Wenn ich in den Spiegel schaue, bin ich stolz. George W. Bush

Aufgeschobener Untergang

Umzingelt von iPhone-Apps und dem Sony Reader hielt sich das Buch auf der Frankfurter Messe tapfer. Jetzt sorgt ausgerechnet der Musiker Nick Cave dafür, dass sich das Blatt irgendwann wendet.

Vor einer Weile hieß es, die Buchmesse zöge weg aus Frankfurt, nach München etwa oder nach Berlin. Doch neuerdings liegt Frankfurt im Oktober in der Südsee. Denn zwischen Palmengarten und den Gestaden des Mains, auf rituellen Lesungen oder dem allabendlichen Stammestanz an heiliger Stätte lauscht seit ein paar Jahren alles nervös auf die Sirenen eines Tsunami-Frühwarnsystems. Das neue heiße Ding, der Unterwasservulkan E-Book – munkelten die Medizinmänner –, sollte diesmal endlich explodieren.

Um es gleich vorwegzunehmen: Irgendwie rauchten die Schlote, knisterte es im Gebälk, es gab immer mehr Stände, an denen sich die Hardware höher als die Hardcover türmte, aber dennoch: Spekulierte man im Interview mit dem Literaturverleger über künftige Möglichkeiten bei den elektronischen Darstellungsgeräten, mischten sich erboste Besucher ein: “Das wird hoffentlich noch lange dauern!” Oder erläuterte Daniela Seel – die Verlegerin des kleinfeinen Lyrikverlags kookbooks, deren Bände seit jeher ausgesuchtes Vektorgrafik- (also Computer-)Design schmückt – dass Skalierungszwang und Zeilenumbruchverbot, wie sie die E-Book-Software bis auf Weiteres dominieren, die artgerechte Haltung von Poesie nur auf Papier erlauben, so raunte es gleich von rechts und links: “Und das ist auch gut so!” Und das während der Fachbesuchertage! iPhone, Sony Reader oder Kindle mögen jede Menge Speicherplatz bieten – Sympathieträger sind sie nicht.

Außer natürlich bei denen, die sich ihre Verbreitung zum Auftrag gemacht haben. Volker Oppmann vom Berliner Start-up Textunes zum Beispiel, der inmitten traditioneller Literaturverlage in Halle 4.1 allerlei iPhones aufgestellt hat, auf denen die Buchapplikationen des Labels laufen. 150 stehen inzwischen zum Download bereit. Neben elegantem Schnickschnack wie der Option, Zitate zu “facebooken” oder twittern, scheint der Trend dahin zu gehen, die Zweidimensionalität des Buches aufzubrechen zugunsten einer Polyfonie, von der die Modernen nicht zu träumen wagten.

Der räudige Zauber von Harry Rowohlts Bass

Max Weber bemühte einst als Beispiel für die Entzauberung der Welt die Straßenbahn; demnach hätte der Normalsterbliche, dächte er nur nach, erhebliche Schwierigkeiten, moderne Technik und schiere Magie zu unterscheiden. Stattdessen vertraue er sich Ersterer ungleich schicksalsergebener an als etwa der Insulaner seinem Einbaum (den er immerhin selbst zusammenzimmerte). Heute sind wir noch einen Schritt weiter. Als Beispiel für den Segen der Buch-App nennt Oppmann den eiligen Pendler und Lyrikfan, der noch am Frühstückstisch durch einige Ringelnatzgedichte scrollt und in der U-Bahn auf Audiobetrieb umschaltet. Er wird wohl kaum über Webers Infrastruktur-Paradoxon nachsinnen, denn sogleich umfängt ihn der räudige Zauber von Harry Rowohlts Bass, der weiterliest, wo der Daumen innehielt. Der passende Titel des multimedialen Gedichtbands: “Ich hatte leider Zeit.”

