Wir können uns hier keine rumänischen Löhne leisten, weil wir hier keine rumänischen Preise haben. Gregor Gysi

Digitales Wirrwarr

Die reale Welt erstreckt sich immer weiter ins Web und nimmt ihre komplexen Strukturen mit. Die Folge: Das Web wird ebenfalls immer komplexer; digitale Großmächte wie Facebook haben das bereits erkannt und entsprechend reagiert.

Die Komplexität des Internets war schon von Anfang an eine große Herausforderung für die Nutzer und für die Suchmaschinen. Doch es gab immer Hilfestellungen: Einige Suchmaschinen versuchten es mit einer Katalogisierung wie in der realen Welt, andere von Anfang an mit Algorithmen. Die maschinelle Aufarbeitung der Informationen hat sich heute durchgesetzt, doch egal wie man sich der digitalen Welt näherte, alle Bemühungen von Services und Angeboten hatten auch in den folgenden Jahren immer nur ein Ziel: das Internet einfach und übersichtlich zu gestalten. Den Höhepunkt dieser Entwicklung finden wir am Beginn des Web 2.0, alles war auf das Wesentliche reduziert: So konnte man mit Twitter nur Feeds senden, auf YouTube nur Videos und auf Flickr nur Bilder hochladen, digitale Supermächte wie Google konzentrierten sich noch auf ihr Kerngeschäft.

Facebook ist das soziale Betriebssystem der virtuellen Welt

Heute scheint sich einiges verändert zu haben: Das soziale Betriebssystem der digitalen Welt, Facebook, ist ein auffällig komplexes und teilweise kompliziertes System geworden, jedenfalls hat es nicht den Grad an Einfachheit, der noch bis vor kurzem als Maßstab für Erfolg an das Internet angelegt wurde. Dennoch sind Hunderte Millionen Menschen auf der Welt gerade von der neuen Komplexität begeistert. So ist Facebook nicht nur ein Fotoportal, ein Videoportal, ein Feed-Portal, sondern weitestgehend auch ein Eventmanager, ein Portfoliomanager für Produkte und viele andere Dinge wie eine Spieleplattform etc.

Das Internet beginnt, das ganze reale Leben abzubilden

Wie kann eine so komplexe Struktur einen solchen Erfolg haben? Es scheint die Zeit der komplexen Systeme gekommen zu sein. Vielleicht muss man das Netz heute mehr als “einen lebenden Organismus” betrachten und die Systeme, die als Infrastruktur auf dem Organismus vorhanden sind, als seine Kommunikationswege sehen. Das eben deshalb, weil das Internet nicht mehr nur Teile des realen Lebens, wie zum Beispiel den Konsum, abbildet.

Wir leben in einer immer komplexer werdenden realen Welt. Jetzt, da die Zeit gekommen scheint, dass sich das reale Leben mehr und mehr in die virtuelle Welt hinein erstreckt, werden auch vielseitige und manchmal komplizierte Anforderungen an das Web gestellt. Jede Zeit hat ihre eigenen Anforderungen. Die digitale Supermacht Facebook jedenfalls hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    sabinehaas – 15.07.2010 - 13:12

    Der Gedanke ist sehr spannend. Sicherlich sind wir derzeit mitten in einer Entwicklung, die auf neue Netznutzungsformen zusteuert. Aber ich glaube, Facebook bedient für die Nutzer eher den Wunsch nach einem Ordnungssystem als nach einer stärkeren Komplexität. Und ist damit im Boot mit einem ganz anderen Anbieter, nämlich Apple.

    Denkt man an die Anfänge des Internets, dann war für den Otto-Normal-User der sichere, überschaubare Raum, in dem er sich bewegte AOL oder T-Online. Nur Nerds und Wagemutige gingen direkt über www.-Adressen ins Netz. Das hat sich schon lange grundlegend geändert: Heute hat jeder selbst seine Favoriten und steuert diese Seiten direkt an.

    Derzeit kämpfen die Nutzer aber mit dem Problem, dass es zuviele Seiten und Funktionen sind, die sie online nutzen möchten. Die Komplexität wird zu groß, es wird unübersichtlich.

