Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Meer Schutz

Der hohe CO2-Ausstoss droht die Meere zu versauern. Damit ist die Eiweißversorgung von Milliarden von Menschen bedroht. Was getan werden muss, zeigen die USA.

Das US-Umweltministerium EPA hat im Juni 2014 mit dem „Clean Power Plan“ eine Emissionsrichtlinie vorgelegt, mit der die Klimaverträglichkeit der Stromwirtschaft verbessert werden soll. Diese Vorschrift ist aber auch durch ihre besondere Bewertung von Kohlendioxid (CO2) ein international beispielhaftes Regelwerk.

Bis 2030 soll der CO2-Emissionsstand im US-Stromsektor vor allem bei Kohlekraftwerken um 30 Prozent im Vergleich zu 2005 reduziert werden. Die Zielerfüllung erfolgt anteilig in den einzelnen Bundesstaaten. Im Mittleren Westen wird Elektroenergie hauptsächlich mit CO2-belasteten Steinkohlekraftwerken erzeugt, deren Modernisierung oder Stilllegung nunmehr ansteht. Ansonsten sollen Effizienzmaßnahmen und Kraftwerke mit verminderten CO2-Ausstoss auf Basis von fossilen Brennstoffen, regenerativer und nuklearer Technik, ausgebaut werden.

Bereits seit Ende des 20. Jahrhunderts werden die meisten neu errichteten US-Kraftwerke mit Erdgas befeuert. In Kalifornien wurden zudem 2007 beim Stromhandel maximal 499 kg CO2 pro Megawattstunde (MWh) vorgeschrieben, was den Emissionen eines Gaskraftwerks entspricht.

CO2-bedingte Klima- und Gesundheitsrisiken

Das „Risky Business Project“ wurde 2013 unter dem Vorsitz von Michael Bloomberg und weiteren US-Finanzexperten gegründet. In einer ersten Analyse sind CO2-bedingte Kosten von mehreren Dutzend Milliarden US-Dollar pro Jahr durch Ernteausfälle, Sturmschäden, den steigende Meeresspiegel und Gesundheitsfolgen veranschlagt worden. Die Bürgermeisterkonferenz der USA hat deshalb die Einberufung eines nationalen Klimaschutzrats zu vorbeugenden Strategieberatungen gefordert. Eine entsprechende Dringlichkeit ist in vielen Bereichen der Volkswirtschaft offenkundig geworden.

So ist beispielsweise ein Ertragsrückgang bei einzelnen Muschelbeständen in den Küstenstaaten infolge der CO2-abhängigen Ozeanversauerung aufgetreten. Die stetige Abnahme des pH-Werts in den Weltmeeren geht derzeit mit der 100-fachen Geschwindigkeit der letzten 300 Millionen Jahre voran. Die Ozeane sind damit zum Seismographen für die CO2-Belastungen der globalen Energiewirtschaft geworden.

Quecksilber als lufthygienischer Leitparameter

Ein Hauptanliegen der US-Umweltpolitik ist der Schutz vor Schwermetallen. Gemäß der 2011 erlassenen Richtlinie MATS (Mercury and Air Toxics Standards) wird eine Quecksilbervermeidung von über 90 Prozent im Rauchgas vorgeschrieben.

Modernisierte Kohlekraftwerke – ca. 250 Gigawatt (GW) – sollen die MATS-Vorschrift erfüllen, während ältere Anlagen (60 GW) bis 2020 stillgelegt werden müssen. Strenge Grenzwerte für Quecksilber tragen somit zugleich zur CO2-Senkung bei. Die in Deutschland nicht unterbundenen Quecksilberemissionen können in einem Braunkohlekraftwerk mehr als ein Kilogramm pro Tag betragen.

Neue Kohlekraftwerke sind in den USA ohne CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) kaum noch genehmigungsfähig. Die technisch aufwendige Abscheidung ist allerdings nur bei anschließender Verwertung des Kohlendioxids wirtschaftlich, so vor allem durch die Verpressung des CO2 in Altbohrfeldern zur Förderung des restlichen Erdöls.

Die Verbrennung der daraus gewonnenen Kraftstoffe stößt aber mehr CO2 aus, als zuvor in der Förderstätte eingelagert worden war. CCS verwandelt deshalb abgeschiedenes CO2 in vermehrte Emissionen im Verkehrsbereich.

CO2 im Schadstoffregister

Anstatt wie ein harmloses Spurengas behandelt zu werden, wird Kohlendioxid im EPA Clean Power Plan als „pollutant“ – Umweltschadstoff – definiert. Diese gesetzlich verbindliche Auslegung ist 2012 vom Obersten Gerichtshof bestätigt worden.

Das CO2 leistet allerdings nur einen Teilbeitrag zur globalen Klimaerwärmung, deren Verlauf auch von anderen Treibhausgasen sowie von der Landnutzung abhängt. Einzelne erwärmungsbedingte Vorteile wie etwa verlängerte Vegetationsperioden in den nördlichen Ländern können zudem die wirtschaftlichen Verluste des Klimawandels teilweise wieder ausgleichen.

Demgegenüber ist die Verwandlung von Kohlendioxid in Kohlensäure allein für die Versauerung (Alkalinitätsverlust) der Ozeane verantwortlich. Die heutige atmosphärische CO2-Konzentration von 402 ppm nimmt um 3 ppm pro Jahr bei weiter steigender Tendenz zu. Die sich kumulierenden Emissionen bewirken bei 560 ppm eine pH-Abnahme in den Ozeanen auf 7,95 (derzeit ca. 8,06), bei der die Anpassungsfähigkeit von zahlreichen kalkbildenden Spezies überstiegen wird.

Eiweißversorgung bedroht

Die absehbaren Störungen des meeresbiologischen Gleichgewichts ab Mitte dieses Jahrhunderts machen eine vorbeugende Senkung von CO2-Emissionen zur vordringlichen energiewirtschaftlichen Aufgabe.

Das Kohlendioxid ist im Ergebnis das bedeutendste Umweltgift überhaupt. Die EPA-Definition als Umweltschadstoff sollte deshalb zum Maßstab aller zukünftigen CO2-Reduktionsstrategien erhoben werden. Denn die damit einhergehende Klimaerwärmung würde sonst aufgrund der gesteigerten Reaktionsfähigkeit des Meerwassers die Karbonatbildung bei Steinkorallen und Muscheln zusätzlich erschweren. Der dadurch weniger ergiebige Schalentier- und Fischfang könnte bereits vor Ende dieses Jahrhunderts die Eiweißversorgung mehrerer Milliarden Menschen bedrohen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Felix Ekardt, Thilo Spahl, Thilo Spahl.

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