Statt der Kohle sollten wir Kinder fördern. Guido Westerwelle

Das Freundschaftsverstärkungs-Tool

Freundschaften zu pflegen wird in unserer schnelllebigen Zeit immer schwieriger – doch das Web schafft auch hier Abhilfe: Mit virtuellen Gütern können Nutzer ihren Freunden etwas Aufmerksamkeit schenken. Ganz nebenbei könnte die Werbeindustrie damit auch ein neues Geschäftsmodell entwickeln.

Lippen_kuss

Virtual Goods sind vielen Menschen, natürlich zuerst denjenigen, die gern spielen, ein Begriff geworden. Virtual Goods sind ein geeignetes Mittel, um anderen eine Freude zu machen. Schließlich kommunizieren wir im Internet nicht nur mit unseren besten Freunden, wir treffen viele Menschen, die uns unterschiedlich nahe stehen.

Meinen besten Freund Roberto sehe ich im richtigen Leben häufiger, wir gehen Kaffee trinken oder unternehmen etwas. Im Web spreche ich auch mit Menschen, die ich nicht dauernd sehen kann. Aufmerksamkeit ist das zentrale Element einer Freundschaft, neben Zeit natürlich. Wenn mir jemand Aufmerksamkeit schenkt, dann weiß ich, dass ich wichtig für ihn bin. Aber leider scheitert dieser Freundschaftsbeweis sehr oft an der fehlenden Zeit und kann durch moderne Kommunikationsformen wie zum Beispiel Twitter in persönlicher und wertschätzender Form nur sehr unzureichend ersetzt werden. 

Der Sinn des Schenkens

Virtual Goods können da eine wichtige Rolle spielen, wenn man sie – wie jedes Geschenk – von Herzen verschenkt und nicht nur ihren materiellen Wert sieht; sie werden zum Freundschaftsverstärkungs-Tool. Beispielsweise kann ich jemandem dabei helfen, bei Farmville eine Farm zu errichten oder seine Ernte einzubringen. Das kann mich Zeit oder Geld kosten, aber der eigentliche Sinn ist es, einem anderen eine Freude in einer Sache zu machen, die ihm wichtig ist. Das ist schließlich der Sinn des Schenkens. So sind virtuelle Güter ein wichtiger Teil von Social Games geworden.

Aus diesen Freundschaftsbeweisen könnten in Zukunft ganz neue Freundschaftspyramiden entstehen, die vorher noch nicht so sichtbar waren. Beispielsweise habe ich bei Facebook schon Probleme, meine Freunde und Bekannten nach “best friend” oder deren Interessengebieten zu sortieren. Aber dieser Ausbau der sozialen Anteilnahme und Kategorisierung wird sicher bald kommen.

Life-Line-Marketing als neue Werbeform

Wirtschaftlich betrachtet wird das auch gleich zu einer ganz neuen Form von Werbemöglichkeiten führen. Der Begriff hierfür könnte Life-Line-Marketing sein. Die Werber müssen sich jetzt darauf konzentrieren, wo ich mich befinde, mit wem ich unterwegs bin und was wir für gemeinsame Interessen haben. Dann kann dazu an dem Ort, an dem wir uns befinden, die passende, vielleicht sogar hilfreiche Werbung geschaltet werden, die mir nicht das Gefühl von Konsum, sondern von persönlichem Service gibt.

Virtuelle Güter können in der Realität einen großen Effekt haben, wenn man sie richtig einzusetzen weiß. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Form von Freundschaftsbeweisen umzugehen, in freundschaftlicher wie in wirtschaftlicher Hinsicht.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Sachar – 13.05.2010 - 11:38

    Es ist das erste Mal, Ibo, das ich Dir zu 100 Prozent widerspreche. Virtual Goods sind in meinen Augen Virtual Goods – und nicht mehr. Wenn mir jemand eine Freude machen möchte, dann soll er mir eine E-Mail schreiben oder zumindest eine DM bei twitter. Aufmerksamkeit, Du sprichst es an, ist das zentrale Gut der Digitalisierung. Ein virtuelles Gut zu verschenken, nimmt wenige Sekunden in Anspruch und ist für mich zu flüchtig, als dass ich das als Aufmerksamkeit empfinden würde.

