Im 18. Jahrhundert besaßen die meisten Menschen nur zwei Monturen Kleidung. Die Nachfrage wuchs mit der Stabilisierung der Gesellschaft. Weber mussten hart arbeiten und doch wurde die Nachfrage nicht gestillt. Es musste etwas her, das die Produktion beschleunigte.
Ende des 18. Jahrhunderts wurde in England eine mechanische Spinnmaschine erfunden: Die „Spinning Jenny“ wurde der Inbegriff für die industrielle Revolution. Stoffe, die zuvor in Handarbeit an einem Webstuhl erstellt wurden, konnten so in Massen produziert werden – die Massenproduktion war geboren und viele Handwerksberufe bekamen nach und nach Konkurrenz durch Maschinen. Das alte Lied.
Heute ist alles besser!
In unserer Zeit haben wir uns angepasst und keine Ausbildung zum Weber gemacht, sondern haben die Banklehre oder das Informatikstudium vorgezogen. Wir arbeiten zu 70% im Dienstleistungssektor, unser bevorzugtes Arbeitsgerät ist der Computer. Unserer Kleidung ist zu 90% in Fernost produziert, ist modern und so erschwinglich, dass wir alles im Überfluss besitzen. Manchmal stört es uns, dass wir in der U-Bahn jemanden sehen, der die gleiche Jacke trägt, aber damit leben wir.
Dass es seit einiger Zeit wieder „In“ ist, Dinge selber zu machen, haben wir schon mal gehört oder in unserer Timeline bei Facebook gesehen. Für gewöhnlich haben wir keine Ahnung, wie man die Waschmaschine repariert oder ein Loch im Pullover stopft. Wozu auch? Neu ist oft günstiger als reparieren und dann gibt es ja auch noch Vintage.
Unsere Eltern-Generation hat meist keine Ahnung mehr vom Selber-Machen.
Unsere Eltern sind aufgewachsen in der Zeit des Wirtschaftswunders. Selber-Machen mussten doch nur die, die kein Geld hatten. Auch in den Schulen gibt es keine Handarbeits- oder Werken-Stunden mehr. Und dann taucht plötzlich eine Häkeldecke von Oma Jutta auf und weckt Sehnsucht in den Jungfrauenherzen. Oma muss zeigen, wie das geht und wenn Oma es nicht kann, dann wird ins Internet geschaut. Bei YouTube finden sich über 100.000 „How to crochet“ – Videos.
Anschauen, nachmachen und feststellen, es macht Spaß, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen. In der Gemeinschaft macht es noch mehr Spaß und die Kreativität wird beflügelt. Ohne Blogs, Video-Plattformen und Social Networks wäre daraus bestimmt kein Trend geworden. Alte Techniken werden mit Neuem kombiniert und die Individualität bekommt ein selbstgemachtes textiles Gesicht.
Neue Gemütlichkeit im urbanen Raum durch Yarn Bombing
Das geht soweit, dass es nicht nur die eigenen Sachen und vier Wände sind, die verschönert werden, auch das urbane Umfeld soll „gemütlicher“ werden.
Unter dem Begriff „Yarn Bombing“ agieren weltweit Gruppen, die öffentliche Gegenstände umstricken oder umhäkeln. Selbst der Bulle vor der Börse in New York auf der Wallstreet wurde von einer Künstlerin umhüllt.
In Berlin hat sich unter dem Namen „Panikstricken“ ebenfalls eine Gruppe zusammengefunden, die oft unauffällig Geländer oder auch schon mal ganze U-Bahn-Wagen einstrickt.
Das ist Graffiti mit Kuschelfaktor, was den DiY-Zeitgeist ausdrückt. Bekannt und verbreitet wird all das durch Social Media. Der Blick wird geschärft für individuelle Fertigungskünste. Massenware ist out und passt nicht zum sozial-ökologischen, liberal-intellektuellen, performendem und expeditivem Milleu.
Beginnt die anti-industrielle Revolution auf den virtuellen Marktplätzen Etsy und DaWanda?
Wer dann doch eine linke Hand zuviel hat, nutzt Online-Marktplätze wie Etsy und DaWanda, um Selbstgemachtes zu kaufen und unterstützt damit einen der unzähligen Kreativen, die ihre Werke dort vertreiben. Da kann es schon mal passieren, dass einer, der nebenher Lampen aus Plastikbechern gebastelt hat, plötzlich davon leben kann.
Bei Etsy geht es scheinbar nicht vorrangig um Kommerz und Wachstum: „Unser Ziel ist es, jedem zu ermöglichen, die Weltwirtschaft auf eigene Weise neu zu definieren. In der Welt, wie wir sie uns vorstellen, haben sehr kleine Unternehmen viel mehr Einfluss auf die Wirtschaft, regionale Märkte können florieren und Leute schätzen Urheberschaft und Herkunft einer Ware ebenso sehr wie den Preis und den Komfort. Wir geben dem Handel eine Seele und schaffen eine gerechtere, nachhaltigere und heiterere Welt.“
Social Media Club Berlin am 19.12. im Grünen Salon
Der Social Media Club hat zu seinem letzten Event im Jahr 2012 am 19.12. Emily Pelich von Etsy Deutschland eingeladen, um über das Phänomen des Selbstgemachten zu sprechen. Wir möchten herausfinden, geht es dem Online-Marktplatz um Revolution oder doch nur um Kommerz? Und was hat es mit dem Wunsch des europäischen Etsy-Chefs Matthew Stinchcomb auf sich, Währungen auf Etsy komplett abzuschaffen und einen Tauschhandel einzuführen?
Interessierte sind herzlich eingeladen, sich über unsere Xing-Gruppe Social Media Club Berlin zu akkreditieren. Außerdem haben The European-Leser die Möglichkeit, sich über eine gesonderte Gästeliste anzumelden. Um einen der 20 Plätze zu ergattern, schreiben Sie einfach eine E-Mail an info@smc-berlin.org.


















Apropos: “Unsere Eltern-Generation hat meist keine Ahnung mehr vom Selber-Machen” – diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Das Wirtschaftswunder hat vielleicht den einen Teil Deutschlands davon abgehalten, ihre handwerklich kreative Ader auszuleben. Im östlichen Teil wurde sehr lange noch munter improvisiert und alles selbst gemacht, was es nicht zu kaufen gab. Und Werken wie auch Nadelarbeit waren Pflichtfächer – gleichermaßen für Jungen und Mädchen. Sogar für mich noch – und ich bin – glaube ich zumindest – noch nicht so alt, um zu der beschriebenen Elterngeneration zu gehören. Vielleicht müsste man mal diesen Aspekt der unterschiedlichen Sozialisation in die Betrachtung mit einbeziehen. Ich habe mich noch nicht näher damit beschäftigt, fände es aber spannend.
Dass die Ostdeutsche Elterngeneration da anders tickt, ist mir aus dem eigenem Elternhaus bekannt. Aber spannend ist für mich die sich ändernde Motivation zum Selbermachen. Wenn man “früher” Dinge selbst gebaut, genäht oder gestrickt hat, waren die Gründe oft finanzielle oder mangelnde Angebotsvielfalt. Die Gründe heute sind da oft andere, die ich gern ergründen möchte.