Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft. Gerhard Schröder

Im ver.di-Staat

Der Schwarzmarkt im Beschäftigungssektor macht 25 Prozent der griechischen Volkswirtschaft aus. Kein Wunder, dass in dem Land keine nennenswerte wettbewerbsfähige Industrie entsteht.

Aus der Griechenland-Krise lässt sich einiges lernen – zum Beispiel, wohin einen der Glaube an das segensreiche Wirken des Staates führen kann. Griechenland ist das moderne Großexperiment auf europäischem Boden zur Umverteilungstheorie, die sich bei der Linken bis heute großer Beliebtheit erfreut. Diese Theorie, die in der einen oder anderen Form die Grundlage jeder linken Wirtschaftspolitik bildet, beruht im Wesentlichen auf zwei Annahmen: Um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, muss man die Arbeit auf mehr Leute verteilen, indem man die Arbeitszeit des Einzelnen reduziert, und dort, wo die Privatwirtschaft versagt, staatliche Stellen schaffen. Und: Mehr Geld in den Händen der Arbeitnehmer führt automatisch zu Wachstum, weil dann ja auch mehr konsumiert wird. Je linker die Programme, desto großzügiger die staatlichen Zuwendungen und der Kreis derjenigen, die davon profitieren sollen, unabhängig von der eigenen Schaffenskraft.

In den Zeitungen wird Griechenland gern als Handels- und Dienstleistungsgesellschaft beschrieben, aber das ist ein gewaltiger Euphemismus. In Wahrheit hat das Land mit dem Beitritt zur Europäischen Union in wenigen Jahren den Übergang von einer Agrargesellschaft zu einer ver.di-Republik vollzogen: Der private Sektor trägt nicht mal zur Hälfte zur Wirtschaftskraft bei; der Lebenstraum jedes Schulabgängers ist eine Anstellung bei einer der unzähligen Behörden, die sich wie Seegras ausbreiten.

Griechenland ist eine der letzten Wirtschaften nach sowjetischem Vorbild

Öffentlich Beschäftigte zählen zu den bestbezahlten Arbeitskräften des Landes, dazu kündigungssicher und von wirklicher Arbeit weitgehend freigestellt. Viele Beamte verlassen gegen Mittag das Büro, um dann, nach einer ausgedehnten Mittagspause, einem Zweitjob nachzugehen. Der schwarze Arbeitsmarkt, der außerhalb jeder staatlichen Kontrolle und damit auch Steueraufsicht gedeiht, macht nach vorsichtigen Schätzungen etwa 25 Prozent der griechischen Volkswirtschaft aus. Es gibt keine nennenswerte Industrie, keine Produkte, die weltmarktfähig sind, keine Forschung, die solche Produkte für die Zukunft erwarten lassen.

“Griechenland ist wahrscheinlich die letzte Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild außerhalb von Nordkorea und Kuba”, sagt der Ökonom Yannis Stournaras, den ich vergangene Woche in Athen traf. “Unter jedem Stein, den sie umdrehen, versteckt sich ein Staatsbediensteter.” Tatsächlich gibt es kaum einen Berufszweig, der nicht strengen Zugangsbeschränkungen unterliegt. Irgendwann kam die Regierung auf die Idee, die Zahl der Lastwagenfahrer festzuschreiben. Weil die Transportnachfrage aber über die Jahre in Griechenland stark anstieg, ist es heute billiger, einen LKW nach Düsseldorf zu schicken als nach Thessaloniki. Umgekehrt leistet sich der Staat dort, wo er selber einstellt, einen enormen Überhang an Beschäftigten. Griechenland beschäftigt heute 180.000 Lehrer, das sind gemessen an der Bevölkerung fünfmal so viel wie in Finnland, dem Pisa-Sieger. Weil es aber nicht fünfmal so viele Kinder gibt, haben die Lehrer ab mittags frei, wo sie sich dann der Nachhilfe widmen.

Ohne Wachstumsschub kehrt Griechenland zurück in die Steinzeit

Für die Griechen beginnt nun ein neues, aufregendes Experiment mit dem Sparprogramm, das der IWF dem Land verordnet hat. Stournaras glaubt, dass die Liberalisierung der Branchen, auf die bislang der Staat die Hand hält, einen Wachstumsschub auslösen könnte. Das ist die gute Nachricht. Und wenn das nicht gelingen sollte? “Dann wird Griechenland in die Steinzeit zurückkehren und dort bleiben.”

Jan Fleischhauer ist Autor des Buches Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde (Rowohlt).

