Wir haben das Kapitel Nationalmannschaft endgültig auf den Grund gefahren. Oliver Kahn

Am Ende gewinnt ein Mann der Mitte

Die Präsidentschaftsdiskussionen sind im vollen Gange. Sowohl der “linke Sozialist” Bernie Sanders, als auch der “rechter Milliardär” Donald Trump liegen gut im Rennen. Am Ende wird es aber ein Mann der Mitte.

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Es ist ein Fehler, den die Deutschen besonders gerne machen, wenn es um die Einordnung des Präsidenten der Vereinigten Staaten geht: Sein Tun und Lassen nämlich an den Interessen des eigenen Landes, also Deutschlands, zu bewerten und daran festzumachen, ob er einen guten oder einen schlechten Job macht.
Und das ist, bei allem, was uns mit den Vereinigten Staaten historisch und geostrategisch verbinden mag, mindestens naiv und kann dem Amtsinhaber letztlich niemals gerecht werden.

Die Amerikaner haben in vielen Dingen nicht nur völlig andere Bedürfnisse. Auch die politische Struktur und Kultur ist eine ganz andere. Zudem ist die Macht des Präsidenten bei weitem nicht so allumfassend, wie viele Amerika-Freunde – wie übrigens auch die verbitterten Gegner der USA – oft glauben.
Es sind mithin kindliche Allmachtsphantasien, die da auf den Mann im Weißen Haus projiziert werden.

Im zwei Kammern System muss der Präsident seine Mehrheiten Fall für Fall gewinnen. Wie kaum ein anderer Präsident vor ihm, musste gerade Barack Obama immer wieder erleben, dass es in Senat wie Kongress keine Linie gibt, die er seinen Parteifreunden vorgeben kann. Ob bei dem Versuch Guantanamo zu schließen oder mit dem Iran einen sinnvollen deal zu schließen oder die Waffengesetzgebung grundsätzlich zu verändern: Immer wieder haben auch Demokraten die Vorhaben dieses demokratischen Präsidenten boykottiert, weil die Sorge, selbst nicht wiedergewählt zu werden, obsiegte oder vielleicht auch nur die vielen einflussreichen Lobbyverbände ganze Arbeit geleistet haben.

All das muss man also im Kopf haben, wenn man sich in Deutschland die Frage stellt, welche Aufgaben der Präsident oder die Präsidentin meistern muss, der am 8. November 2016 gewählt wird. Und welche der bisherigen Kandidaten dafür am geeignetsten scheinen.

Den American dream gibt es nicht mehr

Auch wenn sich die amerikanische Wirtschaft weiter langsam erholt und die Arbeitslosenquote stark gesunken ist, klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Weite Teile der ehemaligen Mittelschicht leben hoch verschuldet am Rande der Armutsgrenze. Das Schul- und Bildungssystem ist so miserabel, dass nur wirklich Hochbegabte den Sprung in die Bildungselite schaffen, die nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus kommen. Das, was das Land in seiner großen Diversität geeint hat, das Heilsversprechen des american dreams, gibt es nicht mehr. Die Skepsis gegenüber Washington wächst, eine klare Bevölkerungsmehrheit geht davon aus, dass Politik vor allem für die kleine Gruppe der Superreichen gemacht wird. Das ist gefährlich, weil damit der Kitt, der dieses Land in all seiner Unterschiedlichkeit vereint hielt, zerbröselt.

Und auch der erste Schwarze Präsident konnte den tiefverwurzelten Rassismus nicht wirklich erfolgreich bekämpfen. Im Gegenteil scheint das Land gespaltener denn je, tumbe Vorurteile gegenüber Einwanderern und Schwarzen verfangen ungebremst, die rassistische Gewalt nimmt kein Ende. Geschickt werden die Ängste instrumentalisiert, die in weiten Teilen der weißen Bevölkerung durch die Tatsache ausgelöst wird, dass spätestens im Jahr 2050 die Weißen nicht mehr in der Mehrheit sind.

