Berlin hat ein Verwahrlosungsproblem. Hans-Olaf Henkel

Die Leiden des Piraten Ponader

Johannes Ponader fällt aktuell weniger durch politische Arbeit, sondern mehr durch seine skurrile Sicht auf das entartete System, das sein Schaffen partiell subventioniert, auf.

Es ist noch gar nicht lange her, da fand in den Feuilletons (zum Beispiel hier und hier) dieses Landes die periodisch wiederkehrende Debatte über Geschlechterrollen statt. In der „Zeit“ erfuhr man dabei einiges über „Schmerzensmänner“, also „junge Männer“, die „Bärte tragen, Gitarre spielen, lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt sind“. Man könnte dieses episch diskutierte Phänomen allerdings auch mit einem Begriff zusammenfassen: Waschlappen. Ob es außerhalb der Feuilletons existiert, kann Frau jederzeit im Alltag oder abends an der Bar selbst überprüfen.

Gesellschaftskünstler und Fulltime-Pirat

Nun aber hält ein dem Waschlappen ganz ähnliches Prinzip auch in der Politik Einzug. Und zwar in Gestalt von Johannes Ponader. Der polyamant lebende „Gesellschaftskünstler“ hat allerhand studiert (Mathematik, Musikwissenschaft, Philosophie, Pädagogik, Theaterwissenschaft), bevor er seine Erfüllung im Dasein als Pirat fand und im April dieses Jahres zum Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei gewählt wurde. In seiner Bewerbungsrede hieß es, „seine berufliche Situation lasse zu, mehr als 40 Stunden die Woche für sein Parteiamt aufzuwenden“. Ein echter Fulltime-Pirat also, dessen „berufliche Situation“ ihm nur deshalb so viel Raum für professionelles Pirat-Sein bietet, weil diese je nach Saison gar nicht existiert.

Denn wer gelegentlich einen Blick in die Zeitungen und Talk-Stuhlkreise dieses Landes wirft, dem dürfte nicht entgangen sein, dass Herr Ponader nicht nur das „Bedingungslose Grundeinkommen“ promotet, sondern sich auch zuweilen mit der Bundesagentur für Arbeit rumschlägt. Die nämlich zahlt ihm „saisonal“ ALGII, fragt allerdings momentan öfter nach und findet es nicht so prima, dass der Chef-Pirat vor lauter Politik nicht mehr zur Arbeitssuche kommt. Das wiederum verleitete Ponader dazu, sich souverän über die „extreme Entartung des ganzen Systems“ zu echauffieren.

Darum hat der Gesellschaftskünstler nun alle Register gezogen und seinen „Rücktritt vom Amt“, also, vom Arbeitsamt natürlich, durchgeführt. Nicht jedoch, ohne anlässlich dieser phänomenalen Tat in der „FAZ“ über sein tragisches und vom Jobcenter verursachtes Schicksal zu klagen. Einer der schönsten Sätze lautet dabei:
„Nun ist ein Sprung ins Ungewisse angesagt, wie ihn viele gehen, die die Gängelung durch die Jobcenter nicht mehr ertragen und freiwillig auf Sozialleistungen verzichten.“

Auch der Schmerzenspirat gehört zu Deutschland

Und da springt er also, der Herr Ponader, und verkauft seinem Publikum das Normalste der Welt als glorreiche Heldentat. Er tritt nicht etwa zurück, weil er nun eigenständig seine Brötchen verdienen will, sondern weil die Hand, die ihn fütterte, so unerträglich (bestimmt auch „entartet“!) gewesen sein soll. Dass diese ihm sein Dasein als Gesellschaftskünstler und Fulltime-Pirat saisonal finanzierte, scheint in Ponaders Welt keine Rolle zu spielen. Stattdessen stilisiert er sich zum Opfer eines Systems, das einen 36-jährigen, gesunden und akademisch ausgebildeten Mann subventioniert.

Jawohl, ein schlimmeres Schicksal kann es kaum geben. Nicht in Bezug auf den Schmerzenspirat Ponader, sondern hinsichtlich einer Gesellschaft, wo realitätsfernes Jammern auf hohem Niveau nicht nur anerkannt, sondern auch mit einem politischen Amt durchaus vereinbar ist.

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