Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Go East

Offen und vernetzt – das Zuckerberg’sche Ideal einer neuen Weltgesellschaft ist reizvoll. Doch auch bei Facebook herrscht inzwischen das Diktat der Wirtschaft vor. Profit schlägt Idealismus. Dabei gibt es durchaus Projekte, die die Vision einer vernetzten Gesellschaft vorantreiben. Ein Blick vom Silicon Valley nach Osten.

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“Making the world open and connected.” Wenn Mark Zuckerberg, der sich selbst als Atheist bezeichnet, an eines glaubt, dann ist es wohl dieser Satz. Er hat ihn sogar in ein geheimnisvolles Emblem einarbeiten, auf die Innenseite von Kapuzenpullis sticken und diese an die gesamte Facebook-Belegschaft verteilen lassen. Das Credo steht für eine Theorie, die der 26-jährige Facebook-Gründer in der Praxis austesten will: Wenn alle Menschen online und ihre Handlungen transparent sind, wird die Welt ein besserer Ort. Die Annahme hat etwas für sich.

Die US-amerikanische Journalistin Ida M. Tarbell schrieb bereits 1904 in einem Enthüllungsbericht, der die erpresserischen Praktiken von John D. Rockefellers “Standard Oil Company” (heute Chevron, Exxon, u.a.) zum Thema hatte, Folgendes: “Wenn der Unternehmer, der mit Mitteln des unlauteren Wettbewerbs danach strebt, Sonderprivilegien zu ergattern und seine Konkurrenten auszubooten, von seinen Kollegen ebenso verachtet wird wie der Arzt oder Anwalt, der unprofessionell arbeitet (…), werden wir dazu beitragen, die Wirtschaft zu einem tauglichen Gewerbe für unsere jungen Männer zu machen.”


Ohne Moos nichts los

Zuckerbergs Großexperiment, das auf den Namen Facebook hört, will nichts anderes. Sozialer Druck zum “richtigen” Handeln ist sein Allheilmittel für die Probleme dieser Welt. Allerdings kann der Facebook-CEO die Rechnung nicht ohne die Wirtschaft machen, denn Server und Entwickler, die eine Infrastruktur für 500 Millionen Nutzer am Laufen halten können, verschlingen Unsummen an Geld. Allein die Stromrechnung für die Server-Farm im US-Bundesstaat Oregon kostet pro Monat mehr als eine Million Dollar. Deswegen sorgen knallharte Werbeprofis im Unternehmen, allen voran Zuckerbergs Nummer zwei, Sheryl Sandberg, dafür, dass genug Geld ins System fließt (Analysten zufolge mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010).

Damit verwässert Zuckerbergs edles Streben nach einer transparenteren Welt aber stark: Noch nie zuvor wurde das Private so stark kommerzialisiert wie bei Facebook. Werbetreibende werden von der Anzeigenabteilung – das dazu notwendige Büronetzwerk wird ständig und weltweit ausgebaut – scharf auf die detailgenauen Daten zu den Nutzern und ihren Leidenschaften, Ansichten und Träumen gemacht. Deswegen passieren wohl auch immer wieder Datenskandale, wie kürzlich das Wall Street Journal aufdeckte: Unzählige User-IDs wurden von Anbietern von Facebook-Anwendungen offensichtlich an Tracking-Firmen verschachert, vermutlich in der Hoffnung, daraus werblichen Nutzen schlagen zu können (laut Facebook kann man mit den Zahlenkombinationen aber nichts anfangen).


Diaspora an der Ostküste


Würde es Zuckerberg ernst nehmen mit seinem Transparenz-Projekt und es auch so meinen, wenn er sagt: “Es gibt derzeit keinen Grund, massive Profite zu machen”, dann bliebe ihm wohl nur eines zu tun übrig: Den Weg vom Silicon Valley, wo er es sich zwischen Vorstadtidylle und Investoren gemütlich gemacht hat, zurück an die Ostküste, wo er geboren wurde, anzutreten. Denn dort werken vier, offenbar sehr idealistische Studenten an eben jener nicht kommerziellen, freien Version eines Online-Netzwerkes, die Zuckerberg in seinen Anfangstagen in Harvard vorgeschwebt sein muss. Dieses Projekt mit dem schönen Namen Diaspora könnte sein Know-how und seine Popularität gut brauchen. Oder in anderen Worten: Zuckerberg sollte sich nicht Microsoft-Gründer Bill Gates, sondern Wikipedia-Mastermind Jimmy Wales zum Vorbild nehmen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dorothee Bär, Max A. Höfer, Christoph Koch.

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