Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen. John Steinbeck

Wie man die Antisemitismus-Keule richtig bedient

Zu den Vorzügen der Antisemitismus-Keulen-Debatte gehört nicht nur, dass sie herrlich vom subtilen Judenhass ablenkt, sondern auch der Opferbonus, den sie dem vermeintlichen Zielobjekt verschafft.

Zu den großartigsten Errungenschaften, die Deutschland so zu bieten hat, gehört zweifellos die Israelkritik. Einst behutsam im „Nie wieder“-Biotop kultiviert und seitdem liebevoll gehegt und gepflegt, erblüht sie heute in den prächtigsten Formen und Farben. Damit das auch so bleibt, sind „wir“ stets bemüht, das zarte Pflänzchen vor dem giftigsten Schädling – nämlich der „Antisemitismus-Keule“ – zu bewahren. Klar, denn lieber einmal Antisemitismus zu viel, als einmal Israelkritik zu wenig, wie es eine Woche zuvor an dieser Stelle nachzulesen war.

Wer schwingt da eigentlich?

Seitdem hat sich viel getan. In Großbritannien soll es wie aus Kübeln schütten, und auch TE-Kolumnist Mark T. Fliegauf, der neulich schon die Broder’sche „Antisemitismus-Keule“ beklagte und sodann von einer „Welle der ganz anderen Art“ heimgesucht wurde, hat sich von diesem Schock offenbar immer noch nicht ganz erholt. Nun ging er „in Berufung“ und philosophierte dazu über „die Dreistigkeit, all jene berechnend zu stigmatisieren, die nicht mit Broder einer Meinung sind“, und darüber, dass dieser sich „hierzu nur allzu gern der Antisemitismus-Keule bedienen“ würde. Dinge also, die offenbar noch mal todesmutig gesagt werden müssen.

Logisch, denn wo kämen wir, und mit uns die Israelkritik, nur hin, wenn ein jeder wild loskeulen würde? Oder stopp, nicht ganz. Wer schwingt sie denn noch mal, diese Keule? Richtig, natürlich nicht jeder dahergelaufene Dorftrottel, sondern vorwiegend die Juden! Früher haben sie noch Brunnen vergiftet und aus Christenblut Matzen gebacken, heute hingegen kontrollieren sie die USA, das Finanzsystem sowie die Medien, gehen auf unschuldige Palästinenser los und benehmen sich fast schon wie die Nazis. Und als wäre das nicht schon dreist genug, greifen sie zusätzlich noch zur Keule, um kritische Israel-Freunde zum Schweigen zu bringen.

Eine Chuzpe sondergleichen also, unter der bereits unzählige Bescheidwisser zu leiden hatten. Und nun also auch Mark T. Fliegauf, der sich vorige Woche zum zweiten Mal auf die Suche nach der Keule begab. Irgendwo muss sie doch sein, verdammt! Wo könnte Broder sie bloß versteckt haben? Vielleicht im Bundeskanzleramt? Volltreffer! Denn nichts anderes sei „Broders Versuch, Angela Merkel ob ihrer Kritik an Thilo Sarrazin in die Tradition der Reichsschrifttumskammer zu stellen“. Gleiches Spiel mit der angeblich ebenfalls Keulen-geprüften Claudia Roth. Alles Leute also, von denen man seit dieser grausamen Attacke nie mehr etwas gehört oder gesehen hat.

Do-it-yourself-Keule

Und dann wäre da natürlich noch der Kolumnist – selbst ein prominentes Opfer der Keule, deren wuchtigen Schlag er nur knapp überlebte. Gemein aber auch: Da „beleuchtet“ man einmal tapfer Broders Grass-Kritik, vergisst im Eifer des Gefechts ausnahmsweise die Argumente, und schon wird man von einer „Welle der anderen Art“ begraben. Da hilft nur noch eins: Lauthals „Aua!“ schreien, „Ich bin aber kein Antisemit!“ winseln, „in Berufung“ gehen und Dinge, die einem „in den Mund gelegt“ wurden, beklagen – und schwups, schon wird ein Keulchen draus. Die Botschaft dahinter: Seht ihr, liebe Leser, es gibt sie wirklich, die Antisemitismus-Keule! Man muss sich nur lang genug von ihr verfolgt fühlen, sodann bereitwillig zu Boden werfen und ausgiebig jammern. Danach sind Juden und Nicht-Juden wieder quitt – jeder war mal Opfer der NS-Zeit.

Komisch ist nur, dass Herr Fliegauf trotz seines keuligen Erlebnisses immer noch putzmunter und öffentlich darüber philosophieren kann. Gewiss, das darf, soll und muss er sogar. Aber sieht so der allseits gefürchtete Mundtod aus? Nun, einzig der Kolumnist selbst könnte hier zur Klärung beitragen – es sei denn, er buddelt gerade die nächste Keule aus.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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