Wir können uns hier keine rumänischen Löhne leisten, weil wir hier keine rumänischen Preise haben. Gregor Gysi

Identitätskrise Ost

Die deutsche Einheit entsprang auf den Straßen von Leipzig und in den Zellen von Bautzen. Sie ist auch heute noch ein Vermächtnis des Volkes, das sich mutig der SED-Diktatur entledigte. Doch warum sehen sich dann gerade Ostdeutsche nicht als vollwertige Bundesbürger?

Bei der Lektüre von Umfragen über die Mentalitäten in Ost und West fällt sofort ein Unterschied ins Auge: Wer im Westen der Republik aufgewachsen ist, versteht sich als Bundesbürger, Ostdeutsche hingegen definieren sich explizit als Ostdeutsche. Sicher, auch der Westdeutsche kennt einen identitätsstiftenden Heimatbezug, aber dieser ist eher landsmannschaftlich geprägt; nur die Ostdeutschen verorten sich statt in der heimatlichen in der politischen Geografie. Die Identität als Ostdeutscher ist eng verbunden mit der Identität als Opfer.

Der Ostdeutsche sieht sich als Opfer der Einheit

Wir müssen uns heute fragen, wie es geschehen konnte, dass ausgerechnet die Ostdeutschen, oder sagen wir vorsichtiger ein erheblicher Prozentsatz der Älteren, einen so stark ausgeprägten Inferioritätskomplex ausbilden konnten. Denn die Ostdeutschen gehören ja unzweifelhaft zu den Helden der deutschen Geschichte. Die Jahre 1989/90 sind eine glanzvolle Premiere, eine Zeitmarke, auf die sie uneingeschränkt stolz sein dürfen. Sie hätten also allen Grund, selbstbewusst aufzutreten.

Die Umdeutung vom Revolutionshelden zur komischen Figur vollzog sich binnen weniger Wochen. Gerade hatte man im Westen noch mit angehaltenem Atem auf die verschwommenen Bilder aus Leipzig und Ostberlin geschaut, wo sich Menschen abends allen Drohungen zum Trotz zu gewaltigen Demonstrationszügen formierten – kaum war die Mauer auf, machte man sich schon lustig über diese drolligen Autos, bis das Frankfurter Satiremagazin “Titanic” mit dem Foto eines blonden, selig lächelnden Mädchens in T-Shirt und Jeansjacke aufmachte, das eine halb geschälte Gurke in der Hand hielt. “Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane” lautete dazu die Titelzeile.

Warum diese höhnische Haltung gegenüber Leuten, die etwas gewagt hatten, was keiner der Leute, die sich nun lustig machten, je wagen würde, nämlich sich mit einer Staatsmacht anzulegen, die ihre Kritiker nicht mit großzügig dotierten Professuren und TVÖD-Stellen versorgt, wie wir es im Westen gewohnt sind, sondern sie in den nächsten Stasiknast steckt? Ganz einfach: Aus Sicht derer, die die Kommentarlage dominierten, waren die Ostler für die falschen Sachen auf die Straße gegangen beziehungsweise hatten nicht aufgehört, als man es ihnen sagte. Als die Massen in Dresden “Deutschland einig Vaterland” skandierten, waren die klugen Köpfe in den Meinungsetagen durch mit den Ostdeutschen; als sie dann noch Kohl wählten, hatte man in den aufgeklärten Vierteln nur noch Verachtung übrig.

Der SED-Staat darf nicht salonfähig werden

Noch 20 Jahre nach dem Mauerfall fällt es vielen Linken schwer, die Niedertracht des SED-Staats anzuerkennen. In der Aufarbeitungsdebatte sind in den vergangenen Jahren Begriffsschöpfungen wie “Fürsorgediktatur” oder “Konsensdiktatur” in Umlauf geraten, die darauf abzielen, den Diktaturcharakter abzuschwächen und der DDR eine Legitimität abseits der völkerrechtlichen Anerkennung unterzuschieben. Doch wenn die Diktatur nicht so schlimm war, wie es in Bautzen und Hohenschönhausen zu sehen ist, dann war auch der Aufstand derer, die sich ein Herz fassten und sich ihren Nachbarn auf der Straße anschlossen, nicht so groß. So trägt ausgerechnet die historische Deutung, die scheinbar mit den Ostdeutschen sympathisiert, dazu bei, ihre historische Leistung weiter zu entwerten. Verständnis von oben kann eine besondere Form der Verachtung sein.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Rolf Kohl – 30.08.2010 - 14:48