Dazu kommt die Unsicherheit ob der Rolle, die die Staaten in der Welt spielen sollen. Erschöpft von den vielen Kriegen der vergangenen Jahren, den vielen Toten und den noch mehr psychisch schwer erkrankten Kriegsveteranen, will man seine eigenen jungen Männer und Frauen nicht mehr in den Kampf schicken. Einerseits. Andererseits gehört es fest zum Selbstbild vieler Amerikaner, als vermeintliche Weltpolizei, die Krisen zu befrieden und der Welt mehr Demokratie zu schenken. Natürlich stehen hinter dieser offiziellen Doktrin meist knallharte wirtschaftliche Interessen, über die weniger salbungsvoll gesprochen wird.

Viele Amerikaner haben in den vergangenen Dekaden aus dieser Rolle sehr viel Stolz und Selbstwertgefühl geschöpft. Und auch hier weicht eine mithin gefährlichen Selbstüberschätzung einem nicht weniger gefährlichen Gefühl einer tiefen Verunsicherung. Was sind das eigentlich noch, diese Vereinigen Staaten von Amerika?

Es sind also viele große, schwierige innenpolitische Probleme, mit denen der neue Präsident umgehen werden muss. Außenpolitisch ist er oder sie mit einer Gemengelage konfrontiert, die kaum unübersichtlicher, komplexer und explosiver sein kann. Ein wirkliche Strategie, wie die Konflikten im Mittleren und Nahen Osten wenigstens eingedämmt werden können, wird Obama nicht hinterlassen.

Welchen Präsidenten also Brauchen die rund 320 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner?

Der kometenhafte und zunächst völlig unerwartete Aufstieg von Barack Obama ist ein Beleg dafür, wie personalisiert und emotional die Wähler letztlich entscheiden. Und wie viel Unerwartetes passieren kann.
Wer in diesem Land gewinnen will, muss die Massen mobilisieren können, die Herzen erreichen, durch eine Ansprache, die bewegt und Hoffnung macht.
Lange schien es ausgemacht, dass Hillary Clinton für die Demokraten ins Rennen gehen wird. Mit großen Erfolgsaussichten, da sich bei den Republikanern keine wirklich Konkurrenten abzeichneten. Nun aber droht sie schon in den Vorentscheidungen erneut zu scheitern. Ihr großes Problem sind nicht allein die vielen Fehler, die sie während ihrer vielen Jahre in der Politik zwangsläufig gemacht hat und die nun gnadenlos gegen sie gespielt werde. Die Menschen “mögen” sie nicht, zu kalt scheint sie, zu berechnend, zu wenig “aus dem Bauch heraus” und viel zu strategisch. Auch deshalb ist ein Donald Trump so stark: Er sagt, was ihm in den Sinn kommt.

Am Ende werden sich die Wählerinnen wohl für einen Kandidaten der Mitte entscheiden, dem es gelingen muss, wieder Hoffnung zu machen auf ein besseres Leben für die vielen. Neben Jeb Bush sollte man unbedingt den 43jährigen Marco Rubio beobachten. Sehr geschickt versteht er es sich als die republikanische Zukunft darzustellen, der die wachsende hispanische Wählerschaft im Land repräsentiert. Er plant eine Reform der Studiengebühren, und hat auch die Einwanderungsreform von Obama unterstützt. Sein großes Plus:
Er ist weder zu konservativ noch zu sehr mit dem politischen Establishment verschmolzen. Das gibt ihm die Möglichkeit, breitere Wählerschichten anzuziehen, die vor Hardlinern wie Ted Cruz oder Sprösslingen von Polit-Dynastien wie den Bushs zurückschrecken.

Aus europäischer, aus deutscher Sicht freilich wünscht man sich in jedem Fall einen Kandidaten, der den besonnenen Weg Obamas weiterführt, Militäreinsätze sorgsam wägt, und die westliche Gemeinschaft geschickt in die Pflicht nimmt, um politische Krisen, wie beispielsweise den Ukraine Konflikt, zu lösen. Wenn dazu noch die Erkennntis kommt, dass man überkommene Konflikte endlich beseitigen muss und mit Ländern wie Kuba und dem Iran handelseinig werden kann und muss, wäre aus unserer Sicht sehr viel gewonnen.
Aber wie gesagt, die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner denken bei der Wahlentscheidung an erster Linie an ihr eigenes kleines Glück. Eine Haltung übrigens, die uns Deutschen sehr vertraut vorkommen sollte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Brandon Stanton, Wolf-Christian Weimer, Ansgar Graw.

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