Von einer Sicherheitspolitik kann in Europa keine Rede sein. Tilman Brück

Google und der digitale Wutbürger

Schön, wenn der digitale Wutbürger gegen Zensur und für die Freiheit des Internets kämpft. Interessant, wie dabei gleichzeitig die Freiheit von Urheberrechten salonfähig geworden ist.

Bis vor Kurzem befand sich das hiesige gute Gewissen noch im Lot. Es setzte sich aus ein paar Allgemeinplätzen – darunter: „Atomkraft ist böse“, „Mülltrennung ist gut“, „Umverteilung ist auch gut“, „Traue keinem Unternehmen!“ – zusammen, wodurch diese hochkomplexe Welt eine gewisse Ordnung erfuhr. Nun aber hat sich etwas geändert. Herrschte bislang große Skepsis gegenüber Unternehmen und Konzernen im Allgemeinen, solchen mit hohem Umsatz im Speziellen, so gibt es jetzt eine Ausnahme von der Regel. Die wiederum heißt Google und avanciert gerade zum Unternehmen der Herzen. Denn Google ist nicht nur „das Netz“, sondern auch der tapfere Advokat der Netzfreiheit, der zwielichtige Verlage gerade gehörig an den Kragen wollen.

Digitaler Aufstand

So zumindest scheint es mit Blick auf die Kampagne, die Google aktuell gegen das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage führt. Ein Recht, das, wie der Name schon sagt, journalistische Leistungen (Zitate, Bilder, Grafiken) schützen soll, die beispielsweise Google bislang kostenlos für den eigenen News-Service nutzt. Mit den an Dramatik kaum zu überbietenden Worten „Verteidige dein Netz, finde weiterhin, was du suchst“ stimmt das Unternehmen seine Zielgruppe, also quasi uns alle, auf einen Kampf für die Freiheit des Internets ein. Garniert wird dieses Weltuntergangsszenario mit den vermeintlich verheerenden Folgen des Gesetzes, die der digitale Wutbürger derzeit munter perpetuiert.

Nun ist es natürlich erfreulich, wenn Menschen zueinander finden, um gemeinsam und mit viel Verve für Freiheit – in dem Fall die Freiheit des digitalen Lebensraums – einzutreten. Schließlich habe Google, der good cop, doch nichts verbrochen. Zeitungsartikel stünden ja kostenlos im Netz (und gehören deswegen allen, so der Glaube), es seien ja vielmehr die Verlage, diese antiquierten Einrichtungen, die ihr eigenes Versagen auf den Sündenbock Google projizierten. Sollen sie halt auf Google verzichten. Und überhaupt: Google tue doch etwas Gutes, auch für die Verlage, die ohne Traffic umgehend verkümmerten. Jawohl, eigentlich sollten doch die Verlage Google für die gute Werbung bezahlen, und bei der Gelegenheit könnte auch YouTube die Künstler zur Kasse bitten! Was spricht denn dagegen?

Wo Freiheit draufsteht, ist Umverteilung drin

Klar, dagegen spricht freilich nichts. Abgesehen davon, dass es doch eher unüblich ist, ein Unternehmen für den, sagen wir mal, „liberalen“ Umgang mit Urheberrechten zu bezahlen. Aber das hat die digitale Ideenschmiede, die sich aktuell im existenziellen Freiheitskampf-Modus befindet, vor lauter Aufregung wohl übersehen. Dass Dienste wie GoogleBooks, GoogleNews oder YouTube von Inhalten profitieren, die sie im Allgemeinen nicht bezahlt haben, ach na ja, das macht doch nichts. Schließlich liefert Google dafür Traffic und sogar „Werbung“, und damit ist alles wieder paletti – so das neue digitale Rechtsverständnis, das auf der fest verankerten Vorstellung des Internets als kostenloser Selbstbedienungsladen fußt. In einer Debatte, die sich gar nicht so sehr um das Leistungsschutzrecht, sondern vielmehr um Google selbst dreht, wird Unrecht ganz selbstverständlich zu Recht und Freiheit zu Rechtsfreiheit erklärt.

Doch davon lässt sich der digitale Wutbürger, dieses unerschrockene Wesen, das im Kostüm des Freiheitskämpfers todesmutig „dein Netz verteidigt“, nicht aufhalten. Es geht schließlich um die gute Sache, die zwar gewissermaßen dem Umverteilungsprinzip nahe kommt, dafür aber immerhin das Label „Freiheit“ trägt. Also auch Freiheit von der Idee des geistigen Eigentums, von dem die digitale Seele nur weiß, dass sie es gratis von anderen haben will und diese Vorgehen für ganz selbstverständlich hält.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Kolumne

Neues aus Meschuggestan

Krieg der Schwärme

Big_b7f8bf0b06

Wie die Heuschrecken fallen Kaufwütige über Wühltische her. Doch so hässlich Gier auch manchmal wirkt, sie ist eine zutiefst unterschätzte Eigenschaft.

Small_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
23.08.2014

Gegensteuern

Big_34fd479e3a

Zu viel Geld macht unglücklich. Vor allem, wenn man es nicht freiwillig an das Finanzamt überweisen möchte. Wer Steuern kritisiert, riskiert den Pranger.

Small_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
19.07.2013

Bitte beachten Sie mich nicht!

Big_3e46606ad9

Naiv, blödsinnig, nicht der Rede wert – an derlei Schmeicheleien hat sich unsere Kolumnistin schon gewöhnt. In ihrer letzten Kolumne bedankt sie sich nun bei allen, die sie über anderthalb Jahre hinweg jede Woche daran erinnerten.

Small_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
12.07.2013

Mehr zum Thema: Google, Internet, Leistungsschutzrecht

Kolumne

Medium_459f0ac2c1
von Clemens Lukitsch
05.09.2014

Kolumne

Medium_0d97a5631f
von Julia Korbik
04.09.2014

Debatte

Cyber-Kriminalität und die Rolle des Staats

Medium_3abcb96e1b

Wie unser Staat im Netz versagt

Die deutsche Regierung verspielt ihre Hoheit im Netz. Doch wenn Sicherheit im Web Privatsache wird, gerät das Fundament unseres Gesellschaftsvertrags ins Wanken. weiterlesen

Medium_42fc768a47
von Dennis Schmidt-Bordemann
02.09.2014
meistgelesen / meistkommentiert