Ein Präsident ist wie ein Friedhofswächter: er hat viele Leute unter sich, aber keiner hört zu. Bill Clinton

„Schützt uns vor den Soziopathen“

Wie kann die Menschheit überleben? Sebastian Pfeffer spricht mit Jeffrey Sachs, dem Direktor des Earth Institutes, über die Schwierigkeit, die Welt zu retten.

The European: Herr Sachs, ich habe eine einfache Frage für Sie: Wie schaffen wir es, die Menschheit zu retten?
Sachs (lacht): Meine schnelle Antwort ist, dass wir klare Ziele mit eindeutigen Prioritäten für die kommenden Generationen setzen und alles dafür tun müssen, um diese Ziele auch zu erreichen.

The European: Wird 2015 dafür das entscheidende Jahr sein?
Sachs: Nächstes Jahr werden wahrscheinlich alle 193 UN-Mitgliedsstaaten die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ akzeptiert haben. Es geht also um den Kampf gegen Klimawandel, Armut und Seuchen, die Förderung universeller Bildung, die Bewahrung der Artenvielfalt und andere hochgesteckte Ziele. Ich glaube, dass der Prozess, der zum Setzen dieser ambitionierten Ziele führt, besonders wichtig ist. Denn auf jede dieser Herausforderungen, nehmen Sie etwa den Klimawandel, gibt es echte und praktikable Antworten. Viele Lösungen sind bereits bekannt, wir müssen sie bloß umsetzen – und wenn die entsprechende Technik noch fehlt, dann wissen wir bereits viel darüber, wie wir sie entwickeln können.

The European: Aber?
Sachs: Solche Antworten sind nicht immer einfach. Wir brauchen Wissenschaft, Technologie und gesunden Menschenverstand, um sie umzusetzen. Aber sobald wir uns global auf bestimmte Ziele geeinigt haben, steigen die Chancen, unsere Aufmerksamkeit auf diese besonders wichtigen Fragen zu lenken. Wenn wir uns keine Ziele setzen, werden wir die ­großen Probleme erst überhaupt nicht angehen.

The European: Wird 2015 unsere letzte Möglichkeit sein, das Ruder herumzureißen?
Sachs: Einem meiner letzten Papiere wollte ich die Überschrift „Die letzte Chance“ geben, aber meine Kollegen hielten das für zu pessimistisch. (lacht)

The European: Dabei haben Sie bislang vor allem Bücher mit optimistischen Titeln geschrieben.
Sachs: Stimmt. Doch die kommenden Verhandlungen sind tatsächlich die letzte Chance, eine Klima-Katastrophe zu verhindern. Die letzte Möglichkeit, uns zum Zwei-Grad-Ziel zu bekennen, auf das wir uns ja schon 2010 geeinigt hatten. Uns läuft schlicht die Zeit davon; was schon ironisch ist, wenn man bedenkt, dass wir mehr Möglichkeiten haben als je zuvor. Es ist enttäuschend zu sehen, wie viele Kriege nun wieder toben und wie unglaublich viel wertvolle Zeit wir verplempern.

The European: Kriege gibt es selbst in Europa, dem einstigen Garant für Frieden.
Sachs: Es macht depressiv zu sehen, wie schwer es ist, etwas aufzubauen, und wie einfach, es einzureißen.

„Es ist eine Sache, die Sinnlosigkeit von Krieg zu erkennen“

The European: Wie können wir das ändern?
Sachs: Wir müssen diese Konflikte dort verhandeln, wo sie hingehören: Auf den Fluren der UN und im Sicherheitsrat. Dort kann es ein Nachdenken, Verhandlungen und Diplomatie geben. Dann müssen wir den USA, Russland und anderen klar machen, dass sie aufhören müssen, ihre militärische Macht zu nutzen. Diese Länder können bombardieren und zerstören, aber sie haben nicht die Kraft, Probleme alleine zu beseitigen. Lösungen können nur im UN-Kontext gefunden werden. Das gilt für Irak, Syrien, Libyen und die Ukraine.

The European: Sie schrieben kürzlich, Clausewitz hätte sich geirrt, weil Kriege im Industriezeitalter keine ­Probleme gelöst haben. Es scheint, als würden viele Leute das anders sehen.
Sachs: Vor hundert Jahren erschien ein berühmtes Buch mit dem Titel „The Great Illusion“. Norman Angell, der dafür den Friedensnobelpreis bekam, argumentierte, dass Kriege keine Probleme lösen. In einer vernetzten Welt könne selbst der Gewinner aus wirtschaftlicher Sicht nur verlieren. 1910 war das Buch ein Bestseller und nur vier Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. Angell blieb dennoch stur: „Seht her, ich hatte recht! Der Krieg war ein Desaster, vielleicht hört ihr mir jetzt zu.“

The European: Lassen Sie mich raten: Er schrieb ein weiteres Buch?
Sachs: Er veröffentlichte „The Great Illusion“ 1933 erneut. Natürlich hat das nichts geholfen. Es ist eine Sache, die Sinnlosigkeit von Krieg zu erkennen, und eine andere, Konflikte zu stoppen oder gar zu verhindern.

