Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

So ein Wahlprogramm ist lustig

Was ist der Unterschied zwischen einer „Wachstumsbremse“ und einer „Größenbremse“? Sind wir tatsächlich von „Riesenställen“ und „Monster-LKWs“ bedroht? Haben die Parteien sie noch alle im Wahlprogramm?

Über den Bundestagswahlkampf 2013 ist viel gelästert worden. Vorhersehbar sei er, nicht kontrovers genug und obendrein optisch wenig ansprechend (siehe Steinmeiers Mittelfinger oder Merkels Schlandkette). Eines kann man den Parteien aber nicht zum Vorwurf machen: die Rhetorik ihrer Wahlprogramme.

Wie ein Besen aus Harry Potter

Als würden Bundestagsmandate direkt nach sprachlicher Kreativität vergeben, liefern sich die Parteien eine erbitterte Neologismenschlacht, bei der sich jeder Literaturkritiker noch eine Scheibe abschneiden kann. Es entstehen neue Orte wie die „Luxusghettos“ (SPD), „Telearbeitsplätze“ (CDU) oder „Bioenergiedörfer“ (Linke), an denen rätselhafte Wesen wie die “Marktwächter” (SPD), „Kulturagenten“ (CDU) und die „Patenttrolle“ (Piraten) auftreten. Ihre politischen Anliegen sind Dinge wie der „Hackerparagraph“ (Piraten), die Biopiraterie (Linke), der „Veggie Day“ (Grüne), das „Cybermobbing“ (CDU) oder „Huckepackverfahren“ (SPD). Weiter ausgeschmückt wird diese charmante Phantasiewelt durch das „Recht auf Feierabend“ (Linke) und die „Eiweiß-Strategie“ (Linke) sowie Arbeitsplätze, die nicht nur altersgerecht, sondern auch „alternsgerecht“ sind (Grüne).

Sollte es noch nicht lustig genug zugehen, erfindet die CDU einfach noch ein paar Initiativen mit so schillernden Namen wie „Haus der kleinen Forscher“, „Haus der Zukunft“, „Kinder zum Olymp“, „Schaufenster der Wissenschaft“, „Club der Energiewendestaaten“ oder das „Internet der Dinge“. Die vermeintlich konservative Volkspartei verschließt sich aber auch nicht vor sexy klingenden Anglizismen wie den Programmen „German Mittelstand“, „Power to Gas“ und „Invest Ost“. Mit von der Partie ist auch „Job4000“, ein Inklusionsprojekt, das sich anhört wie ein Besen aus Harry Potter.

Schulden können wie Drogen wirken?

Auch bei der SPD werden englische Sprachfetzen mit deutschen zu einem fröhlichen Brei vermischt. Man beachte das Qualitätssiegel „Made in Ostdeutschland“, den „Masterplan Energiewende“ und die „Clearingstelle Naturschutz und Energiewende“.

Dankbar können wir den Parteien aber nicht nur für ihren umfangreichen Rhetorikkurs sondern auch deswegen sein, weil sie uns vor einer ganzen Reihe drohender Katastrophen warnen. So erinnert uns die SPD daran, dass „Hochleistungscomputer in Sekundenbruchteilen unkontrollierbare Mengen von Transaktionen“ durchführen. Sie sind ein gefährliches Spielzeug, diese „superschnellen Computer“ (Grüne). Zum Glück haben die Grünen auch schon eine Lösung parat: ein „Tempolimit für den Hochfrequenzhandel“.

Auch außerhalb des Internets mit seinen „fast unbegrenzten Möglichkeiten“ (Piraten) lauern Gefahren. So warnt uns die FDP: „Schulden können wie Drogen wirken: Sie schaffen einen Teufelskreis, der erst in die Abhängigkeit führt und die Gesellschaft und die Demokratie dann am Ende vor die Existenzfrage stellt.“ Schöner hätte man die Apokalypse nicht dichten können.

Alles Quatsch, meinen die Grünen

Völlig machtlos sind wir schließlich, wenn die Menschheit von den ganz großen Gefahren des 21. Jahrhunderts heimgesucht wird. Dazu gehören die Monster-LKWs (Piraten), Riesenställe (Grüne) und Megamastanlagen (Grüne). Hinzu kommen Massenerwerbslosigkeit (Linke), Massenentlassungen (Linke), Massenvergewaltigungen (Linke), Massenvernichtungswaffen (CDU), Massenspeicherungen (Grüne) und Massentierhaltung (Grüne). Es ist die reinste Hölle auf Erden.

Neben dem Massen-Präfix jonglieren die Autoren auch mit dem Wortbaustein „Bremse“. Ohne eine Schuldenbremse (CDU) gehe in Europa gar nichts, meinen die bürgerlichen Parteien. Sie warnen vor Wachstumsbremsen (CDU) und fordern stattdessen Subventionsbremsen (FDP), Steuerbremsen (FDP) und Strompreisbremsen (FDP). Alles Quatsch, meinen die Grünen, eine „Größenbremse“ für Banken müsse her. Und: Deutschland dürfe nicht länger „Bremser“ beim Klimaschutz sein.

Stabilitätsunion, Währungsunion und Fiskalunion kennt man ja mittlerweile. Aber haben Sie schon von der Friedensunion (Linke), der Ausgleichsunion (Linke), der Solidarunion (Grüne) oder der Inflationsunion (FDP) gehört? CDU/CSU warnen vor dem Schreckgespenst einer Schuldenunion, werben aber für eine Bankenunion und natürlich für die Union. Wenn Sie gar nicht genug kriegen können, versuchen Sie mal das gleiche Spiel mit den Suffixen „-strategie“, „-effizienz“ oder der Universalwaffe „e“, ein kleiner Buchstabe, mit dem man Dinge elektronisch, also attraktiver machen kann.

Lesestoff von knapp 1000 Seiten

Schließlich gönnen sich die Parteien einen großzügigen Umgang mit sprachlichen Bildern, deren Aussagekraft dadurch ungeahnte Ausmaße annimmt. In der SPD spricht man beispielsweise von einer „sich vertiefenden EU“. Und bei folgendem Bonmot der Linken denkt man eher an die Herstellung einer guten Sauce: „Die Bundeswehr muss in den kommenden vier Jahren drastisch reduziert werden.“

All das zeigt, dass Politik nicht langweilig sein muss. Die Parteien haben sich wahrlich alle Mühe gegeben, unterhaltsame Programme zu schreiben. Aber warum liest sie bloß niemand?

Vielleicht sind sie zu lang – die fünf größten Parteien allein liefern Lesestoff von knapp 1000 Seiten. Oder aber die Leute wissen schon, dass Wahlprogramme sowieso voller Lügen sind. Auch das ist nachvollziehbar, denkt man nur an die FDP, die allen Ernstes behauptet, dass „der Tierschutz seit Jahren eine zentrale Bedeutung“ für sie habe. Warum also machen sich die Parteien solche Mühe? Es bleibt ein Rätsel, aber zumindest ein lustiges.

Der Beitrag entstand in enger Zusammenarbeit mit Bernhard Clemm.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hugo Müller-Vogg, Johannes Vogel, David Neuwirth.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Wahlkampf, Parteien, Btw13

Kolumne

Medium_7d2e7d34fc
von Bernhard Schinwald
24.05.2014

Kolumne

Medium_3e8cf5ce0b
von Christopher Gohl
24.05.2014

Kolumne

Medium_b142f4f40f
von Meike Büttner
23.05.2014
meistgelesen / meistkommentiert