Als ich in den 1970er-Jahren die Original-Tapes aufnahm, hatte ich ja keine Ahnung, dass das Leben endlich ist. Karl Bartos

„Das ist keine Allahu Akbar Revolution“

Die mediale Aufmerksamkeit lässt nach, die Revolution in Ägypten geht weiter. Inanna Fronius sprach mit Jamal Dajani über die Chancen für Demokratie und die Bedeutung des Fernsehens im Mittleren Osten.

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The European: Wie interpretieren Sie die Reaktion der USA und der EU auf die Situation in Ägypten? Viele haben Präsident Obama beschuldigt, zu verhalten reagiert zu haben.
Dajani: Ich glaube, die Haltung des Westens und auch der USA hat sich inzwischen verändert. Hillary Clinton hat ein starkes Zeichen gesetzt und sich für einen Wandel eingesetzt. Es gibt Verhandlungen zwischen dem Weißen Haus und der ägyptischen Regierung über den Zeitplan dieses Wandels. Je länger die Situation in Ägypten unsicher bleibt, desto mehr Länder werden sich von Mubarak abwenden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Falls es einen Regimewechsel gibt, will kein Land als Partner Mubaraks wahrgenommen werden und bis zur letzten Minute zum aktuellen Regime halten. Das hätte negative Folgen.

The European: Glauben Sie, dass sich Mubarak noch vor den Wahlen im September von seinem Amt zurückziehen wird? Wie würde eine Übergangsregierung aussehen?
Dajani: Verschiedene Szenarien erscheinen möglich. Was wir bis jetzt durch die Medien vor Ort gesehen haben, ist, dass Mubarak sich weigert, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Das kann nicht ewig weitergehen. Die Menschen haben ihre Angstschwelle überwunden. Das heißt, sie gehen trotz der Angst vor Vergeltung auf die Straße. Doch Ägypten kann eine längere Protestwelle weder politisch noch wirtschaftlich verkraften. Es muss also kurzfristig zu einer Lösung kommen. Zum einen, und das wäre die schlimmste Option, könnte es einen Zusammenbruch geben, der in Blutvergießen endet. Ich schließe diese Option nicht aus, da solche Dinge in Zeiten der Aufruhr geschehen. Das zweite Szenario: Mubarak kommt selbst aus den Reihen des Militärs, der Gruppe mit dem meisten Einfluss in Ägypten. Doch wenn das Militär Mubarak als Belastung empfindet, wird es ihn eventuell im Stich lassen. Ein wahrscheinliches Resultat wäre eine Militärregierung bis zu den Wahlen im September. Und dann gibt es da noch Szenario Nummer drei: Irgendwann wird Mubarak vielleicht einsehen, dass er derjenige ist, der das Chaos verursacht – nicht Al Dschasira oder ausländische Kräfte. Er hat einen Großteil der Macht jetzt an den Vizepräsidenten abgegeben – das reicht den Menschen nicht Er hat ihnen nicht zugehört, jede seiner Aussagen wird die Menschen nur noch stärker aufwühlen. Gleichzeitig wird durch die Konzessionen die Lage der Opposition gestärkt. Das Motto der Revolution bleibt “Irhal” – “Weg mit dir!”

„ElBaradei wäre für den Westen die sicherste Lösung“

The European: Viele Menschen im Westen machen sich Sorgen über den Einfluss der Religion auf die Politik nach dem Ende der Aufstände …
Dajani: Diese Aufstände gehen vom Volk aus, sie sind nicht religiöser Natur. Das hier ist keine „Allahu Akbar“-Revolution. Es geht um die Jugend, um die Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit. Viele Parteien würden gern die Zukunft Ägyptens mitgestalten, auch die Muslim Brotherhood. Aber diese Revolution hat noch keinen politischen oder spirituellen Anführer. Ich sehe ElBaradei nicht als starken Anführer. Er ist ein Nuklearphysiker, kein Politiker. Er ist im Westen auch wesentlich beliebter als in Ägypten. ElBaradei wäre aus Sicht des Westens bestimmt die sicherste Lösung.

The European: In Ägypten reden viele Menschen über die Ideale der Demokratie. Die Rede ist vom radikalen Bruch mit dem Regime. Glauben Sie, dass die Forderungen der Demonstranten auf kurze Sicht erfüllbar sind?
Dajani: Wenn man die Geschichte betrachtet, so hatten alle Revolutionen etwas gemeinsam. Wenn wir zur Französischen Revolution zurückgehen, gab es diese anfängliche Euphorie. Die Menschen hatten das Regime gestürzt und erwartet, dass etwas Besseres an dessen Stelle treten würde. Aber das passiert nicht über Nacht. Was geschah nach der Französischen Revolution? Es herrschte Terror und die Monarchisten wollten die Monarchie zurück. Auch das Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hat sich erst langsam herauskristallisiert. Vielleicht muss man nach drei Schritten vorwärts auch zwei Schritte nach hinten akzeptieren. Aber eines kann ich ganz sicher sagen: Die Menschen in Ägypten und Tunesien werden nicht mehr zur alten Tagesordnung übergehen, sie werden die Uhren nicht zurückdrehen.

