Ideologen sind Leute, die glauben, die Menschheit sei besser als der Mensch. Dwight D. Eisenhower

„Es geht um Demonstration von Macht“

Der spanische Fotograf Ignacio Evangelista ist durch ganz Europa gereist, um die ehemaligen Grenzen zwischen EU-Staaten zu dokumentieren. Er sprach mit Lisa Neal und Lars Mensel über die Überbleibsel einer absurden Vergangenheit.

The European: Herr Evangelista, eigentlich sind Grenzen innerhalb der EU größtenteils abgeschafft. Was fasziniert Sie daran?
Evangelista: Ich kann diese Faszination nicht rational begründen. Sagen wir so: Als Fotograf widme ich mich gerne dem Konflikt zwischen Natürlichem und Künstlichem.

The European: Und Grenzen wirken oft wie zufällig durchs Land gezogen …
Evangelista: Schon als Kind fand ich Karten sehr interessant, insbesondere den Verlauf von Grenzen. Weil sie in Afrika so gerade und in Europa so unregelmäßig verlaufen, dachte ich damals: „Was Grenzen angeht, sind Afrikaner viel schlauer als Europäer.“ Natürlich ahnte ich nichts von den politischen Gründen dieser Linien …

The European: Aber gerade weil Kinder so unvoreingenommen auf die Welt blicken, erkennen Sie manchmal die Absurdität, an die sich Erwachsene gewöhnt haben.
Evangelista: Richtig. Sie machen aber auch viele Fehler. In einer Geschichte des spanischen Autors Enrique Vila-Matas geht es um ein Kind, das zum ersten Mal eine Grenze überfährt und sich wundert, dass auf dem Boden keine Linie gezeichnet ist.

The European: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Grenzwechsel?
Evangelista: Das war während einer Klassenfahrt, als ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. Wir überfuhren die Grenze zwischen Spanien und Frankreich und ich war ziemlich aufgeregt, weil ich mir vorstellte, die Luft würde anders riechen oder der Boden sich anders anfühlen. Natürlich trat nichts davon ein.

Grenze zwischen Lindoso und Aceredo (Portugal/Spanien). Copyright Ignacio Evangelista.

The European: Ihre fotografischen Arbeiten beschäftigen sich mit verschiedenen Grenzen, sowohl der offenen zwischen Schengen-Staaten als auch der stark bewachten zwischen den USA und Mexiko. Wie fühlt sich eine Grenze heute für Sie an?
Evangelista: Nicht mehr so wie früher. Trotzdem erwische ich mich oft bei dem Spiel, meine Füße in zwei unterschiedliche Länder zu stellen und zu denken: „Jetzt bin ich in Portugal und in Spanien gleichzeitig.“ In Mexiko habe ich den Grenzzaun berührt und mir dabei vorgestellt, die Linie auf der Karte anzufassen.

„Den Grenzen ein Denkmal setzen“

The European: Wenn die Grenzen aber verschwinden, warum beschäftigen sie uns trotzdem so sehr?
Evangelista: Weil sie eigentlich nur Linien sind, deren Überquerung aber alles verändert: Auf einmal finden Sie sich in einer ganz anderen kulturellen Umgebung mit anderer Religion, anderem Essen, anderer Sprache und anderem Geld. Das macht diese Linien fast schon magisch.

The European: Warum?
Evangelista: Ob Sie zur linken oder zur rechten dieser Linie geboren werden, entscheidet Ihr Leben. Es ist bizarr, dass ein paar Meter Luftlinie und damit ein anderes Land im Pass alles verändern.

The European: Auf Ihren Fotos wirken die Grenzen wie möglichst imposante Manifestierungen dieser Linien.
Evangelista: Das stimmt. Grenzen haben etwas Einschüchterndes. Sie sind die Linie, auf der eine Person eingelassen oder abgewiesen wird. Letztlich geht es um die Demonstration von Macht.

