Partypatriotismus ist Nationalismus. Dagmar Schediwy

„Drama ist ein menschliches Bedürfnis“

Mit Trainspotting landete Irvine Welsh einen Welterfolg. Nun kehrt er zu den sympathischen Anti-Helden seines Debütromans zurück. Mit Max Tholl sprach er über Margaret Thatcher, Altherren-Rave-Partys und seinen pervers großen Fernseher.

The European: Herr Welsh, was hat Sie dazu bewegt, auf die Handlung von „Trainspotting“ zurückzugreifen und dessen Prequel zu schreiben?
Welsh: Ich hatte ursprünglich dieses lange und ausschweifende Werk und wusste nicht wirklich, wie ich es zu Ende bringen sollte. Also habe ich einfach den mittleren Teil herausgenommen und das wurde dann „Trainspotting“.

The European: Was geschah mit dem Rest?
Welsh: Den Schlussteil verwendete ich dann für einige meiner anderen Bücher, aber ich hatte immer noch den 100.000 Wörter umfassenden Anfang der Geschichte. Über die Jahre hatte ich das komplett vergessen. Als ich dann aber zufällig einen Blick drauf geworfen habe, stellte ich fest, dass er vieles über die Gesellschaft, Politik, Kultur und Familien, die wir aus „Trainspotting“ kennen, erzählt. Es gibt einem einen guten Aufschluss darüber, wie die Situationen und Geschichten in „Trainspotting“ zustande kamen.

The European: „Skagboys“ ist um Einiges politischer als „Trainspotting“ oder dessen Folgewerk „Porno“. Das Buch beginnt mit Margaret Thatchers Äußerung: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht“. Machen Sie Thatcher für die sozialen Missstände, die im Buch dargestellt werden, verantwortlich?
Welsh: Ich mache sie nicht persönlich dafür verantwortlich. Sie nimmt eine Schlüsselrolle in den Geschehnissen ein, aber Individuen sind letztlich nicht so wichtig. Die Geschichte der letzten 30 Jahre wurde von der geheimen Absprache zwischen den großen Parteien, die die Ressourcen der Arbeiterklasse und des Mittelstandes an eine sehr kleine internationale Elite transferierten, bestimmt. Das war die Dynamik der letzten drei Dekaden.

The European: Thatcher hat diese Dynamik gefördert?
Welsh: Die Generation der 80er-Jahre stand an einem Wendepunkt: Die Oberschicht entschied den Klassenkampf für sich – zumindest in Großbritannien. Seitdem hat diese politische Elite die staatlichen Unternehmen und den Wohlfahrtsstaat verkommen lassen, jegliche progressiven Steuervorhaben und Gesetze gestoppt und massive Arbeitslosigkeit verursacht. Alles ist darauf ausgerichtet, dieser kleinen Elite zu dienen.

„Soll das alles sein … Fuck“

The European: Ironischerweise stehen dieselben Themen, die im Buch thematisiert werden, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Protest und die Unabhängigkeit Schottlands, momentan ganz weit oben auf der politischen Agenda in Großbritannien.
Welsh: Das liegt daran, dass sich in den letzten 30 Jahren nichts an der Politik geändert hat. Es gibt keine ernst zu nehmende Alternative zum Neoliberalismus und die Labour Party scheint das schlichtweg hinzunehmen. In seiner Amtszeit als Finanzminister sagte der Labour-Politiker Alistair Darling, die notwendigen Kürzungen würden noch drakonischer ausfallen als die unter Thatcher. Und jetzt kommt David Cameron daher und macht etwas noch Drakonischeres als Darling. Es gibt einen Konsens unter diesen Parteien, dass alles getan werden muss, um dieser neoliberalen Elite zu dienen.

The European: Auch wenn die Gesellschaft laut Thatcher „nicht existierte“, scheinen die Charaktere Ihres Buches eine eigene Gesellschaft zu bilden: die der Verstoßenen.
Welsh: Das ist das Resultat der Massenarbeitslosigkeit. Leute werden aus dem Sozial- und Wirtschaftssystem ausgestoßen. Eine gesamte Generation wurde in eine Untergrundgesellschaft gedrängt.

