Auch Regieren ist kein Reiten auf dem Ponyhof. Winfried Kretschmann

Don’t Cry For Me Bettina

Bettina Wulff beklagt sich in ihrem Buch über zu viel Stress und das fehlende Gehalt während ihrer sogenannten Amtszeit. Dass Privilegien auch mit Verpflichtungen verbunden sind, scheint hier keine Rolle zu spielen.

Auf dieser Welt existieren unzählige Anlässe, Dinge und Themen, die Bücher füllen könnten. Das Dasein als „First Lady“ zählt dabei eigentlich zu den interessanteren Aufhängern. Selbst dann, wenn Rotlicht-Anekdoten fehlen, wie es im Werk der nun hauptberuflichen Nicht-Escort-Dame Bettina Wulff der Fall ist.

Die allerdings hält es jetzt ganz anders. Statt auf Politik setzt Bettina Wulff in ihrem Buch offenbar verstärkt auf ihre Leiden als First Lady. Auf Tränen, Magenschmerzen und gerötete Haut. Der Leser erfährt unter anderem, dass das Amt der Frau des Bundespräsidenten zu diesem Zeitpunkt absolut untauglich für Mütter mit kleineren Kindern gewesen sei. Und mehr noch:

First Lady: Fulltime-Job und Amt

Während der Bundespräsident während der Amtszeit Christian Wulffs einen Jahreslohn von rund 200.000 Euro erhält, ist „First Lady“ ein Ehrenamt, wie Bettina Wulff feststellen muss. Dabei sei „es ein Fulltime-Job“, diese Position auszufüllen. „Von einer 40-Stunden-Woche konnte ich nur träumen, haufenweise fallen Überstunden aufgrund von Abendterminen und Dienstreisen an. Daher ist es fast ein Hohn zu erwähnen, dass diese Arbeit wie selbstverständlich vom Bundespräsidialamt vorausgesetzt, aber nicht vergütet wird. Mit Zynismus“, so schreibt Bettina Wulff weiter, „könnte ich anmerken, dass man als First Lady natürlich für das Land und die Ehre arbeitet.“

Mit Zynismus könnte man auch anmerken, dass die Mutter mit kleineren Kindern nicht gezwungen wurde, in Schloss Bellevue einzuziehen. Mit Erstaunen fragt man sich hingegen, in welcher Welt die Ex-First-Lady eigentlich lebt. Denn ganz selbstverständlich vom „Amt“ der First Lady zu sprechen, ist ebenso neu wie falsch. Und wo kein Amt, da auch keine Bezahlung. Selbst dann nicht, wenn das Ganze zum „Fulltime-Job“ ausarten sollte, wie Frau Wulff meint. Sicher, es mag stressig sein, heute mit Präsident Obama und morgen mit Kanzlerin Merkel zu dinieren, zwischendurch ein Kinderhospiz zu besuchen und dann auch noch beim Entsorgen des Mülls perfekt gestylt zu sein. Und ja, bestimmt gibt es angenehmere Dinge, als ständig von Journalisten umgeben zu sein, die ihren Job allerdings verdammt schlecht machen würden, wenn sie nicht über die Gattin des Staatsoberhaupts berichteten.

Aber falls Frau Wulff zwischendurch noch dazu gekommen sein sollte, den Fernseher anzuschalten oder die „Bunte“ durchzublättern, dürfte ihr aufgefallen sein, dass sie dieses grauenvolle Schicksal mit Tausenden sogenannter „Charity-Ladys“, „Amts“-Kolleginnen und Unternehmer-Gattinnen – kurz: Personen des öffentlichen Lebens – teilt. Während man ihr den Begriff „fulltime“ noch zugestehen kann, so passt das Wörtchen „Job“ dann doch eher zu ihrem Gatten. Bettina Wulffs „Job“ hingegen war sogar noch einfacher: lächeln, Hände schütteln, Smalltalk und dabei gut aussehen.

Hauptsache alles, aber bitte ohne Aufwand

Doch auch das hindert die Niedersächsin offenbar nicht daran, ein derart schräges Kosten-Nutzen-Kalkül aufzustellen. Nicht nur, dass der Ex-First-Lady die Tatsache, wonach eine solche Position nicht lediglich aus Privilegien, sondern ebenso aus Verpflichtungen und teils lästigen Begleiterscheinungen besteht, offenbar entgangen sein muss. Nein, zudem scheint sie von den Privilegien generell gar nichts gespürt zu haben. Genauer: Von Privilegien, die nichts mit Geld und auch nichts mit Dienstwagen, Personal und geliehener Designer-Mode zu tun haben. Bettina Wulff hatte die Chance, Erfahrungen, Eindrücke und Kontakte zu gewinnen und darauf basierend etwas zu werden, statt nur eine Rolle auszufüllen. Was übrigens sehr viel wert ist.

So bleibt es also bei einem mit Weinerlichkeit geschwängerten Buch, das ohne ihr „Amt“ sicher nicht existieren würde. Auch gut. Und irgendwie passend. Christian Wulff wollte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann. Und Bettina Wulff möchte eben allem Anschein nach nicht First Lady in einem Land sein, das ihr die unbezahlte Präsenz bei Galadiners abverlangt. Dann doch lieber Klinker in Großburgwedel.

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