Grenze zwischen Rattersdorf und Köszegcs (Österreich/Ungarn). Copyright Ignacio Evangelista.

The European: Innerhalb des Schengen-Raums werden die übrigen einschüchternden Schlagbäume allesamt verschwinden – welchen Effekt wird ihr Verschwinden haben?
Evangelista: Ich bin mir nicht sicher, ob sie alle verschwinden sollten. Nicht, weil ich die Grenzen wieder einführen möchte, aber sie wären ein gutes Erinnerungsstück für alle jungen Leute, welche die innereuropäischen Grenzen nie erlebt haben und sich der Errungenschaften des Schengener Abkommens erst bewusst werden müssen. Das ist umso wichtiger, da einige Politiker fordern, die Grenzen wieder zu schließen. Ich habe diese Fotos gemacht, um den ehemaligen Grenzen ein Denkmal zu setzen, um vor der Vergangenheit zu warnen.

The European: Wird die Reisefreiheit ausreichend wertgeschätzt?
Evangelista: Von der älteren Generation schon, aber der jüngeren muss erst klar werden, dass offene Grenzen eine relativ junge Errungenschaft sind. Nur wer weiß, wie es vorher war, kann den Status quo wertschätzen.

„Die Grenze war wie vom Erdboden verschluckt“

The European: Lassen Sie uns über die Fotos sprechen. Wie haben Sie die Orte ausgewählt, die Sie porträtiert haben?
Evangelista: Ich habe lange recherchiert und eine Route durch Europa ausgesucht. Dann habe ich die jeweiligen Touristenbüros oder Kultureinrichtungen kontaktiert, um zu erfragen, ob die Grenzposten überhaupt noch da sind. Manchmal verschwinden sie von einem Tag auf den anderen. Die meisten Leute waren eine große Hilfe, manche haben mir sogar Bilder geschickt. Einmal kam es jedoch vor, dass ich ankam und die Grenze wie vom Erdboden verschluckt war, keine Häuser, keine Grenzzäune, nichts – sie hatten es eine Woche vor meiner Ankunft beseitigt.

The European: Ist der Eindruck der Vergänglichkeit ein Grund dafür, weshalb Sie die alten Grenzposten ohne Menschen fotografiert haben?
Evangelista: Nun ja, die Grenzposten an großen Straßen sind eigentlich sehr befahren, ich habe darauf gewartet, dass sie leer waren. An den alten Grenzposten in kleinen Dörfern treffe ich dagegen nur selten auf Menschen. Diese Orte sind nicht mehr in Benutzung, sie wirken wie verbannt – ein Eindruck, den ich festhalten wollte.

The European: Die Bilder wirken daher etwas melancholisch …
Evangelista: Sie haben recht. Aber melancholisch zu wirken bedeutet ja nicht, dass es traurige Bilder sind. Meine Bilder sollen keine Sehnsucht nach dem Vergangenen verkörpern, eher Melancholie als Nostalgie.

The European: Ihre Fotos haben einen sehr direkten, beinahe analytischen Blick auf die Grenzen. Wieso das, wenn Sie von dem Thema doch so berührt sind?
Evangelista: Meine Arbeit als Fotograf lässt mich eine Vielfalt an Perspektiven ausprobieren. Wenn ich im Auftrag von anderen fotografiere, kann ich mit sämtlichen Möglichkeiten der Fotografie, Perspektiven und Blickwinkeln spielen. Wenn ich aber meine eigenen Projekte verfolge, dann entstehen Fotos aus „meiner“ Perspektive: zentral auf das Subjekt gerichtet. Ich bevorzuge es, einen Eindruck einfach und direkt festzuhalten, den Betrachter mit dieser Zentralität zu konfrontieren, um ihm so ein eigenes Urteil zu ermöglichen.

Grenze zwischen Ždarky und Pstrazna (CZ-PL). Copyright Ignacio Evangelista.

