Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

Schöne grüne Welt

Je länger Klimaschutz und Umweltbewusstsein gepredigt werden, desto antidemokratischer werden die dazugehörigen Konzepte. Im grünen Utopia hat individuelle Freiheit keinen Platz mehr.

Seit Klimakonferenzen nicht nur von Politikern in Doha, sondern auch von Kindern in Grundschulen durchgeführt werden, ist eines klar: Wir alle sind gefordert! Das Klima steht kurz vor dem Kollaps, Mutter Natur hat ihre besten Zeiten bereits hinter sich, und den Eisbären ist auch schon ganz schlecht (beziehungsweise warm). Heißt es zumindest. Während aber die deutsche Regierung lediglich fleißig abschaltet und sich Stromkunden über höhere Rechnungen freuen, gibt es auch noch Menschen, für die Klimarettung nicht nur Beruf, sondern Berufung ist.

Einer von ihnen stammt ursprünglich aus Schweden, wirkt als Berufsphilatelist ebenso wie als politischer Aktivist und heißt Jakob von Uexküll. Als Stifter des „Alternativen Nobelpreises“, Initiator des „Weltzukunftsrats“ und Mitbegründer des „Alternativen Weltwirtschaftsgipfels“ dürfte er mittlerweile zu einer Art Messias unter den Weltrettern avanciert sein. Ganztägig für Mutter Natur engagiert, findet der zweifellos fleißige Mann dennoch genug Zeit, um ausgiebig über die Zukunft zu philosophieren.

Ökologische Bildungstests für jeden

So geschehen in der aktuellen Ausgabe des The-European-Printmagazins, wo er unter dem Motto „Mehr Umwelt wagen“ sein Zukunftsmodell für ein Leben im „Einklang mit der Natur“ wie auch für „nachhaltiges Handeln und Wirtschaften“ vorstellte. Von der „schnellstmöglichen weltweiten Anpassung und Umsetzung der besten und wirksamsten existierenden Gesetze und politischer Maßnahmen“ ist da unter anderem die Rede, was laut von Uexküll zu einer besseren Welt führen würde, die in 100 Jahren so aussähe:

„Nationale Gesetze verbieten Atomwaffen. (…) Die 1,6 Billionen US-Dollar, die heute jährlich für das Militär ausgegeben werden, finanzieren dann die Umwelt-, Nahrungs- und Wassersicherheit sowie den Schutz des gemeinsamen Erbes der Menschheit. (…) Zentralbanken schöpfen ohne neue Schulden Geld, um „grüne“ Jobs zu schaffen. Jeder Anwärter auf öffentliche Ämter, jeder Ökonom und jeder BWL-Student durchläuft einen ökologischen Bildungstest.“

Was allerdings geschähe, würde der engagierte BWL-Student den ökologischen Bildungstest nicht bestehen, verrät von Uexküll nicht. Schade eigentlich. Denn schließlich wäre es doch erwähnenswert, dass in seiner grünen Welt, die vor Nachhaltigkeit nur so strotzt, nicht nur Atomwaffen, sondern wohl auch denkende Individuen unerwünscht sind. Zumindest muss man davon ausgehen, wenn von Uexküll gerne Tests hätte, die aber für gewöhnlich eine selektive Wirkung entfalten.

Mutter Natur fordert Opfer

Und so scheint die Reise auch in einer heilen Welt zu enden, in der nur regieren, verwalten und gestalten darf, wer sich ökologisch korrekt verhält. Dass es dabei nicht nur auf fachgerechte Mülltrennung ankommt, steht zu befürchten. Während der Aktivist sich nämlich schon in anderen, grüneren Sphären einrichtet, scheint ihm offenbar entgangen zu sein, dass seine „Utopie“ einen nicht ganz unproblematischen Haken hat. Wovon er nachts und tagsüber so träumt, ist augenscheinlich eine Welt, in der nicht nur die Freiheit der Individuen, sondern auch die staatliche Selbstbestimmung dem „guten Zweck“, also dem „Einklang mit der Natur“ untergeordnet wird.

Aber so ist das wohl mit Mutter Natur: Sie fordert Opfer. Manchmal, so scheint es nicht nur mit Blick auf von Uexküll, muss man eben vor lauter Sorge um unsere Erde demokratische Grundprinzipien ein bisschen hintanstellen. Der Zweck heiligt die Mittel, und wer den ökologischen Bildungstest besteht, muss sich ohnehin keine Sorgen machen. Wozu braucht man schon persönliche Freiheiten, wenn Solarzellen und ein gutes Wissen für alle da sind?

Eben. Und wer es nun gar nicht mehr abwarten kann, dem sei verraten, dass Jakob von Uexküll schon jetzt die „Weichen für eine solche Zukunft stellen“ will und „jede helfende Hand gebrauchen“ kann. Also, beim „mehr Umwelt“ und gleichzeitig weniger Freiheit wagen, versteht sich.

Sie sind interessiert an dem Beitrag von Herrn von Uexküll, auf den sich unsere Kolumnistin bezieht? Dann bestellen Sie hier die aktuelle Print-Ausgabe des The European.

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