The European: Glauben Sie, dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten auf lange Sicht zu demokratischen, säkularen Staaten führen werden? Oder ist es noch zu früh, um solche Prognosen zu wagen?
Dajani: In beiden Ländern herrscht das Bedürfnis nach einer säkularen und demokratischen Regierung. Schauen Sie sich an, was in den letzten Wochen passiert ist: Christen, Kopten und Muslime halten zusammen, Junge und Alte, religiöse und nicht religiöse Menschen. Irgendwann werden Parteien auftauchen, die vor allem die eigenen Ziele verfolgen. Ich denke aber, dass die Ägypter Widerstand leisten würden bei dem Versuch, eine religiöse Regierung zu etablieren. Auch wenn die Muslimbruderschaft starken Einfluss hat, so will der Durchschnittsägypter nur endlich Freiheit und Demokratie unter einem säkularen Regime erfahren.

„Den Menschen wurde eine rosige Zukunft versprochen“

The European: Der Vergleich mit 1989 macht die Runde. Sind die aktuellen Entwicklungen der Anfang einer regelrechten Welle des Umbruchs im Mittleren Osten?
Dajani: Die Länder haben gewisse Gemeinsamkeiten, aber sie sind nicht voneinander abhängig. Am offensichtlichsten ist, dass in allen betroffenen Staaten unpopuläre, autoritäre Regierungen an der Macht sind. Ob in Tunesien, Ägypten oder im Jemen: die Staatsoberhäupter herrschen seit über 30 Jahren. Dann gibt es noch die schwache Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit. In den Medien werden die Arbeitslosenraten mit 14 oder 15 Prozent angegeben, in Wirklichkeit sind sie jedoch wesentlich höher. Junge Menschen unter 24 Jahren machen fast 60 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Unter ihnen liegt die Arbeitslosenzahl bei fast 30 Prozent. Man hat also eine große Zahl an gebildeten, arbeitslosen jungen Menschen, besonders in Ägypten und Tunesien. Sie hatten große Hoffnungen. Ihnen wurde eine rosige Zukunft versprochen. Nur wenn sie die Universität verlassen, können sie schon froh sein, wenn sie es schaffen, Straßenverkäufer zu werden. Das ist die ganze Geschichte hinter Sidi Bouzid.

The European: Ist die Situation im Jemen nicht sehr anders? Tunesien ist vergleichsweise reich, mit einem hohen Bildungsniveau und der Jemen ist das ärmste arabische Land.
Dajani: Die Aussagekraft von allgemeinen Statements ist durch diese Unterschiede begrenzt. Gemeinsamkeiten sind größtenteils im Hinblick auf die unbeliebten Regierungen und die allgemeine Armut zu beobachten. Trotzdem könnte es einen Dominoeffekt geben, da jeder in der Region die aktuellen Entwicklungen verfolgt. Die junge Generation ist technisch versiert, Nachrichten und Videos verbreiten sich extrem schnell. Aber eines der wichtigsten Dinge im Nahen Osten neben Social Media und dem Internet ist das Kabelfernsehen. Es stehen mehr als 750 Kanäle zur Verfügung, die auch die armen Familien der Region sehen können. Die Durchschnittsmenschen sitzen da und sehen fern und fragen sich, was sie in ihrem Leben alles verpasst haben. Man kann Menschen nicht mehr isolieren und sie wie früher in einer Blase gefangen halten. Die Staatsgrenzen wurden aufgehoben durch das Satellitenfernsehen.

The European: Haben sich Medien und Informationsflüsse durch den Einfluss des technischen Fortschritts nachhaltig verändert?
Dajani: Das Allerwichtigste ist, dass der Informationsfluss aufrechterhalten wird. Trotz aller Zensur ist Ägypten weiterhin für Journalisten zugänglich, auch Kairo. Deswegen haben es Nachrichten über die Zensur von Al Jazeera und über die Gefangennahme von Journalisten immer noch nach draußen geschafft. Al Jazeera selbst war eine Weile abgeschaltet, aber sie haben Nachrichten von anderen Stationen wie Al Arabia erhalten. Daher denke ich, dass die Medien auch bei der weiteren Entwicklung des Landes eine sehr wichtige Rolle spielen werden. Die Lockerung der Regeln und Regulationen gegen die Presse ist ein wichtiger Schritt. Nur durch eine freie Presse kann Demokratie erreicht werden. Meinungsfreiheit geht Hand in Hand mit den Forderungen der Menschen. Sie wollen mehr Freiheiten und Transparenz und all das ist ein Teil der Medienwelt.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Stefan Weidner: „Der islamische Fundamentalismus ist ein großes Fortbildungsprojekt“

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