Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen. Helmut Schmidt

Kleines Einmaleins der Doppelmoral

Warum kritisiert der gemeine Europäer lieber seine westlichen Kollegen als demokratiefeindliche Despoten? Ein Erklärungsansatz.

Nicht nur die Mode, auch die Moral unterliegt dem Wandel der Zeit. Je länger Krieg und Elend zurückliegen, desto intensiver widmet sich der moderne Europäer dem Ausbau seines guten Gewissens. Wobei er natürlich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, Prioritäten setzt: Mit Ungerechtigkeiten vor der Haustür gibt er sich gar nicht erst ab. Es muss schon das Geschehen auf der Weltbühne, und hier wiederum eine ganz bestimmte Konstellation sein, um automatisch in den Empörungsmodus zu wechseln.

Freundschaft sticht Menschenrecht

So starben allein vorige Woche in Pakistan über 100 Menschen bei Terroranschlägen, während auch in Syrien weiter gemordet, im Iran kontinuierlich gesteinigt und in Nordkorea nach wie vor gefoltert wurde. Trotzdem fühlten sich weder Jürgen Todenhöfer noch Margot Käßmann oder Günter Grass dazu berufen, das weltweite Sterben kritisch zu kommentieren. Logisch, denn schließlich waren hier keine Problem-Völker, also weder Juden noch Amerikaner, maßgeblich beteiligt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund für das selektive Schweigen, der neulich in der „Frankfurter Rundschau“ eruiert wurde:

„Gerade weil wir das Land [Israel] schätzen, finden wir es schlimm, wie eine demokratische Regierung Menschenrechte missachtet. (…) Ähnlich ist es mit den USA: Wenn dort gefoltert wird, sorgt das auch hier für Empörung; wenn aber dasselbe in Nordkorea passiert, löst der Vorfall höchstens ein Schulterzucken aus – von einer Diktatur erwarten wir ja nichts anderes. Von den Freunden in Israel hingegen schon.“

Gerade als Demokraten müssen „wir“ also zuerst unsere demokratischen Freunde kritisieren, bevor „wir“ uns um die gefolterten Gulag-Insassen Nordkoreas kümmern. Das wäre ungefähr so, als würde man aus reiner Freundschaft ständig den sympathischen Studenten von nebenan maßregeln, weil der seinen Müll nicht trennt, und gleichzeitig aus Nicht-Freundschaft tatenlos dabei zusehen, wie der andere Nachbar, ein gewaltbereiter Alkoholiker erster Güte, täglich sein Kind missbraucht.

Auf die Maßstäbe kommt es also an, was gut zu wissen ist, weil damit auch die Frage nach den Menschenrechten geklärt wäre. Für den Guantanamo-Häftling gelten sie mehr, für den Nordkoreaner weniger. Es kommt nicht darauf an, dass Menschenrechte verletzt werden, sondern wo und vor allem von wem. Hier wiederum ist spätestens dann Handlungsbedarf geboten, wenn „unsere Freunde“, also westliche Demokratien, etwas verbrochen haben. Eine Siedlung nahe Jerusalems oder ein paar getötete Taliban am Hindukusch reichen da in der Regel völlig aus. Als Demokrat Demokraten und nicht etwa Despoten zu kritisieren, bietet nämlich mehrere Vorteile.

Selektive Diskriminierung

Zum einen ist es weniger riskant. Während schon ein Witz über Mohammed reicht, um wenig später brennende europäische Botschaften in Kairo zu erleben, bleiben die demokratischen Freunde gelassen, weil sie schon mal was von Meinungsfreiheit gehört haben. Zum anderen wirkt Kritik innerhalb des eigenen Biotops wesentlich schicker und uneigennütziger. Schließlich will man ja nachhaltig beeindrucken. Und das klappt besser, wenn man sich mit irakischen Selbstmordbombern statt mit der iranischen Opposition solidarisiert. Letztere nämlich gibt sich tendenziell westlich, wobei man beim gepflegten Cocktailempfang den Eindruck riskiert, man solidarisiere sich nur aus Eigennutz mit ihr. Der suizidgefährdete Iraker hingegen wirkt bedrohlich, im Grunde ist er gegen und nicht für „uns“. Darum erscheint sein Unterstützer umso mutiger und selbstloser – zumindest solange er nicht gebeten wird, Zaid aus Bagdad bei sich daheim Asyl zu bieten.

Wer also langfristig in der rauen See des guten Gewissens bestehen will, muss dazu schon auf der richtigen Welle surfen. Das Eintreten für Menschenrechte allein reicht nicht. Entscheidend ist vielmehr, zum passenden Zeitpunkt zu differenzieren und zu diskriminieren, bei anderen Gelegenheiten hingegen ausgiebig zu schweigen. Gar nicht so einfach also, die Sache mit der Moral.

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