Es hilft nichts, das Recht auf seiner Seite zu haben. Man muss auch mit der Justiz rechnen. Dieter Hildebrandt

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

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Schon wieder ist es so weit: Der Jude hat etwas verbrochen. Genauer gesagt: ein Berliner Rabbiner, der vorige Woche mit seiner kleinen Tochter in Berlin unterwegs war und dabei von vier Arabern erst gefragt wurde, ob er Jude sei, und dann beleidigt sowie krankenhausreif geprügelt wurde. Sein Verbrechen bestand darin, ein lebendiger Jude zu sein, noch dazu aufgrund seiner Kippa deutlich als solcher erkennbar. Das geht freilich zu weit, wo kommen wir denn hin, wenn die Juden hier nicht nur ihre Kinder beschneiden lassen wollen, sondern auch noch eine traditionelle Kopfbedeckung tragen?

Juden und die arabischen Konflikte

Während nun der Regierende Bürgermeister und weitere Amtsträger garantieren, Intoleranz und Hass nicht zu dulden, melden sich schon die ersten Kaffeesatzanalysten zu Wort. Darunter auch Ali Maarous, Chef des Deutsch-Arabischen Zentrums, der den „Vorfall“ zunächst verurteilte, dann jedoch gleich ein passendes Erklärungsmodell anbot:
„Das Deutsch-Arabische Zentrum sieht den Ursprung des Antisemitismus in den arabischen Ländern, aus denen die Mitglieder der arabischen Gemeinde kommen. Die Eltern verfolgen tagtäglich den Konflikt in ihrer Heimat, auch wenn sie hier in Deutschland leben“, sagte Zentrumschef Ali Maarous. Sie seien wütend über das, was in ihrer Heimat geschehe. „Diese Wut und der Hass überträgt sich dann auf die Kinder“, sagte Maarous.“

Nun hat Herr Maarous selbstverständlich recht. Zum einen, weil islamistischer Antisemitismus nachweislich aus arabischen Ländern importiert wird. Zum anderen, weil es ja bekannt ist, dass die Juden an allem schuld sind. Vor allem aber am Antisemitismus, der in dem Fall eben durch die „Konflikte“ in der „arabischen Heimat“ entstehe. Natürlich könnte man sich fragen, was Judenhass mit arabischen Konflikten zu tun haben soll. Sind es etwa die Juden, die in Ägypten die Scharia einführen wollen, in Saudia-Arabien Frauen erniedrigen oder in Syrien die Zivilbevölkerung abschlachten?

Von Berlin über Toulouse nach Israel

Oder, und das ist etwas wahrscheinlicher, liegt es etwa an Israel, dessen schiere Existenz auf Araber – egal ob aus Ramallah oder Berlin – ungeheuer provozierend wirkt? Denn schließlich hielt auch Mohammed Merah den kaltblütigen Mord an vier in Toulouse lebenden Juden (darunter drei Kinder) für ein probates Mittel, um den Tod palästinensischer Kinder zu rächen. Sowohl der Berliner Rabbiner als auch die vier französisch-jüdischen Opfer haben zwar mit Israel nix am Hut. Aber das spielt keine Rolle, wenn Deutschland gerade der Frage nachgeht, warum (!) Juden gehasst werden – und damit über kurz oder lang die Schuld beim Juden bzw. in seinem Verhalten auszumachen meinen, sowie Motive für Antisemiten nachliefern. In dem Fall waren es eben die arabischen Konflikte, morgen ist es das schlechte Wetter, und beides liegt im Verschulden des Weltjudentums. Das wussten übrigens schon die Nazis.

Indes rät Rabbiner Walter Homolka Juden zum Kippa-Verzicht, schlicht, weil nur unsichtbare Juden sicher wären. Fast so sicher zumindest wie tote Juden. Die sind wenigstens vor dem „latenten Antisemitismus“ geschützt, der sich laut Lala Süsskind ausbreite – manifest wäre er vermutlich erst, wenn der Rabbiner den „Vorfall“ nicht überlebt hätte. Und selbst dann wäre er, in seiner Eigenschaft als Jude, selbst daran schuld gewesen. Denn: Wer sonst? Der Antisemit sicher nicht!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Gegensteuern

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