Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

„Frauen, traut euch“

Kann eine gleichmäßige Geschlechterverteilung in Firmen durch ein Gesetz erzwungen werden? Mit Inanna Fronius und Alexandra Schade sprach Irene Natividad über die Auswirkungen einer Frauenquote auf Firmen und die kommende Generation.

The European: Frauenquoten sind momentan ein großes Thema in Deutschland. Warum sprechen Sie sich dafür aus?
Irene Natividad: Ich bin für eine Frauenquote, da sie – wie ich bereits gesagt habe – eine aggressive, gezielte Fördermaßnahme ist. Das bedeutet, dass wir bereits eine Menge qualifizierter Frauen haben, jetzt benötigen wir nur einen großen Ruck im System. Eine Quote kann das erreichen, sie kann die Zahlen drastisch erhöhen. Ohne sie würden wir sehr viel länger warten müssen, bis wir Gleichheit erreichen. Außerdem beeinflusst eine Quote die Rentabilität der deutschen Firmen sowie Deutschlands Wirtschaftswachstum. Der weibliche Talentpool in dem Land muss erst vollständig ausgeschöpft werden – an der Spitze, in der Mitte und von unten.

„Deutschland darf nicht zurückbleiben“

The European: Was denken Sie über das oft angeführte Argument, dass Frauen bereits alles erreichen können und alles sein können – genau wie Männer? Brauchen wir dann eigentlich ein Gesetz und Hilfe vom Staat, um Frauen in Positionen zu befördern, die sie mit eigener Kraft hätten besetzen sollen?
Natividad: Uns wird schon lange erzählt, dass wir alles selbst schaffen können und es ist so nicht geschehen. Aus diesem Grund brauchen wir jetzt Gesetze. Wenn es eine Frauenquote in Parteien gibt, dann können wir gewiss auch eine Quote für Frauen in Vorständen haben.

The European: Wie Sie bereits gesagt haben, gibt es Frauenquoten in der Politik und anderen Organisationen. Warum ist es in der Wirtschaft so schwierig?
Natividad: Ich denke, es ist für Wirtschaftsführer schwierig, sie anzunehmen. Es fiel politischen Führungskräften ebenso schwer, an Quoten zu glauben. Aber ich bin der Meinung, dass es in Deutschland im Moment einen besonderen Impuls gibt. Andere europäische Länder haben bereits eine Frauenquote und wir wollen schließlich nicht, dass Deutschland – die größte Wirtschaftskraft in Europa – zurückbleibt.

The European: In den USA gibt es keine Quote.
Natividad: Ich fände es toll, wenn es in den USA eine Frauenquote gäbe, allerdings geschieht nichts. Deswegen bin ich stolz auf Länder, die diesen Schritt hier in Europa gehen und das Gesicht der Firmenvorstände für die kommenden Jahrzehnte ändern. Das ist eine Errungenschaft, welche im Laufe der Zeit hoffentlich bessere Firmen schafft.

„Wir wissen, dass Frauen intelligent sind“

The European: Wenn Sie über Frauen, Quoten und Vorstände reden, dann geht es nur um eine kleine Prozentzahl an Frauen in der Gesellschaft, die bereits durch ihre Ausbildung eine bessere Position innehaben …
Natividad: … und damit andere Frauen beeinflussen. Die Strategie heißt „top-down“: Wenn es mehr Frauen in Vorständen und Direktorenämtern gibt, dann werden wir möglicherweise sehen, dass wir mehr Frauen in Führungsstäben und in der gesamten Planung benötigen. Im Moment gibt es solche Zahlen jedoch nicht – weder in Vorständen noch in den Führungsstäben noch auf der mittleren Führungsebene.

The European: Wir hören von Männern oft, dass eine Frauenquote gerade die Diskriminierung von Frauen verstärken würde. Dann müsse man als Frau beweisen, dass die Position nicht durch die Quote, sondern durch Qualifizierung verschafft wurde. Denken Sie, dass die Quote langfristig Frauen letztendlich keinen Gefallen tun könnte?
Natividad: Mein Gefühl ist einfach: Frauen, traut euch! Macht euch keine Sorgen über die Beurteilung anderer und darüber, was die zu euren Talenten zu sagen haben. Traut euch, da ihr so oder so Leistung zeigen müsst. Wir wissen, dass Frauen intelligent sind. Wir wissen, dass sie gebildet sind, sogar überqualifiziert. Also nutzt die Chance und vielleicht sehen die Firmen, wie talentiert wir sind.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Alexander Wallasch: „Dieses Mann-Frau-Ding ist doch aus den 1970er-Jahren!“

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