch die zehnte Sexismus-Talkshow streichen?

Nicht wirklich, denkt es in deutschen Redaktionsstuben. Mursi seinerseits tritt ohnehin nur mit äußerst bescheidenen Anliegen auf: Er will keinen Respekt und keine Debatte, er will nur Geld, und zwar bitte ohne deutsche Ermahnungen hinsichtlich seiner Innenpolitik. Das geht ja noch. Kein Grund also für Claudia Roth und ihresgleichen, die Frauen zu thematisieren, die in der Zwischenzeit auf dem Tahrir-Platz vergewaltigt werden. Zumal der gute Mann gerade das Aussterben des Bikinis an ägyptischen Stränden forciert, was man ihm ja zur Not noch als kluge Maßnahme gegen Sexismus anrechnen könnte.

#aufschrei fällt leider aus

Dass Mursi zudem Juden gerne mal als Schweine, Affen und Blutsauger bezeichnet, ist gerade uns als Deutschen und Antisexisten ebenfalls keinen #aufschrei wert. Warum auch? Es reicht schließlich, dass „wir“ weltweit führend sind, wenn es um Mahnmale, Gedenkveranstaltungen und Erinnerungskultur geht. Nein, Dirndl-Gate hat absoluten Vorrang. Allein schon, weil man/frau da nichts falsch machen kann. Mursi hingegen hat sich nicht mal einen Herrenwitz erlaubt. Er schaut lediglich dabei zu, wenn solche in Kairo in die Tat umgesetzt werden.

Und das wiederum taugt schlichtweg nicht für einen Tabubruch nach deutscher Art.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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