Die Olympischen Spiele sind genau das, was wir brauchen. Die Farben, die Gesichter, die Siege, die Niederlagen, die Scherze, die Möglichkeiten zur Revanche sind ein willkommener Schub Frischluft durch die verschlossenen Fenster unseres Medienspektrums. Wir sind alle gefangen im Wirbel von Worten, wie Spread, Krise und Rezession. Wörter, die sich tagtäglich zur Genüge wiederholen, analysiert und diskutiert werden, jedoch ohne dass sich dabei erkennbare Veränderungen ergeben. Zwar bleiben uns diese dunklen und rauen Worte erhalten, doch rücken sie plötzlich in den Hintergrund.
Natürlich liegt es im Wesen der Olympischen Spiele, dass sie eines Tages zu Ende gehen. Da auch die Fußball-Europameisterschaft bereits vorbei ist, drohen uns die Ablenkungen auszugehen. Sich wieder auf Politik und Wirtschaft zu konzentrieren, scheint jedoch keine schlechte Idee zu sein. Der italienischen Wirtschaft geht es mies, die Wachstumszahlen sind schlecht, die Arbeitslosenzahlen noch viel schlechter.
Pro- gegen Anti-Berlusconi wäre einfacher
Wir leben in einem Land, das seit 20 Jahren stecken geblieben ist und nicht in der Lage war, strukturelle Reformen anzugehen. Italien wurde den neuen ökonomischen und sozialen Entwicklungen nicht gerecht und ist sein Urproblem –den Schwarzmarkt – nicht angegangen, ja hat ihn nicht einmal berührt. Das Verschleudern öffentlicher Gelder, die tiefen Verwerfungen zwischen zentraler und lokaler Verwaltung, die sozialökonomische Relevanz des organisierten Verbrechens, alte und leistungsfeindliche Eliten. Es ist ein Land, das so feststeckt, dass, obwohl nun Mario Monti an der Macht ist und die politischen Parteien nur schwer ein Weg zurück finden, eine Verlockung alter, überwundener Verhältnisse groß zu sein scheint: die beinahe nihilistische Hoffnung, wieder zwischen Pro- und Anti-Berlusconi getrennt zu sein.
Selbstverständlich wäre der beste Weg, sich der Diskussion über unsere Probleme zu entziehen und stattdessen über Berlusconi zu sprechen. Wir, als Online-Zeitung („Linkiesta“), begannen mit der klaren Ambition, das Land und seine Wirtschaft anhand von Fakten und Meinungen zu beschreiben und sehen uns nun mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die von Müdigkeit, Sorge, manchmal auch Erschöpfung und zu oft von Verarmung geprägt ist. Jedoch ist Italien auch ein Land, das erfindet, das finanzielle Stürme übersteht und das Möglichkeiten schafft. Ja, es stimmt, dass der private Konsum am Boden liegt, dass viele auf ihren Urlaub verzichten und den Gürtel enger schnallen. Aber es gibt auch das Land, das erfolgreich bleibt, das Gewinne erwirtschaftet, das der Krise Chancen abgewinnen kann, das unser aller Verhältnis zu Wirtschaft, Einkommen und Konsum neu überdenkt.
Kurzum: Das ist nicht das Ende der Welt, auch nicht das Ende des Euros oder der verwirrten und oft unverständlichen Mutter, die wir Europa nennen. Es wird auch nicht das Ende von Italien sein. Dennoch bleibt es – und es auszublenden, wäre zwecklos – eines der schwächsten Glieder der europäischen Kette.
Seien wir ehrlich: Es geht nicht darum, von den Märkten wieder an den Tisch der großen Mächte eingeladen zu werden, sondern darum, in der Lage zu sein, als Land das generelle Wohlbefinden und die Lebensqualität zu steigern. Wobei Letzteres im Verhältnis von Ursache und Wirkung mit dem Vergangenen immer stark verbunden sein wird. Montis Regierung, dieses eigenartige Gebilde aus einer technokratischen und akademischen Elite in einem römischen Palast, hat viele Nachteile, aber einen entscheidenden Vorteil: Sie fußt auf dem Eingeständnis, dass unser Land in tiefen Schwierigkeiten steckt und wir uns darum kümmern müssen.
Was Italien jetzt braucht
Hat Monti sie gelöst? Offensichtlich nicht, aber er hat versucht, sie aufzuzeigen und sie zu lindern, so weit es ihm möglich ist. Dennoch bestehen keine Zweifel, dass Italien eine solidere und strukturiertere Behandlung braucht, inklusive einem breiteren Auftrag und offeneren Visionen. Es braucht mehr Mut, wenn es darum geht, die tatsächlichen Privilegien und die Lobbys anzugehen, die hohen Pensionen und die zu hohe Besteuerung, die dem Ganzen die Mittel verschafft. Er muss sich endlich um die alltäglichen Probleme der Italiener kümmern und einen Anschluss zu ihnen finden. Das ist die Quintessenz einer Demokratie.
Dies ist per definitionem die Perspektive, die eine gute Politik einnehmen muss. Das ist, was Italien braucht, zusammen mit dem Mut, einem Land wie Italien zu sagen, dass es mit Aufopferung, Einsatz und Charakter bestens bestehen wird. In anderen Worten: Italien braucht ein großes politisches Projekt, das das Bewusstsein der Risiken für Italien nicht ausklammert, aber das Vorhaben von jemandem nicht aufgibt, der weiß, dass der Versuch zu gewinnen, der einzige Weg ist, der an den Märkten etwas zählt.
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