The European: Eine Untergrundgesellschaft, die vom Elend zusammengehalten wird?
Welsh: Genau. „Skagboys“ zeigt, wie die Gesellschaft solche Leute komplett aufgegeben hat und ihnen nichts mehr bietet. Für solche Typen werden Drogen letztlich die Überhand gewinnen. Mit Renton, dem Protagonisten des Buches, ist es ein bisschen komplizierter. Er ist ein cleverer Typ und wehrt sich gegen das Mittelschicht-Leben, in das er zunehmend driftet. Aber in erster Linie geht es um die symbiotische Beziehung jener Gruppe, die die Charaktere in den Abgrund treibt.

The European: Wie haben Sie persönlich die Jahre, die im Buch beschrieben werden, erlebt?
Welsh: Ich hatte, bedingt durch Todesfälle in der Familie oder gescheiterte Beziehungen, meinen Teil an Misere. Damals fehlte mir aber die Fähigkeit, mich auszudrücken und mitzuteilen. Abgesehen davon, gab es damals im Gegensatz zu heute bei Weitem nicht so ein gutes Hilfsangebot. Wir haben unsere Probleme auf klassisch schottische Art gelöst: Wir haben sie weggetrunken. Und dann kamen auf einmal Drogen mit ins Spiel und boten eine neue Möglichkeit, mit privaten Problemen umzugehen – ohne sie wirklich zu lösen natürlich. Für mich waren diese Jahre aber nicht unbedingt dunkle Jahre. Eher verwirrende Jahre.

The European: Inwiefern?
Welsh: Ich musste herausfinden, wie ich in diese Gesellschaft, von der ich umgeben war, hineinpasse und was ich mit meinem Leben anfangen soll. Typen wie Renton und ich begehen schnell den Fehler, zu weit in die Zukunft zu denken und alles zu rationalisieren. Man hat das gesamte Leben bereits im Kopf gelebt, bevor man überhaupt anfängt, es wirklich zu leben. Du schaust dich um, siehst die Leute um dich herum, und denkst dir: „Soll das alles sein … Fuck.“ Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie will, dann verwehre ich mich ihr. Aber ich bin älter geworden und habe gelernt, das Leben zu genießen, trotz seiner vielen Mängel.

The European: Ist Renton der Charakter mit den meisten autobiografischen Elementen?
Welsh: Wahrscheinlich. Aber auf eine gewisse Art und Weise war ich im Laufe meines Lebens jeder dieser Charaktere.

The European: Auch der psychopathische Begbie?
Welsh: Er ist die Ausnahme, hoffe ich zumindest. Aber in den meisten meiner Charaktere tauchen Facetten von mir auf, immerhin habe ich sie erschaffen. Am Ende sind wir doch alle ein Mischmasch aus unendlich vielen verschiedenen Verhaltensweisen. Meine Charaktere sind jene Verhaltensweisen, die ich unterdrücken musste, um im Leben voranzukommen.

„Ich brauche Komplexität und Widerspruch“

The European: Charaktere spielen eine wichtige Rolle in Ihren Büchern. Sie portraitieren meist einen Teil der Gesellschaft, der vielen Leuten fremd ist: Außenseiter und Kleinkriminelle.
Welsh: Viele andere schottische Schriftsteller wie Alasdair Gray oder James Kelman schrieben über normale Leute der Mittelschicht, aber ich will einfach typische Charaktere der Arbeiterklasse portraitieren – so wie ich sie kenne und erlebt habe: den zynischen Intellektuellen wie Renton, den Manipulant à la Sick Boy, der Psychopath wie Begbie oder den liebenswürdigen Verlierer wie Spud.

The European: Ich habe kürzlich den amerikanischen Literaten T. C. Boyle interviewt (The European, Ausgabe 1/2014), der mir verriet, dass Charaktere für ihn anfangs nur zweitrangig waren und die Geschichte im Vordergrund stand. Bei Ihnen ist es genau andersherum.
Welsh: Absolut. Ich hasse Bücher, in denen die Charaktere nur Karikaturen ihrer selbst sind und flachen, banalen Helden all die Aufmerksamkeit zukommt. Als Schriftsteller will man das größtmögliche Maß an Komplexität und Widerspruch. Die Geschichte ist mir eigentlich komplett egal. Bring ein paar interessante Charaktere zusammen und etwas Spannendes wird passieren. Das ist unausweichlich.