Australiens Antwort auf Harry Rowohlt, Nick Cave, kann aber nicht nur schreiben und lesen, sondern auch singen. Und deshalb stammt die wohl coolste iPhone-App dieses Herbstes von ihm und seinem Verleger Jamie Byng, dem mehrmaligen Indie-Verleger des Jahres in Großbritannien. Dass Byng im Alter von 26 Jahren aus einer Praktikantenstelle heraus den bankrotten Verlag aufkaufte, erscheint im Nachhinein nur folgerichtig: Was anderen die Zukunft dünkt, ist Byng ödeste Vergangenheit. Er ist da schon weiter und erfindet notfalls das Buch neu. Das begann mit seinem ersten Erfolg, Robert Sabbags Drogenschmuggelschmöker “Snowblind”, den Byng stilecht inklusive Kokainschnupfset aus AmEx-Karte, Taschenspiegel und Hundert-Dollar-Note verkaufte. Caves zweiter Roman “Der Tod des Bunny Munroe” – ohnehin schon ein Coup – wird digital komplettiert durch die Hörbuchversion, gelesen vom Autor, und vor allem durch einen exklusiven Strauß Songs, eigens für das Projekt von Cave komponiert und eingespielt.

Meister Byng war nicht zu sprechen, düse leider durchs Revier, bedeutete uns eine schulterzuckende Mitarbeiterin seines Verlages Canongate. Er war wohl auf dem Weg zur Geheimlesung seines gut gereiften Wunderpunks. Vielleicht hatte er sich aber auch in eine seiner Apps zurückgezogen, zum Verschnaufen, so wie Michel Serrault im großartigen Film “Mortelle Randonnée” von 1983 – den Arte dankenswerterweise erst ausstrahlte, als die Messe vorbei war – am Ende in ein altes Schwarz-Weiß-Foto klettert. Immer noch besser als einige Mitglieder der chinesischen Delegation, die durchaus anwesend waren, aber bedeuteten, dass die Zukunft des Lesens durchaus im Schweigen liegen könnte.

Der Wein muss jetzt selber bezahlt werden

Weniger war auch am Abend mehr, auf Empfängen, in der Bar, und doch sorgte sich kaum einer um die Branche und was nach wie vor ihr Herzstück ist: das gedruckte Buch. Immerhin konnte es selbst im deutschen Krisenjahr 2009 eine fast dreiprozentige Umsatzsteigerung verbuchen. Wenn man da auf der traditionellen Auftaktveranstaltung im Frankfurter Hof nach dem ersten Riesling selbst das Portemonnaie zücken musste, bestärkte das eher das Zutrauen in die Kraft der Verlage: Die gastgebende Dame vom Berlin-Verlag versicherte glaubhaft, noch nie so hart (und erfolgreich!) verhandelt zu haben, wie als es darum ging, den edlen Wein auch in der kleinen Karaffe bloß fünf Euro kosten zu lassen.

Zwar klangen immer wieder Stimmen durch, die den “Kollaps” der Industrie, wie wir sie kennen, an die Wand malten, wenn sich die Lesegeräte (bislang besitzen nur zwei Prozent der Deutschen eins) erst einmal durchgesetzt hätten. Dann drohe das gleiche Tauschbörsen- und Rapidshare-Spielchen – befürchtete etwa Robert Klanten, kreativer Kopf des Berliner Verlags Gestalten – das der Musik- und Filmindustrie gigantische Umsatzeinbußen beschert hat. Und schlimmer noch: Während das Kino oder das Konzert als Erlebnisphänomene sich schlecht zum Download eigneten, stünden Bücher da deutlich nackter im Regal, nicht so gepolstert durch ein Leben in der “wirklichen” Welt der Töne und Lichtstrahlen.

Nun ja, bis dahin wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Vielleicht wäre der angemessene Ort für die Buchmesse daher nicht die Südsee, sondern etwa das Kitzsteinhorn. Dort könnte man sich nächstes Jahr an ein paar strahlenden Herbsttagen auf einer Hütte treffen und, in der kalten Luft einen klaren Kopf bewahrend, dem E-Book-Gletscher beim Wachsen zusehen.

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