Gott nützt mir letztlich nur, wenn er ist. Walter Kasper

Augen zu

Nach dem Blutbad in Toulouse sorgt sich halb Europa um das Bild des Islams sowie um die verlorene Seele des Täters. Dass er dabei auch Juden tötete, weil sie Juden waren, spielt hingegen keine Rolle.

Vorige Woche wurde es eng für die Elite der europäischen Bescheidwisser. Denn der Mann, der in Toulouse zunächst drei Soldaten und kurz darauf einen Rabbi sowie drei jüdische Schulkinder brutal ermordete, war wider Erwarten doch nicht „blond, blauäugig und skrupellos“, sondern überzeugter Islamist mit Faible für Reisen ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet. Nun musste man freilich umdisponieren, den schließlich zählt ja nicht die Tat, sondern die Motivation des Täters. Wie also konnte es nur so weit kommen?

Verharmlosung trifft auf Blindheit

Klar ist, dass das blutige Gemetzel natürlich rein gar nichts mit dem Islam zu tun hatte. Zudem soll Mohammed Merah auch ein „sanfter Mensch“ gewesen sein, was vor allem diejenigen verstehen, die in Osama bin Laden auch einen liebevollen Familienvater sahen. Außerdem wurde der Mann ja lediglich radikalisiert – also sicherlich ohne eigenes Zutun und rein zufällig. Indes geriet auch die „Tagesschau“ in Sorge. Freilich nicht wegen weiterer potenzieller Dschihadisten, sondern vielmehr angesichts der Vertiefung gesellschaftlicher Gräben. „Werden die fünf Millionen französischen Muslime durch die Morde von Toulouse noch weiter an den gesellschaftlichen Rand gedrängt?“, orakelte es da munter aus der Redaktionsstube. Und als Nicolas Sarkozy vor einer „Verquickung von Religion und Terrorismus“ warnte, war die „Süddeutsche Zeitung“ gleich so aus dem Häuschen, dass sie dessen Worte sinngemäß flugs in nahezu jedes (z.B. hier, hier und hier) ihrer Toulouse-Pamphlete einbaute.

Vor lauter Aufregung erinnerte sich dann offenbar niemand mehr an das, was Mohammed selbst verlauten ließ. Dass er gezielt Juden, darunter drei Kinder, erschoss, um so palästinensische Kinder zu „rächen“, schien wohl für viele ein probater Beitrag zum Nahostfriedensprozess zu sein. Zumindest insofern, als keiner der zahlreich anwesenden Islamismus-Experten diese zweifellos ehrliche Ansage für kritikwürdig hielt. Daher erkundigte sich freilich auch niemand nach den palästinensischen Kindern, die es zu rächen galt. Doch nicht etwa, weil diese gar nicht existieren? Denn im Gegensatz zu Mohammed knallt Israel eben nicht wohl kalkuliert unschuldige Menschen ab. Aber womöglich war das von Israelkritik beseelte Expertentum einfach zu busy, um die klassische Pali-Lüge umgehend zu widerlegen. Ähnlich sprach es dann letztlich auch aus dem Berliner Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz. Der konnte hier nämlich ebenfalls beim besten Willen „keine neue Dimension des Antisemitismus“ erkennen, womit er wenigstens eindrucksvoll demonstrierte, dass seine Pensionierung eine gute Idee war.

Nie wieder Generalverdacht

Aber gut, so ist das eben. Judenhass erkennt der Experte nur, wenn er in Springerstiefeln und mit Glatze daherkommt oder vor 1945 stattfand. Alles darunter ist vielleicht irre, israelkritisch, aber sicher nicht antisemitisch. Selbst dann nicht, wenn Juden – wie nun in Toulouse – nur deshalb ermordet werden, weil sie Juden waren. Unter dem Motto „Nie wieder“ bekämpft man indes tapfer den bedrohlichen Generalverdacht, während ein von Propaganda beseelter Islamist ungestört Juden abknallen konnte und die nächsten edlen Wilden vielleicht schon in den Startlöchern sitzen. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, stellt sich hier freilich ganz und gar nicht.

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