Die Konservativen sind die Pausenzeichen der Geschichte. Norman Mailer

Muße zur Muße

Künstlerischen Freiraum kann man sich nur nehmen, er kann nicht gewährt werden. Wie fließend der Übergang zwischen Angst, Verbot und künstlerischer Freiheit tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die Umbrüche in der arabischen Welt. Ohne genaues Hinsehen geht es nicht.

Die Umbrüche in Ägypten und Tunesien sowie die Aufstände in Syrien haben im Ausland ein breites Interesse an der Kunst jener Länder geweckt. Vielleicht ist es aber auch nur das Bedürfnis einer schnellen Übersetzung der Geschehnisse in die vermeintlich universelle Sprache der Kunst und die Sehnsucht nach Klarheit. Auf jeden Fall gibt es große Ungeduld.

Filmfestivals erwarten Arbeiten zu den Revolutionen, die nur Hüftschüsse sein können. Theaterfestivals führen Stücke zur aktuellen Situation auf, in Performances werden Facebook-Gespräche verlesen. Zeit und Raum für Reflexion und den Versuch, sich der Bedeutung der Geschehnisse zu nähern, gibt es nicht. Geben die Nachrichten kein Abbild? Wie groß ist der Kompromiss, den wir bei der Qualität der Kunst eingehen, damit sie aktuell ist? Ist nicht auch politisch an dieser Kunst, der schnell für den internationalen Markt zusammengezimmerten, dass sie schlechte Kunst ist? Wie ein Beleg dafür, dass die Menschen in der Region keine gute Kunst machen? Wann erfahren wir Kunst aus diesen Ländern, wenn nicht in der Krise?

Die Grenzen des Verbots, der Angst und der Freiräume sind fließend

Mit Einführung der preiswerteren Videotechnik hat sich in Ägypten seit Anfang der 2000er-Jahre eine alternative Filmszene herausgebildet. Es wurden kurze Filme hergestellt, die man in Innenräumen drehen und zu Hause im Freundeskreis sehen kann. Es ging ums Experimentieren: formal, inhaltlich und in Bezug auf die Produktionsbedingungen. Die Grenzen des Verbots, der Angst und der Freiräume sind fließend, der Austausch mit dem Ausland permanent. Wie erkennt man überhaupt einen Freiraum? Der Regisseur Ibrahim El-Batout hat seinen langen Spielfilm Ain Shams ganz ohne Genehmigungen gedreht. Darum wurde er nie verboten.

Um die Kinos nicht in Schwierigkeiten zu bringen, legte Batout das fertige Werk dem Zensor vor. Der wusste längst Bescheid, denn seit dem Moment, in dem der Film abgedreht war, hat der Regisseur im TV, im Radio und in der Zeitung von seiner Arbeit berichtet und andere aufgerufen, es ihm gleich zu tun. Der Zensor beklagte öffentlich, dass dies keine Art sei und gab die Vorführlizenz nach einigem Hin und Her frei. Es fehlte dem Film nicht nur an Genehmigungen, es gibt auch keine Stars und kein Happy End. Es war ein Protest gegen die Macht des Geldes und die Korruption, gegen den Eskapismus des Mainstreams sowie die Lügen der Mächtigen und die, die sie glauben.

Dem Historienfilm Der Emmigrant von Youssef Chahine über die Joseph-Geschichte wurden Mitte der 1990er sämtliche staatlichen Genehmigungen erteilt, dann folgten zwei Verbote. Zunächst durch die Klage eines islamistischen Rechtsanwalts, weil sich der Prophet Joseph auf Zelluloid verdinglichte. Chahine ging in Revision und bekam recht, woraufhin ein koptischer Anwalt einen zweiten Bann erwirkte, weil die Darstellung Josephs nicht wahrheitsgetreu sei. Was also ist künstlerischer Freiraum? Wer behindert ihn? Wen behindert die Kunst?

Freiraum kann man sich nur nehmen

Jocelyne Saabs Dunia, in dem es auch um weibliche Genitalbeschneidung in Ägypten geht, wurde international gefeiert, in Ägypten brauchte es ein Jahr, bis er 2006 in die Kinos kam. Es erbosten sich unter anderem junge Oppositionelle, weil die Libanesin Saab sich in ägyptische Angelegenheiten mische und auf einem Problem rumreite, dessen Lösung sich die verhasste Präsidentengattin Susan Mubarak auf die Fahnen geschrieben hatte.

Künstlerischen Freiraum kann man sich nur nehmen, er kann nicht gewährt werden. Dass im Zusammenhang der Proteste nie über Propaganda gesprochen wurde, zeigt, wie leicht Kunst zum Spielball der Politik anderer werden kann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Eissenhauer, Verena Krieger.

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