The European: Sie treten einen Schritt zurück und überlassen die Interpretation dem Betrachter?
Evangelista: Vor nicht allzu langer Zeit erst habe ich eine Fotoserie im Zoo angefertigt. Auch hier habe ich die zentralen und direkten Perspektiven verwendet. Es wäre zwar sehr einfach gewesen, ausgefallene Blickwinkel einzunehmen und abenteuerlich dramatische Fotos von den Tieren zu machen. Das wollte ich nicht, denn durch meine Perspektive kann ich die Realität meines Erachtens viel besser einfangen. Die Bilder wirken intensiv und echt, völlig ausreichend, um die Absurdität einzufangen.

The European: Welche Absurdität?
Evangelista: Auf den Bildern zeige ich beispielsweise Tiere, die eigentlich in der Wüste leben. Es war zu dem Zeitpunkt gerade Winter, die Tiere waren im Außengehege und versammelten sich unter einer Wärmelampe. Solange sie sich darunter befanden, waren sie sicher und warm. Hätten sie sich auch nur einen Meter davon wegbewegt, wären sie elendig gestorben. Das Foto zeigt sie unter der Lampe – ein schönes Bild, aber voller Absurdität und Grausamkeit.

„Jede Identität beinhaltet Schrecken“

The European: Der Betrachter soll die Dramatik im Bild selbst entdecken.
Evangelista: Ich möchte nicht, dass die Fotos verrückt sind, sondern das, was sie darstellen. Wenn ich mich für ein Thema begeistere, dann meistens, weil es auf mich bizarr, verrückt oder absonderlich wirkt. Ich muss mit meiner Bildkomposition keine Absonderlichkeit hinzufügen. Ein neutrales Foto lädt den Betrachter ein, das Motiv zu entdecken.

The European: Das erkennt man auch auf den Fotos der Grenzposten. Auf Weggabelungen in Wäldern wirkt es absurd, Länder ausgerechnet dort zu trennen.
Evangelista: Wir haben uns viel zu sehr an das Gewohnte gewöhnt. Ich mache absichtlich kein reißerisch fotojournalistisches Projekt daraus, weil ich finde, dass es oftmals reicht, etwas ein paar Minuten auf uns wirken zu lassen, um dann zu verstehen, wie absurd unsere Realität sein kann.

The European: Ihre Bilder sind aktuell wie lange nicht mehr, schließlich gibt es Bestrebungen, die Grenzen aufgrund der Flüchtlingskrise wieder zu schließen.
Wie geht es weiter mit den Grenzen?

Evangelista: Ich glaube, dass die Vorteile des Schengener Abkommens deutlich größer sind als dessen Nachteile.

The European: Die ehemaligen Grenzen auf Ihren Fotos sind natürlich das Gegenteil von Europas Außengrenzen. Sind diese nicht mindestens genauso absurd?
Evangelista: Ich möchte gern daran glauben, dass die Öffnung der europäischen Außengrenzen nur eine Frage der Zeit ist. Bis dahin muss aber noch viel passieren – auch in den Ursprungsländern der Flüchtlinge, wo die Regierungen zu wenig tun. Es kann keine Lösung sein, wie zwischen den USA und Mexiko einen immer größeren Zaun zu bauen. Erst gestern habe ich einen wunderbaren Satz von Claudio Magris gelesen. Er stammt aus Triest, einer der bekanntesten europäischen Grenzstädte: „Jede Identität beinhaltet Schrecken, denn sie schuldet ihre Existenz dem Verlauf einer Grenze – und der Ablehnung dessen, was auf der anderen Seite ist.“

Ignacio Evangelistas Bilder sind im Rahmen der Ausstellung „After Schengen“ bis zum 17.12.2015 im ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator (Neue Promenade 6, 10178 Berlin) zu sehen. Die Bilder sind mit einer Großformat-Kamera aufgenommen und laden mit ihren vielen Details zum Entdecken ein. Termine und Anmeldemöglichkeiten finden Sie hier.

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