Kaum ein Journalist hat in den Vatikan bessere Kontakte als Paul Badde, mit Sicherheit kein deutscher. Seit acht Jahren lebt der “Welt”-Korrespondent in Rom, in einer kleinen Seitenstraße gleich neben den mächtigen Mauern der Vatikanstadt. Er hat in dieser Zeit eine Reihe von Bestsellern veröffentlicht.
Sein Buch über das “Schweißtuch der Veronika”, das Jesu einer frommen Tradition zufolge auf dem Weg nach Golgatha gereicht wurde und das der Autor in einer kleinen Kirche im Abbruzzenstädtchen Manoppello aufspürte, fand einen Ehrenplatz auf dem Nachttisch von Benedikt XVI. Der Papst war von der Lektüre so aufgewühlt, dass er selber nach Manoppello fuhr, um vor dem Tuch niederzuknien: Für die Kurie ein Desaster, das sie bis zum Schluss zu verhindern versuchte, denn das “Schweißtuch” gibt es eigentlich schon: in einer Säule des Petersdoms.
Turin erwartet 200.000 Pilger
Als ich Badde vor zwei Wochen besuchte, stellte er gerade sein neuestes Buch vor. Diesmal geht es um das Turiner Grabtuch, neben dem Tuch der Veronika die bedeutendste Reliquie in katholischem Besitz. Nur viermal ist das Leinengewebe, in das der Leib des Gekreuzigten der Überlieferung nach eingewickelt wurde, im vergangenen Jahrhundert ausgestellt worden. Ab 10. April ist es für fünf Wochen wieder in Turin zu sehen, 200.000 Pilger aus aller Welt werden pro Tag erwartet, ein in jeder Hinsicht spektakuläres Ereignis.
Badde interessiert sich weniger für die Frage der Echtheit – auf diesem Feld herrscht nach wie vor keine abschließende Klarheit. An der Zuverlässigkeit der vor einigen Jahren vorgenommenen Spektralanalyse, die das Tuch auf das 14. Jahrhundert datierte, bestehen inzwischen wieder erhebliche Zweifel. In jedem Fall gibt es bis heute keine schlüssige Erklärung, wie die Umrisse eines menschlichen Körpers, die sich samt Blut auf dem Tuch finden, auf das Gewebe gelangt sein könnten: Es gibt nachweisbar keine Farbpartikel, die den Schattenriss erklären; sollte das Tuch eine Fälschung sein, dann verfügte der Fälscher über Techniken, die uns heute wieder abhandengekommen sind.
Badde nimmt den Leser mit auf eine Erkundungsfahrt zu den Anfängen des Christentums. Er führt den Leser zum Grab Jesu, das am Morgen nach der Kreuzigung verlassen aufgefunden wurde. Im Johannes-Evangelium findet sich der genaueste Bericht dazu: Der Jünger Simon Petrus betrat danach als Erster die Grabkammer, aber alles, was er sah, waren die Leinenbinden, in denen der Leichnam nach jüdischem Brauch eingewickelt worden war – daneben, “an einer besonderen Stelle”, wie es bei Johannes heißt, das “Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte”.
Übertretung der jüdischen Reinheitsgebote
In einem meisterlichen Indizienverfahren schließt Badde, dass die beiden Jünger die Tücher an sich nahmen; für sie der Beweis, dass etwas Unerklärliches geschehen war, denn Grabräuber hätten sich nicht die Mühe gemacht, die Leiche auszuwickeln. Was aus heutiger Sicht plausibel erscheint, bedeutete tatsächlich einen enormen Tabubruch, die denkbar größte Übertretung der Reinheitsgebote: Was mit Toten in Berührung gekommen war, galt im Judentum als das Unreine schlechthin. Liegt es nicht nahe, schließt Badde seine Indizienkette, in den Tüchern das Arkanum zu sehen, das die frühen Christen verehrten und sie für immer von ihrer Umgebung unterschied?
Ich muss gestehen, dass ich bis zur Lektüre von Baddes Buch die Debatte um die Grabtücher eher kurios fand. Nachdem ich es durchgelesen hatte, stand ich kurz davor, mich sofort zur Pilgerfahrt nach Turin anzumelden.
Leser Sie auch hier: Der Stoff, aus dem Wunder sind (Paul Badde)




















2 Fehler im Text: es werden nicht 200.000 Besucher pro Tag erwartet (das wären 5,6 Mio insgesamt) sonder 2 Mio. insgesamt. Nicht die Spektralanalyse hat das Tuch ins Mittelalter datiert, sondern die C14-Unterschung. Einen wichtigen Aspekt hat Herr Badde nicht erwähnt: die Tatsache, dass Gerichtsmediziner behaupten, es gäbe eine Reihe von Indizien auf dem Tuch, die dafür sprechen, dass der Mann unter dem Tuch noch gelebt hat – s. z.B. www.grabtuchvonturin.de
Das Jesus die Kreuzigung überlebt hätte, dieser Gedanke kam nicht mal den ärgesten und größten Feinden der Lehre Jesus in dem Sinn damals. Nicht zu Unrecht, solche Gedanken hegeb heute nur “moderne” Menschen an, die von einer Kreuzigung fast 2000 Jahre entfernt sind. Oder gerne mit reisserischen (im Grunde mit wahrhaft nicht ernstzunehmenden widersrpüchlichen Spekulationen) Aufmachung ihre Bücher für gutes schönes Geld erfolgreich unter die Leute bringen wollen.
Wie dumm waren Jesus Zeitgenossen und harten Gegner eigentlich, dass ihnen selbst nie die Idee kam, er hätte die Kreuzigung überlebt? Ich denke eher, dieser Gedanke war selbst den größten Gegnern der Auferstehung zu absurd, um je ausgesprochen (angedacht) zu werden.
Das ist leider Unsinn. Erstens sachlich, zweitens in dem was Badde in seinem Buch sagt. Da wiederholt er nämlich den Untersuchungsbefund, nach dem aus der Seitenwunde seröses “Leichenblut” geflossen ist und ihm im Liegen in den Rücken hineinlief, das “Blut der Seele”, wie es in der Antike hieß. Das Blut aller anderen Wunden hingegen war “lebendiges” Blut, es entströmte dem Körper, als der Mann noch litt. Die Seitenwunde hingegen belegt und beweist, dass er ausgelitten hatte, als er endlich zum Begräbnis in das Tuch gelegt wurde.