The European: Gleiches kann man auch vom realen Leben behaupten. Ihrer Meinung nach brauchen wir Menschen Drama.
Welsh: Wir brauchen mitreißendes Drama in unserem Leben. Auf der Arbeit sind wir ständig davon umgeben: der Chef, den man hasst, die Kollegin, auf die man steht, Sex auf der Weihnachtsfeier – in dieser dramatischen Umgebung werden wir sozialisiert. Aber das Drama auf der Arbeit ist ja noch sicher und geregelt.

The European: Im Gegensatz zu …
Welsh: Die Arbeitswelt liefert uns geile Geschichten, die man erzählen kann. Ohne Arbeit fehlt einem dieses Drama, dieses menschliche Grundbedürfnis.

The European: Sie glauben, dass Drama ein menschliches Grundbedürfnis ist?
Welsh: Als unterhaltsamer Gesprächsstoff: Absolut! Wir müssen uns mitteilen und Geschichten erzählen, das liegt in unserer Natur. Wenn man die Geschichten nicht in der Arbeitswelt findet – weil man zum Beispiel arbeitslos ist – dann muss man sich das Drama auf der Straße besorgen. Drogen, Prostitution und Messerstechereien – dieser ganze Scheiß liefert uns dann das Drama. Aber bei dieser Art von Drama gibt es keine Grenzen. Es ist einfach da, auf eine sehr entblößte und gefährliche Art und Weise.

The European: Viele Ihrer Bücher wurden später auch verfilmt. Wie involviert sind Sie in diesem Prozess?
Welsh: Man muss den Regisseuren vertrauen. Das Buch wird ja schließlich nicht verschwinden. Die Leute können es immer noch lesen und mit dem Film vergleichen. Die Regisseure vernichten das Buch nicht, sie machen nur etwas anderes daraus. Es ist sogar wünschenswert, dass jemand dein Schaffen verändert und neu adaptiert. Ich brauche Leute, die meine Bücher zerhacken und wieder bei null anfangen. Um die Frage zu beantworten: Ich versuche mich immer einzubringen, aber wie viel hängt vom Projekt ab.

„Ich trinke keinen Kakao“

The European: Stimmt es eigentlich, dass Fans Ihnen nach Lesungen oder während Signierstunden Drogen unterjubeln?
Welsh: Ja, die denken, dass sie mir damit einen riesigen Gefallen tun. Aber glauben Sie mir: Es ist sehr unangenehm, sich im Flugzeug in die Taschen zu greifen und Päckchen Kokain oder Heroin rauszuziehen. Ich spüle das Zeug dann meist das Klo runter.

The European: Nervt es Sie, dass viele Sie ausschließlich als „Drogen-Autor“ wahrnehmen?
Welsh: Früher, in meinen wilderen Jahren, fand ich das großartig. Heute stört es mich von Zeit zu Zeit. Aber ich will mich nicht beklagen. Es ist doch toll, mit etwas so Erfolgreichem wie meinen Büchern – die eben oft von Drogen handeln – in Verbindung gebracht zu werden. Danach strebt doch jeder Künstler.

The European: Zumindest jeder „Hungerkünstler“.
Welsh: Ich glaube nicht an das Konzept oder die Vorstellung des „Hungerkünstlers“. Selbst Autoren wie William S. Burroughs waren verhältnismäßig reich. Die stellen sich gerne als bettelarm dar, aber in Wirklichkeit fliegen die Schecks nur so ins Haus.

The European: Ich habe gelesen, dass Sie zusammen mit Ihren Freunden Altherren-Rave-Partys in Ihrem Haus in Miami veranstalten, bei denen Sie alte House-Platten hören, Kakao trinken und rote Pantoffeln tragen. Das klingt zu gut, um wahr zu sein.
Welsh: Es ist eine leichte Übertreibung. Ich trinke keinen Kakao.

The European: Aber Sie tragen die roten Pantoffeln?
Welsh: Ich mag es einfach, mal zu Hause auszuspannen, mit meiner Frau und Freunden zu kochen, und an neuem Material zu schreiben. Ich führe ein viel ruhigeres und beständigeres Leben heute.

The European: Sie haben sich für den „pervers großen Fernseher“ entschieden.
Welsh: Ich habe einen enorm, pervers großen Fernseher – es ist beinah ein Kino.

„Skagboys“ ist im Heyne Verlag erschienen.

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