    Von Facebook und Apple erhofft man sich Abhilfe: Dort findet man auf einem Platz (Oder in 10 definierten Apps) alles, was einem wichtig ist. Gefährlich, denn über die Abhängigkeit wird wenig nachgedacht… Wie damals bei AOL..

  • Theeuropean-placeholder
    Ibrahim Evsan – 15.07.2010 - 13:18

    Liebe Sabine,

    das ist alles richtig. Ich finde jedoch nur, dass viele Leute schon mit der Komplexität klar kommen. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

    Finde ich irgendwie interessant, dass sich der Mensch in wenigen Jahren so sehr mit den Maschinen eins geworden sind.

    LG
    Ibo

  • Theeuropean-placeholder
    – 15.07.2010 - 13:40

    Das ist vollkommen richtig, die Abhängigkeit wird hochgradig unterschätzt.

    Die Plattform Facebook mag auf den ersten Blick in der Benutzung und im Funktionsumfang komplex daherkommen, erleichtert aber dafür durch Facebook Connect die Benutzung vieler externer Dienste.

    Ich persönlich finde es Okay, solange man sich bewusst ist, wie das System im Hintergrund arbeitet und welche Möglichkeiten man den Diensteanbietern gibt. Dann kann das eigene Verhalten zumindest grundsätzlich daraufeingestellt werden. Nicht alles was einfach daher kommt, ist es auch und umgekehrt. Gerade deswegen ist auch ein Schulfach im Bereich Medienkompetenz extrem wichtig, um diese Komplexität zu verstehen.

    Vor allem wird sich Facebook weiterentwickeln. Die ersten Ansätze einer eigenen Suchmaschine sind verfügbar (beflügelt durch semantisches FBML). Ebenfalls kann ich mir vorstellen, dass Unternehmen ihre Produkte mittelfristig direkt über Facebook verkaufen können (a la Amazon, eBay, oder in welcher Form auch immer). Dann erreicht FB die nächste Stufe, in der auch Konsumverhalten noch genauer ausgewertet werden kann. Spätestens dann hat der “Otto Normal Nutzer” kaum noch das Bedürfnis FB zu verlassen.

  • Theeuropean-placeholder
    Misses Jones – 15.07.2010 - 13:52

    Ich muss Sabine zustimmen: Facebook ist zwar inzwischen sehr komplex, aber doch so etwas wie ein Anker.

    Trotz aller Komplexität ist es doch für Viele eine Art Zuhause im Internetdschungel. Dort sind die Freunde, die Vertrauten, und von dort aus startet die weitere Reise durch’s Netz.

    Zudem ist ein entscheidender Punkt bei Facebook, dass man sich den Rahmen aus Freunden, Themen und Informationen selbst steckt. Es ist also eine ganz klare persönliche Struktur in all dieser Komplexität vorhanden. Und die sorgt wiederum für Ordnung und macht das Internet einfacher.

  • Theeuropean-placeholder
    Dirk Beckmann – 17.07.2010 - 21:07

    Facebook ist komplex. Ja. Stimmt. Aber eigentlich sind alle aktuell erfolgreichen Systeme komplex. Denn wenn man die über 80 Google-Angebote sieht, die man alle mit einem Konto nutzen kann, oder die neuen “Cloud-Lösungen” von Microsoft – was gerade passiert ist deutlich komplizierter als in den ersten Tagen des s.g. Web.
    Insofern ist es sehr positiv, dass Apple im Prinzip immer noch einfach geblieben ist. Gut, sie machen was anderes als Facebook. Aber sie versuchen sehr imposant, Dinge einfach zu halten. Und inspirieren damit eine ganze Generation von Entwicklern.

Mehr zum Thema

Kolumne

Zukunft des Journalismus

Photocasek6e86qni52938401 8

Mit der Politik ist auch der Journalismus in eine Phase getreten, in der Form vor Inhalt kommt – und Profit vor Aufklärung. Dagegen hilft nur mehr ein Akt der Notwehr. Mit ungewissen Folgen.

Eberhardlauth
von Eberhard Lauth
03.12.2011

Mehr zum Thema: Web-2.0, , Komplexitaet

Kolumne

Kolumne

meistgelesen / meistkommentiert