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Volker Weyer – 14.05.2010 - 13:16

    Zu kurz gedacht

    Es mag zwar polemisch recht hilfreich sein, die sog. griechischen Verhältnisse darauf zurückzuführen, daß eine von Gewerkschaften unterwanderte, von linkisch-paradiesischen Verhältnissen verwöhnte Gesellschaft einen Pöstchenwucher betreibt, in welchem jedem, der das Herz am linken Fleck hat ein gedeihliches Ausruhen in sozialen und tatsächlichen Hängematten blüht.

    Die Kürze dieses Gedanken ist aber wohl hoffentlich allein der Kürze der vorgegebenen Zeilenzahl und nicht der des Verstandes geschuldet.

    Ähnlich eindimensionale nordisch-puritanische Arroganz in der Argumentation ist nicht neu. Oder war es bei der “polnischen Wirtschaft” anders, deren Ineffizienz, Unsauberkeit, Chaos doch allein darin lag, daß der “Polack einfach von Natur aus faul und unsauber ist”?
    Und HIV in Afrika ist bekannterweise ja deshalb ein Problem, “weil der Neger halt so gern schnackselt”.

    Würde der Aristotelische Syllogismus des Autoren in seiner Einfachheit ein Erklärungsmodell bieten, müßte man davon ausgehen, daß Italien von nordkoreanischen Kommunisten beherrscht wird. Signor Berlusconi ist zwar der geborene Zampano der comedia del arte, sieht sich sicherlich auch gern als weiser Führer an, mit linken Ideen – im politischen Sinne – bringt man ihn aber eher weniger zusammen.
    Trotzdem ist es des jungen Italieners höchstes Ziel, in eine der vielen unterschiedlichen Uniformen zu schlüpfen, die so bequem sitzen, warm und ein Leben lang halten. Eine gewisse Schattenwirtschaft von wenigstens 25 % gibt es auch im Land, wo die Zitronen blühen, man hat dort sogar einen Namen dafür. Und mit der Staatsverschuldung steht´s kaum besser. Ja, es gibt sogar eine KPI, jedoch trugen, bis sie sich in Wohlgefallen auflösten, die Christdemokraten mit einem fast schon unsterblich erscheinenden Herrn Andreotti maßgeblichere Verantwortung.

    Sucht man also den einfachen Ansatz zu umfassender Erklärung, kommt man unweigerlich zu dem Schluß, daß es weder an “rechts” noch an “links” liegen kann, wenigstens nicht allein. Nach meiner bescheidener Ansicht ist etwas anderes schuld: Die Sonne, die Hitze, die dem Südländer an sich so unbarmherzig auf den Pelz brennt, daß er – links oder rechts – jedenfalls den Schatten sucht.

    Leider paßt das nicht ganz auf Polen. Auch nicht auf Deutschland, wo von links über die liberale Mitte bis besonders auch rechts jeder sein Heil in der Zuteilung von Pfründen sucht – die Vorteile einer Konsenspolitik: Intrigieren darf man, daß es kracht, aber versorgt werden muß man, da kennt man keine Parteien mehr, da kennt man nur noch Deutsche. Sei es, daß man den Bau von Pipelines durch die Ostsee fördert, sei es, daß man als ehemaliger Juniorpartner versucht, der Konkurrenz zu einer solchen Pipeline weiter im Süden zu verhelfen, sei es, daß man einen modernen Ablaßhandel betreibt, indem man die Gunst des Ministerpräsidenten vermietet, sei es, daß man Umsatzsteuern senkt, die sonst das Übernachten in Deutschland unbezahlbar werden ließen, sei es, daß man aus bequemen Sesseln der Chefetagen vertrieben in bequemen Sesseln von Aufsichtsräten Schutz findet, sei es, daß man als professoraler Wirtschaftsminister beim Bau von Denkmälern an Ringen in der Eifel versucht, dort durch seltsame Experimente gerissene scharze Löcher mit Steuergeldern zu verfüllen, und anschließend doch noch als vielgefragter und umso gutdotierter freiberuflicher Experte für die Sanierung öffentlicher Kassen gebucht wird, sei es…..

    Sprich, auch am Wetter kann´s nicht liegen, bekanntlich regnet es hierzulande häufiger, als daß die Sonne scheint (Ausnahme Freiburg). Es dürfte wohl diffiziler sein, als Autor und Kommentator annehmen.

    Bevor man aber solch investigative Plattheit verkündet, der linke ver.di – Staat sei Schuld an Korruption, Verschwendung und Schattenwirtschaft, sollte man sich an die eigene puritanisch-deutsche Nase fassen, denn in selbiger sieht es auch nicht besser aus.

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