    @ Jan Fleischhauer.
    Nach der Wiedervereinigung war es doch die Regierung Kohl, die eine Aufarbeitung der DDR mit ihrem Regime erfolgreich verhinderte.Wie üblich, wurden ein paar Kleine zum Allgemeinwohl geopfert doch die Grossen? Man arrangierte sich mit ihnen, Schweigen gegen Freiheit.Das war schon in der Adenauer-Aera der Fall, das im Ausland verurteilte Nazigrössen auf Ministerposten sassen und erst auf Druck der Öffentlichkeit entfernt wurden.Bis in die 80er waren CDU/CSU der sichere Hafen für ehemalige NSDAP-Mitglieder.Da regen sie sich über die paar Linken auf, machen mal etwas Propaganda gegen Links?Das die Ossies sich als Verlierer der Einheit sehen ist doch ganz verständlich, wenn man die zerstörte Industrielandschaften im Osten sieht. Westliche Marktbereinigung der Fachausdruck, Vernichtung der Konkurenz Allgemeinverständlich.Die Wiedervereinigung hat aus den Facharbeitern der ehemaligen DDR Transferempfänger gemacht, keine gleichberechtigten Bürger. Die Wirtschaft der BRD hat es damals nicht verstanden das es besser gewesen wäre den Osten mit seinen vorhandenen Mitteln in die Produktion mit einzuschliessen. Statt dessen hat man staatliche Subventionen zum Herunterwirtschaften kassiert.Wären die ganzen Milliarden Aufbauhilfe nicht bei den Westfirmen gelandet, sonder da wofür sie gedacht waren, gäbe es Heute keine Ungleichtheit zwischen Ost und Westdeutschland.

  • Theeuropean-placeholder
    Magda Geisler – 30.08.2010 - 15:16

    Herr Fleischhauer fragt: “Wir müssen uns heute fragen, wie es geschehen konnte, dass ausgerechnet die Ostdeutschen, oder sagen wir vorsichtiger ein erheblicher Prozentsatz der Älteren, einen so stark ausgeprägten Inferioritätskomplex ausbilden konnten.”

    Wenn man anfängt, nachzufragen, wer in diesem Beitrag mit “wir” gemeint ist, dann hat man das ganze Problem schon in seiner ganzen Schönheit. Diese – halten zu Gnaden – überlegenheitstriefende, fürsorgliche Art gehört zu den Sachen, die mich als Ostdeutsche immer bewegen, den “Opferstatus” aufzugeben und mit faulen Eiern zu werfen.

    Mit vorzüglicher Hochachtung

  • Theeuropean-placeholder
    Dietz – 17.09.2010 - 13:09

    Das ist uns (!) zu kompliziert. Wir (und Fleischi ist da auf jeden Fall dabei) haben die Welt lieber einfach gestrickt.

  • Theeuropean-placeholder
    Rock Ruelps – 31.08.2010 - 22:41

    Die älteren Ostdeutschen (40+) können sich unbewusst nicht verzeihen, dass sie derart falsche Vorstellungen von der BRD hatte. Schließlich haben die meisten von uns krakeelend nach der Westmark verlangt.

    Die sogenannte Revolution war vielmehr eine Reklamation: Lasst uns den Ferienscheck für Usedom zurückgeben und einen für Mallorca verlangen.

    Daran war nicht zuletzt das Westfernsehen schuld, das die Auslöser der Begehrlichkeiten in ostdeutsche Wohnstuben projizierte. Hätte die DDR-Führung kritische Blätter wie Spiegel und Süddeutsche zugelassen, wäre vielleicht einiges anders gelaufen.
    Jetzt haben wir den Salat.

  • Theeuropean-placeholder
    Hans Kolpak – 30.09.2010 - 23:11

    Und nu?

    Ich wollte nach Rostock in 1990, meine inzwischen Geschiedene ist in Wismar geboren. Keine Chance.

    Ich bewarb mich auf Jobs in 2003 von der Grenze zu Stettin bis zur Grenze zu Lübeck. Keine Chance.

    Ich suchte eine Bleibe in 2008 im Hinterland der Ostseeküste. Teurer als hinter dem Nordseedeich. Ich habs gelassen.

    Es gibt kaum Menschen außerhalb von Schubladen. Weniger Schubladendenken wäre mehr. So lustig es ist, die Linken durch den Kakao zu ziehen, so wenig unterscheidet sich diese journalistische Feinarbeit von der Polarisierung in Antifas und Neonazis, in Ossis (Mittis) und Wessis. Die Mittis fallen unter den Tisch, werden totgeschwiegen. Mit welcher Dreistigkeit geschah das?

    Ich weiß. Ich bin viel zu langweilig. Das hat einen tiefen Grund. Mir genügt die Deutsche ZivilGesellschaft. Die ist bunt genug – über nationalstaatliche Grenzen hinaus und ohne Schubladen.

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