Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Max Planck

IS erkärt Christen den Krieg

Der „Islamische Staat“ (IS) hat am 20. Februar ein Drohvideo veröffentlicht, in dem er den Christen in Ägypten den Krieg erklärt. Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) sind allein in den vergangenen drei Wochen im Nordsinai vier koptische Christen von radikalen Islamisten ermordet und eine unbekannte Zahl vertrieben worden.

20 Minuten lang ist das Video der IGFM. Es zeigt unter anderem den koptischen Papst, christliche Geschäftsleute und Priester. Der „Islamische Staat“ erklärt, dass ägyptische Christen nicht länger „Schutzbefohlene“ (Dhimmis), sondern „Ungläubige“ (Kufar) seien, da sie sich abfällig über den Islam geäußert hätten. Ihr Gott Allah habe befohlen alle „Ungläubigen“ zu töten. Außerdem seien die Christen die stärksten Unterstützer des Regimes von Feldmarschall Abd al-Fattah al-Sisi. Der Terroranschlag an der Kathedrale von Kairo am 11. Dezember 2016 sei „nur ein Anfang“. Bei diesem Blutbad, das der IS verübt hat, starben mindestens 25 Menschen, über 40 wurden teils schwer verletzt.

Die IGFM ist überzeugt, dass die extremistische Gewalt erst überwunden werden kann, wenn sich die Regierung Ägyptens den Ursachen stellt. Das sei zum einen der islamische Fundamentalismus, der auch in Ägypten ungehindert Menschen verhetzen könne. Zum anderen sei es die willkürliche Gewalt, mit der die Behörden gegen tatsächliche und vermeintlich Andersdenkende vorgingen. „Die Kombination aus wahllosen Verhaftungen und systematischer Folter“ treibe immer mehr Menschen in die Arme der Extremisten, so IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. „Bisher weigert sich die ägyptische Regierung anzuerkennen, dass der Terror eine religiöse Komponente hat“, beklagt die IGFM, „solange die Verantwortlichen die Augen weiter verschließen, wird es weiter unschuldige Opfer geben.“

Welle der Gewalt gegen Christen

Die Halbinsel Sinai ist seit langem Schauplatz von heftigen Spannungen zwischen der örtlichen Bevölkerung und der Zentralregierung in Kairo. Die Gewalt eskaliert auf dem Sinai seit Jahren. Islamisten verzeichnen mehr und mehr Zulauf. Bereits im September 2012 wurden dutzende koptische Familien aus der Stadt Rafah im Nordsinai vertrieben; maskierte Islamisten befahlen damals den koptischen Anwohnern, innerhalb von 48 Stunden die Stadt zu verlassen. Ein Vorgehen, wie es an anderer Stelle auch während des osmanisch-türkischen Völkermords an den Armeniern zu beobachten war.

In Ägypten spitzt sich derweil die Lage zu. Ende Januar wurde der koptische Händler Wael Youssef auf einem gut besuchten Marktplatz der Stadt al-Arish erschossen. Am 12. Februar wurde der Tierarzt Baghat Zakher mit einem Kopfschuss tot vor seiner Apotheke in der Stadt al-Arish aufgefunden. Adel Shawky, ebenfalls Angehöriger der koptischen Minderheit, wurde am selben Tag im Stadtteil Samaran der Stadt al-Arish ermordet. Am 16. Februar schoss ein Attentäter den Lehrer Gamal Tawfik am helllichten Tag auf einem Markt in al-Arish nieder. Wenige Tage zuvor, am 13. Februar, verteilten IS-Anhänger Flugblätter in al-Arish, die den „Islamischen Staat“ als „Teil des Volkes“ von al-Arish bezeichnen.

Schülerinnen ohne Kopftuch werden schikaniert

Wie die IGFM weiter berichtet, werden muslimische und auch christliche Schülerinnen in Ägyptens Schulen genötigt oder sogar dazu gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Ägyptische Medien berichten beispielhaft über die 12-jährige Rahma Salim. Sie ist Muslimin, hat liberale Eltern und weigerte sich, den Hijab zu tragen – ein großes Kopftuch, das Haare und Hals vollständig bedeckt. An ihrer Schule in Kafr al-Ashraf in Nordägypten wurde sie deswegen von Lehrern und Schülern schikaniert und vom Unterricht ausgeschlossen. Die IGFM unterstreicht, dass es sich dabei um eine Verletzung des Rechts auf Religionsfreiheit handelt, das in der derzeit gültigen ägyptischen Verfassung von 2014 verankert ist.

„Ich musste alleine auf dem Schulhof stehen. (…) Alle Mädchen müssen den Hijab tragen, auch christliche Schülerinnen“, so Salim. Sobald am Ende des Schultages die Glocke läutet, nehmen vor allem christliche Schülerinnen das Kopftuch wieder ab. Die Mutter der Schülerin reichte eine Beschwerde beim Ausschuss für Bildung und Erziehung in ihrer Heimatstadt Zagzig ein und erhielt zur Antwort, dass sie sich nicht „idiotisch verhalten“ solle. Zudem wurde sie gefragt, ob sie nicht wolle, dass ihre Tochter „anständig“ sei.

Intoleranz gegen Andersgläubige und liberale Schülerinnen auf dem Vormarsch
Leider ist dies kein Einzelfall. Nach Information der IGFM werden alle Schülerinnen der al-Nassiriya-Schule in Zagzig mit einem neu aufgestellten großen Schild aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen. Die Intoleranz gegenüber Schülerinnen, die aus welchem Grund auch immer kein Kopftuch tragen wollen, ist ganz klar auf dem Vormarsch.

IGFM: Vorgehensweise an ägyptischen Schulen verfassungswidrig

„Artikel 64 der ägyptischen Verfassung von 2014 garantiert absolute Glaubensfreiheit, in Artikel 3 wird das Recht von Christen und Juden auf ihre eigenen Gesetze in Übereinstimmung mit ihrer Religion festgehalten. Indem Kopftücher an Schulen vorgeschrieben werden, verletzt der ägyptische Staat sowohl das fundamentale Menschenrecht auf Religionsfreiheit sowie auch die Bestimmungen der eigenen Verfassung“, so IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin.

Auch koptische Schüler werden dazu gezwungen, den Koran auswendig zu lernen
Viola Samir, eine siebenjährige koptische Christin, berichtete, dass in ihrer Schule Kom el-Lufi nahe der Stadt Samalout im mittelägyptischen Gouvernement al-Minya auch christliche Schüler gezwungen wurden, Teile des Korans auswendig zu lernen. Religion zählt zu den Pflichtfächern, normalerweise erhalten die christlichen Schüler separat Unterricht in ihrer Religion. „Als Viola ihrem Lehrer mitteilte, dass die Korantexte für sie nicht Teil des Lehrplans wären, wurde sie bestraft“, so der Vater des Mädchens. Ein anderer christlicher Schüler, der keine Korantexte auswendig lernen wollte, wurde vom Lehrer dafür geschlagen.

Nach einer Beschwerde der Eltern beim Direktor bekamen die christlichen Kinder wieder die Erlaubnis, während des islamischen Religionsunterrichts die Klasse für ihren Unterricht in christlicher Religion zu verlassen. Der muslimische Lehrer musste für sein Vorgehen aber keine Konsequenzen tragen. Viola Samirs Vater gibt an, dass koptische Kinder nicht selten die Schule hassen und oft fehlen, weil sie sowohl von Lehrern als auch von Schülern gemobbt werden und von den Lehrern generell härter bestraft würden als muslimische Kinder.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Egidius Schwarz, Julian Tumasewitsch Baranyan .

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