Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

„Wir sind nicht dem Untergang geweiht“

Der Inselstaat Vanuatu ist direkt vom globalen Klimawandel bedroht – gleichzeitig sind seine Bewohner die glücklichsten Menschen der Welt. Präsident Iolu Johnson Abil erklärt Roderick Panchaud, warum das so ist und welche Rolle Religion angesichts der drohenden Katastrophe spielt.

The European: Herr Präsident, sind Sie ein Optimist?
Abil: Ich glaube an den Gott der christlichen Bibel, den Gott von Abraham, Isaak und Jakob. Er ist Gott der Lebenden und nicht der Toten. Ich bin also Optimist.

The European: Ihr Land führt zwei sehr unterschiedliche Ranglisten an. Den „Global Risk Report“ sowie den „Happy Planet Index“ (PDF). Mit anderen Worten: Die Einwohner Vanuatus sind zugleich die glücklichsten und die am meisten gefährdeten Menschen der Erde. Wie kommt das?
Abil: Besucher Vanuatus schwärmen oft von der Freundlichkeit meiner Landsleute. Ausgedrückt wird diese durch das häufige Lächeln, die ausgeprägte Hilfsbereitschaft und die Leichtigkeit, mit der die Vanuatuer ihr Leben meistern. Die Bevölkerung meiner Inseln lebt zudem ein einfaches Leben. Große Freude bereitet uns schon ein simples Essen im Kreise der Familie. Protzigkeit, ausgedrückt zum Beispiel durch teure Kleidung, ist uns fremd. Unser lokales Wertesystem legt hohen Stellenwert auf die Tradition des Teilens und der gegenseitigen Fürsorge innerhalb der Gemeinschaft. Diese Werte halten wir hoch, gestärkt werden sie auch durch unseren christlichen Glauben. Hinzu kommen Familienbande, die nach wie vor sehr stark sind.

The European: In westlichen Ländern besitzen materielle Güter einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig ist der Zugang zu Nahrung und Trinkwasser gewährleistet, ebenso der zu medizinischer Versorgung. Glücklich sind wir dennoch nicht. Haben die Vanuatuer einen alternativen Weg zum Glück gefunden?
Abil: Die meisten Bürger unserer Inseln verfügen nicht über einen solchen materiellen Wohlstand. Trotzdem scheinen sie glücklich zu sein mit dem, was sie besitzen. Ich glaube, in Vanuatu haben wir mit unserer Lebensphilosophie des Teilens und der Fürsorge einen Weg gefunden, auch ohne materiellen Überfluss glücklich zu werden.

„Wir sind nicht dem Untergang geweiht“

The European: Sie haben erwähnt, dass im Leben vieler Vanuatuer der christliche Glaube eine zentrale Rolle spielt. Kann dieser helfen, mit großen Naturkatastrophen, die Vanuatu drohen, umzugehen?
Abil: Der christliche Glaube ist ein wichtiger Faktor für alle Vanuatuer. Sehen Sie, die 250.000 Bewohner der 83 Inseln sind auf verschiedene Gemeinschaften mit 110 lokalen Sprachen aufgeteilt, die täglich gesprochen werden. Das ist ein großes Kommunikationshindernis. Dies ist für uns eine große Herausforderung und daher hat Religion eine stark integrative Wirkung für unser Land. Es ist kein Zufall, dass unser Staatsmotto seit der Unabhängigkeit 1980 „In God We Stand“ lautet. Dies ist entscheidend, weil es unsere gemeinsame Basis trotz großer kultureller Diversität betont.

The European: Auf den ersten Blick gleicht Vanuatu einem Paradies, wenn wir etwa die Naturverbundenheit ihrer Bürger betrachten. Nun drohen Vanuatu wie eingangs erwähnt aber vor allem Naturkatastrophen: Ist die Natur mittlerweile zu einem Feind geworden?
Abil: Aufgrund der Tatsache, dass wir seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur leben, hat sich unser Verhältnis zur Umwelt auch in der jüngsten Vergangenheit nicht verändert.

The European: Die Technologie schützt uns vor zukünftigen Naturkatastrophen. Sie kann uns aber nicht bei der Verarbeitung psychologischer Konsequenzen solcher Katastrophen helfen. Wie bereiten Sie die Menschen in Vanuatu auf den potenziellen Heimatverlust vor?
Abil: Während der „Global Risk Report“ Vanuatu als besonders gefährdetes Land bezeichnet, lehrt uns die Geschichte ein anderes Bild. Die Vergangenheit zeigt uns, dass Vanuatu keinesfalls dem Untergang geweiht ist.

The European: Steigt jedoch das Meer, werden einige Inseln Vanuatus überflutet. Gibt es andere Lösungsansätze als die komplette Evakuierung der Inseln?
Abil: Sollte es tatsächlich so weit kommen, haben wir Stand heute keine andere Option an der Hand.

The European: Die globale Klimaerwärmung wurde größtenteils durch das Wachstum der entwickelten Welt verursacht. Die Regierungen dieser Staaten haben aber besonders Mühe, dieses Verschulden anzuerkennen. Fühlen Sie sich ernst genommen, wenn Sie mit Vertretern westlicher Staaten reden?
Abil: Das Problem der Klimaerwärmung ist tatsächlich ein großes Problem für einen Staat wie Vanuatu. Dass die Zukunft der vanuatuischen Inseln aber nicht zuoberst auf den Prioritätenlisten westlicher Regierungen steht, kann ich nachvollziehen. Diese scheinen sich mehr um Probleme zu kümmern, die ihre eigene Wohlfahrt betreffen.

„Übermenschliche Interventionen werden notwendig sein“

The European: Wieso schließt sich Vanuatu nicht mit anderen direkt betroffenen Staaten aus dem Pazifik, Afrika und der Karibik zusammen, um gemeinsam Lösungsansätze für das Problem des ansteigenden Meeresspiegels zu suchen?
Abil: Die Herausforderung, genügend Aufmerksamkeit für unsere Problematik zu erzeugen, ist riesig. Die Idee verfolgen wir aber seit Langem und werden das auch zukünftig tun.

The European: Die Klimaerwärmung und die damit einhergehenden Konsequenzen werden früher oder später uns alle treffen. Wie können Sie bei solchen Aussichten ihren Optimismus bewahren?
Abil: Wir alle müssen akzeptieren, dass die Produktionssysteme der globalen Märkte nicht nachhaltig sind und die Natur mit der Umweltverschmutzung nicht zurechtkommt. Bleibt dieser Trend bestehen, müssen wir akzeptieren, dass Interventionen notwendig sein werden, die über unseren begrenzten menschlichen Fähigkeiten liegen. Dazu zähle ich den Glauben, der uns Hoffnung gibt in diesen Zeiten.

Übersetzung aus dem Englischen.

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