The European: Warum ist das so?
Sachs: Wir haben die tiefverwurzelte Angewohnheit, die andere Seite als pures Böses und uns selbst als pures Gutes zu betrachten. Wenn wir uns die heutigen Konflikte ansehen, wird klar, dass alle Beteiligten für sich behaupten, vollkommen im Recht zu sein. Besonders betroffen macht, dass das aus Sicht der Beteiligten keine hohlen Phrasen sind, sondern dass sie das auch wirklich glauben.

The European: Wie kommt das?
Sachs: Es liegt in der menschlichen Natur. Nur außenstehende Beobachter erkennen, dass beide Seiten teilweise richtig und teilweise falsch liegen. Man ist versucht zu fragen: Wie konntet ihr nur in diese Falle laufen?

The European: Die richtige Antwort scheint auf der Hand zu liegen.
Sachs: Natürlich, aber die Kriegsparteien können den Glauben an ihre eigene Überlegenheit nicht ­abstreifen. Es ist enorm schwierig, diese Denke aus den Köpfen zu bekommen. Deshalb sind die Vereinten Nationen so wichtig.

The European: Heute stehen uns viel mehr Informationen zur Verfügung als jemals zuvor. Sollte das nicht dabei helfen, Konflikte zu vermeiden?
Sachs: Ich bin erschüttert, wie selten wir ernsthaft miteinander reden, obwohl das heute so einfach ist. Wir können jederzeit sprechen und wissen so viel über den anderen – aber wo findet echter Dialog zwischen politischen Führern schon statt?

The European: Warum drücken wir uns vorm Reden, aber nicht vorm Schießen?
Sachs: Dialog wird oft als Schwäche ausgelegt. Es heißt dann schnell: „Wie kannst du bloß mit unseren Feinden sprechen, Gespräche mit der anderen Seite sind inakzeptabel.“ Israel wird „niemals“ mit der Hamas verhandeln und andersherum. Damit schaden sich beide Seiten. Es ist falsch, Verhandlungen auszuschließen.

„Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen“

The European: Sie haben immer wieder zum Zeitalter der Nachhaltigkeit geschrieben. In der Theorie klingt das großartig bis utopistisch, aber was ist mit denjenigen, die von Kriegen und Katastrophen profitieren wollen?
Sachs: Es gibt solche Soziopathen, das lehrt uns die menschliche Geschichte, die Psychologie und die Neurowissenschaft. Solche Menschen haben ihrer Natur folgend kein Interesse an einer besseren Welt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Politik, Soziopathen von der Macht fernzuhalten. Ihnen muss ihr schlechter Ruf vorauseilen. Jedem Fall von Korruption, Gier und Lügen in Politik und Wirtschaft muss mit einem Aufschrei begegnet werden.

The European: Ironischerweise könnte es gerade in der Politik besonders viele Soziopathen geben.
Sachs: Allerdings. Anderseits ist der allergrößte Teil der Menschen nicht so veranlagt und deshalb in der Lage, zu kooperieren und zu verhandeln. Das ist ein entscheidender Punkt. Die meisten Palästinenser und Israelis – um ein Beispiel zu nennen – wollen Frieden und unterstützen eine echte Zwei-Staaten-Lösung. Aber die Extremisten, und damit oft genug auch die Soziopathen, übertönen sie. Das müssen wir im Hinterkopf behalten. Es ist eine Frage der Moral und der Institutionen, die gefährlich Verrückten am Boden zu halten. Gleichzeitig müssen die Friedliebenden mit allen Mitteln unterstützt werden.

The European: Aber wie können wir Soziopathen ausschalten und davon abhalten, andere zu gefährden?
Sachs: Unser Wissen kann uns helfen. Eine präsidentielle Demokratie ist beispielsweise anfälliger als eine parlamentarische Demokratie, denn Erstere legt sehr viel Macht in die Hände einer einzelnen Person. Das Risiko, dass ein Soziopath auf diese Weise zu viel Einfluss gewinnt, ist in parlamentarischen Systemen deutlich geringer.

The European: Was lehrt uns das?
Sachs: Entscheidend ist, dass wir uns unsere gemeinsamen Bedürfnisse, Ziele und Risiken vor Augen führen. Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen, die versprechen, die Welt zu führen und ihre Probleme zu lösen. Nicht einmal auf ein einzelnes Land dürfen wir uns verlassen. Wir brauchen einen maximal transparenten Prozess der Problemlösung, um so breiten Konsens zu schaffen.

The European: Wie kann das gelingen?
Sachs: Wir müssen in drei besonders entscheidenden Feldern Vereinbarungen treffen. Zuoberst stehen die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“, weil sie uns Orientierung geben werden. An zweiter Stelle kommt ein neues Klimaabkommen, weil das unsere letzte Chance ist, die Erde, so wie wir sie kennen, zu bewahren. Drittens müssen wir auf einem wichtigen Gipfel im kommenden Juli einen tragfähigen finanziellen Rahmen für nachhaltiges Wachstum schaffen. Die Reichen müssen den Armen helfen, spekulative Geschäfte und Steuerflucht sind einzudämmen und gehören in langfristige und nachhaltige Investitionen umgemünzt. Die drei großen Treffen im kommenden Jahr sind unsere beste Chance, die Katastrophe zu verhindern.

The European: Sind Sie optimistisch gestimmt?
Sachs: Optimismus oder Pessimismus sind egal, wir müssen auf den Erfolg hinarbeiten. Das ist alles, was zählt.

Übersetzung aus dem Englischen. Das Gespräch entstand im Rahmen unserer Kooperation mit dem Forum Alpbach.

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