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Der Krieg der Körper

Unser Körper ist zum Hassobjekt geworden. Leider ist es unmöglich, Unterdrücker von Unterdrücktem zu unterscheiden.

Es ist normal geworden, dass wir gegenseitig unsere Körper bewerten. Wegen seines Gewichts diskriminiert zu werden, ist inzwischen eine der häufigsten Diffamierungen in den USA. In den Medien – populär wie akademisch – werden die „Dicken“ für wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht und wird den „Dünnen“ vorgeworfen, unrealistische Schönheitsideale zu verkörpern. Unser Körper ist zum Hassobjekt geworden, wir sind in den Krieg gegen ihn gezogen.

Einzelne Begriffe zeigen schon, wie problematisch unser Verhältnis zu unseren Körpern geworden ist. Wer von „Untergewicht“ und „Übergewicht“ spricht, impliziert, es gäbe auch ein universelles „Gesundgewicht“. Wie dick oder dünn jemand ist, lässt uns schlussfolgern, ob er ein fähiges Elternteil, ein passender Lebenspartner oder ein guter US-Präsident sein wird.

Unsere Körper werden unterdrückt

Dicke Menschen werden benachteiligt, dünne genießen automatisch Privilegien: Körperhass gibt es in allen Gewichtsklassen. Jeder wird davon in seinem Verhalten beeinflusst. Selbst wenn man sich dessen bewusst ist und versucht, es zu ignorieren, darf man nicht vergessen: Wir alle haben aufgrund unserer Körper schon Privilegien genossen oder Nachteile gehabt. Die Grenze dazwischen verläuft allerdings alles andere als deutlich. Würden wir die Debatte auf ein „Entweder – Oder“, ein „Dick oder Dünn“, beschränken, wäre das eine Vereinfachung der tatsächlichen Erfahrungen. Wie viel wir wiegen, ist nur ein Teil des großen Ganzen.

Der Krieg der Körper muss vor dem Hintergrund der verschmolzenen kulturellen Identitäten betrachtet werden: Auch ethnische, religiöse und sozio-ökonomische Faktoren sind Teil der Unterdrückung und der Privilegien. Denn unsere Körper sind komplex und die Methoden, durch die sie unterdrückt oder privilegiert werden, sind vielfältig. Das geschieht auf institutioneller wie auf persönlicher Ebene. Ob Gesundheit, Bildung, Arbeit oder Politik: Es gibt keine „sicheren“ Bereiche mehr.

Dazu kommt: Mit jedem gutgemeinten Versuch, das Körpergefühl zu verbessern, verschlimmert sich die Lage noch weiter. Ein gutes Beispiel dafür ist die Online-Kampagne „Echte Frauen haben Kurven“ („Real women have curves“), die sich für die Akzeptanz nicht-perfekter Figuren einsetzt. Die Kampagne trägt aber nur dazu bei, dass der Körperhass bestehen bleibt. Warum? Ganz einfach, sie vermittelt indirekt den Eindruck, dass es „wertvolle“ und „weniger wertvolle“ Körper gibt – sonst müsste man ja nicht für die Akzeptanz der einen Gruppe kämpfen. Auch über die Probleme durch sogenanntes „skinny shaming“ – also die Diskriminierung dünner Menschen – zu sprechen, ist nur auf den ersten Blick sinnvoll. Denn obwohl es die Erfahrungen der dicken Menschen auf die der dünnen überträgt, verlagert es den Körperhass nur.

Der Kampf gegen den eigenen Körper ist so tief in der Gesellschaft verankert, dass es mitunter unmöglich ist, Unterdrücker von Unterdrücktem zu unterscheiden. Diese Erkenntnis muss endlich ernst genommen und die Auswirkungen bekämpft werden. Denn die Probleme des Körperhasses zeigen sich an vielen Stellen und führen zu physischen und psychischen Krankheiten. Es fehlt jegliche Lobby: Dicken Menschen wird nur selten eine Stimme gegeben und die dünnen werden zum Schweigen gebracht – so stark wirkt der Hass. Die größte Gefahr im Krieg der Körper ist es, zu leugnen, dass es diesen Kampf überhaupt gibt. Wer den Hass ignoriert, hält das System am Laufen.

Kapital aus dem Körper schlagen

Nichtstun verschlimmert die Lage zusehends: Wir konsumieren Medien, kaufen Kosmetikprodukte oder hören uns einen Vortrag zu den Risiken von Übergewicht an – alles ohne dagegen zu protestieren, dass wir so unsere individuelle Macht an Institutionen verlieren. Das heißt nicht, dass all diese Entscheidungen schlecht sind. Viele sind nötig, einfach um den Tag zu überstehen. Trotzdem, wenn wir weiterhin nichts tun, wird der Hass auf unseren eigenen Körper nur noch größer werden.

Als Reaktion auf diesen zunehmenden Hass haben sich Bewegungen gebildet, die nach dem Prinzip „gesund in jeder Kleidergröße“ („Health at every size“) funktionieren. Dieser Ansatz macht es möglich, die Wahrnehmung des Körpers grundlegend zu verändern. Anders als die Industrie profitieren diese Bewegungen nicht von Hass. Die positive Einstellung zum Körper, mit ihm respektvoll umzugehen und radikale Selbstliebe führen zu einer neuen Freiheit. Nämlich der Freiheit, uns selbst ehrlich und authentisch Ausdruck zu verleihen. Das erfordert, dass jeder Einzelne seine Privilegien und Nachteile überprüft, versteht und diese Erkenntnisse dann nutzt. Das ist ein sehr schwieriger und sehr persönlicher Prozess. Aber er ist notwendig.

Die Diskussion um unsere Körper – ob im Privaten oder in der Öffentlichkeit – muss von einem Krieg der Körper zu einem Frieden kommen. Es mag sein, dass wir nie eine Zeit erleben werden, in der die entscheidenden Faktoren für die Betrachtung unserer Körper von innen und nicht von außen kommen. Trotzdem sollten wir nicht vergessen: Wer von externen Faktoren abhängig macht, wie wohl er sich mit dem eigenen Körper fühlt, spielt jenen in die Hände, die aus dem Hass Kapital schlagen.

Dabei verkörpert doch jeder Mensch seine eigene Geschichte: Wen lassen Sie Ihre aufschreiben?

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Monika Thiele, Christoph Klotter, Daniel Küblböck.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

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