Wir brauchen mehr Arbeitsplätze, nicht mehr Druckmittel gegen Arbeitslose. Heinrich Franke

Die Konkurrenz trägt Schlips und Stöckelschuhe

Wie die Quote die Risiken und Nebenwirkungen des Lebens abschafft.

Zu den lästigsten Ideen, über die Brüssel und Berlin derzeit debattieren, gehört zweifellos die Frauenquote. Warum sie – so wie grundsätzlich alle Quoten – Quatsch ist, nun, dafür gibt es Gründe. Nicht nur, dass sie wahrlich ein zutiefst kollektivistisches Konstrukt ist. Darüber hinaus stigmatisiert sie fähige Frauen, diskriminiert Männer, ermöglicht dem Staat Eingriffe in die freie Wirtschaft und gaukelt Ottilie Normalverbraucherin vor, sie würde sich immer noch in der Kampfarena befinden, obwohl Frauen innerhalb der westlichen Welt den Männern schon längst gleichgestellt sind. Warum die Quote aber dennoch notwendig sein soll, wird uns gerne unter Bezugnahme auf die sogenannte „gläserne Decke“ erklärt.

Der Schuldige trägt das Y-Chromosom

Die nämlich soll für Frauen eine unüberwindbare Hürde darstellen. Sie zu durchbrechen muss wohl ebenso beschwerlich wie eine Himalaja-Wanderung in High Heels sein. Eine Barriere, an der sich Frauen nicht nur die Frisur ruinieren, sondern die auch gleichzeitig das Ende der weiblichen Karriereleiter markiert. Oder, wie neulich in der „Zeit“ nachzulesen war: „Die Glasdecke ist eine ganz durchsichtige Entschuldigung für blickdicht gewebte Vorgänge, die der Abwehr aufstiegsorientierter Frauen dienen.“ Und wer hat’s erfunden? Natürlich die Männer. Genauer gesagt: Männer an den Schalthebeln der Macht, die konspirative Zirkel bilden und beim Feierabendbier Pläne schmieden, wie sie ihre weibliche Umwelt vom Karrieresprung abhalten. So das Bild, das immer dann entsteht, wenn pro Quote und kontra manngemachte Glasdecke argumentiert wird. Der Schuldige trägt das Y-Chromosom. Männer diskriminieren Frauen und bleiben lieber unter sich, deshalb muss die Quote her – heißt es.

Nun gibt es sicher Fälle, in denen diese Art der Benachteiligung stattfindet – was die Quote übrigens dennoch nicht legitimiert. Wer allerdings in Bezug auf Frauen über Chancen und Karriere diskutiert, der sollte gelegentlich berücksichtigen, dass Konkurrenz nicht nur an der Männerfront, sondern auch im eigenen Lager auflauert. Ja, Sie lesen richtig. Häufig sitzt das größte Problem nämlich nicht in der männlich dominierten Chefetage, sondern bestöckelschuht und geschminkt am Schreibtisch nebenan. Dafür gibt es den hübschen Begriff „Stutenbissigkeit“. Ein Phänomen, das selbst unter besten Freundinnen vorkommt, die sonst grundsätzlich gemeinsam das WC aufsuchen – spätestens dann, wenn beide um den gleichen Mann konkurrieren.

Um eine grobe Vorstellung von weiblicher Kriegsführung zu bekommen, ist es hilfreich, sich zumindest eine Folge „Germany’s Next Topmodel“ anzusehen. Multipliziert man das wiederum mit 100, kommt man dem Alltag in der Redaktion einer Frauenzeitschrift vermutlich recht nahe. Frauen können beste Freundinnen, aber genauso gut auch unerbittliche Konkurrentinnen sein. Das eine Gerücht hier, die andere Intrige dort, angereichert mit Neid, weil die Kollegin schlanker, hübscher oder klüger ist – willkommen in der „Wir Frauen“-Fraktion, die in Wirklichkeit keineswegs so solidarisch ist, wie es uns Feministinnen stets suggerieren. Und wer annimmt, dass weibliche Führungspersonen lieber junge, ehrgeizige und schlimmstenfalls auch noch attraktive Frauen als Männer einstellen, der glaubt auch daran, dass Madonna allein durch drei Liter Wasser pro Tag faltenlos bleibt.

Individuen statt Geschlechter

Im Lichte dessen erscheinen Quoten-Debatte und Glasdecken-Diskurs fadenscheinig und eindimensional. Das heißt natürlich nicht, dass es nun einer gesetzlichen Regelung für das Verhalten unter Frauen bedarf – was ohnehin unmöglich wäre. Vielmehr sollte man einsehen, dass das Berufsleben (genauso wie das Leben generell) nun mal ein Mit- und Gegeneinander von Individuen, nicht jedoch von Geschlechtern ist. Mal muss sich eine Frau gegen einen Mann durchsetzen, mal gibt es Schwierigkeiten zwischen der Auszubildenden und der Chefin, mal kann der Internist den neuen Assistenzarzt nicht ausstehen. Konkurrenz belebt das Geschäft, Antipathien sind menschlich. All das gehört zum Leben und zur Wirtschaft, die sich nicht quotieren lassen sollte.
Auch nicht aufgrund einer etwaigen Glasdecke. Solange männliche Frauendiskriminierung inflationär betont, jedoch andere Risiken und Nebenwirkungen des Berufsalltags unter den Teppich gekehrt werden, solange erscheint auch das Feindbild der „mächtigen Männerclique“ vielmehr als Vorwand, um Gleichheit herbei- und Wettbewerb abzuschaffen. Was, nebenbei bemerkt, ganz offensichtlich erklärtes Ziel der EU ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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