  • Theeuropean-placeholder
    Medienguru – 13.05.2010 - 13:47

    Traurig ist wenn man vom eigenen Freund mit virtuellen Geschenken vertröstet wird. Also ich persönlich halte nicht viel davon.
    Paar Klicks und weg mit dem Geschenk. Dann erst mal vergessen.
    Nichts persönliches, keine Gefühle weder beim Überreichen des Geschenk noch beim Annehmen. Man hat nicht mal die Freude beim Auspacken.
    Dinge die die Welt nicht braucht aber die Werbeindustrie wird bestimmt versuchen das Gegenteil klar zu machen.

  • Theeuropean-placeholder
    – 13.05.2010 - 11:55

    Nein, Saschar. Widerspruch. Dabei schätze ich deine Meinung sonst sehr.
    Bemühen wir einmal die Wisdom of the crowd 1.0, den Volksmund: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Auch Virtual Goods. Sie demonstrieren, dass ich an jemanden denke. Auch wenn es nur flüchtig ist. Es ist immerhn ein flüchtiger Gedanke, der noch eine Aktion auslöst. Auch das ist Aufmerksamkeit.

    Natürlich hat das virtuelle Gut im sozialen Kontext einen andere Werthaltigkeit als als bespielsweise ein handgeschriebener Brief. Virtual Goods sind quasi eine Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Kommunikation. Noch zu gehaltvoll? Na gut. Vielleicht sind sie auch nur das Papierschirmchen auf dem Eisbecher. Aber Mann, wie habe ich die als Kind geliebt – und vermisse sie heute immer noch irgendwie.

  • Theeuropean-placeholder
    Sachar – 13.05.2010 - 12:12

    Olaf, erneuter Widerspruch: Kleine Aufmerksamkeiten sind für mich kein Ausdruck von Freundschaft sondern ein Zeichen von einer irgendwie gearteten Bekanntheit. Freunde sind solche Menschen, die – um Carolins Bildnis aufzugreifen – sich auch mal hinstellen und in stundenlanger Arbeit (dauert das wirklich so lange? Ich weiß es nicht) Deinen Arbeit mähen.

    Ich bin ein großer Gegner davon, den Freundschaftsbegriff zu bagatellisieren. Darum würde ich mich sehr dafür aussprechen, wenn facebook von Bekannten oder Kontakten sprechen würden. Nur weil ich mit jemandem bei facebook verbunden bin, sind wir noch nicht miteinander befreundet. Und nur weil ich ihm ein virtuelles Gut zukommen lasse, heißt das noch nicht, dass ich gerade intensiv an ihn denke.

  • Theeuropean-placeholder
    – 13.05.2010 - 13:43

    Sehe da so keinen großen Widerspruch zwischen uns an dieser Stelle. Finde auch , das man den Freundschaftsbegriff nicht bagetellisieren kann. Habe mich ja deswegen auch bewusst dagegen gewandt bei Facebook “Fan” von manchen Dingen zu seine, weil man auch diesen Begriff nicht verniedlichen sollte. Man muss vielleicht tatsächlich semantisch auch klarer zwischen Freundschaften, Freunden,Bekannten, Kontakten und ähnlichem unterscheiden. Aufmerksamkeiten, in welcher Form auch immer- sind in jedem dieser Bereiche zumindest eine Art von Verstärker.

  • Theeuropean-placeholder
    Carolin Neumann – 13.05.2010 - 12:05

    Schön und gut, wenn mir jemand eine virtuelle Kleinigkeit schenken will, um mir zu zeigen, dass er oder sie an mich denkt. Die Aufmerksamkeit im wahren Leben ersetzt das aber genauso wenig wie eine persönliche Nachricht, ob digital oder analog. Ich bevorzuge die Freunde, die meinen tatsächlichen Rasen mähen würden, anstelle derer, die nur bei Farmville mein Feld bestellen.

    Und was das Vermarkten von virtueller Aufmerksamkeit angeht: Social Media sind doch noch immer viel zu weit davon entfernt, mehr als nur Randgruppen anzusprechen, als dass sich die Werber darauf konzentrieren müssten, “wo ich mich befinde, mit wem ich unterwegs bin und was wir für gemeinsame Interessen haben”. Das ist noch ein Lied der Zukunft – zum Glück!

  • Theeuropean-placeholder
    Sachar – 13.05.2010 - 12:09

    Carolin, ich habe die genauen Zahlen nicht im Kopf, aber allein bei Farmville spielen um die 100 Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit. Für eine Randgruppe ist das schon ziemlich breit.

  • Theeuropean-placeholder
    – 13.05.2010 - 13:47

    zu Absatz 1: Stimmt.
    Zu 2. Da sind keine Randgruppen mehr. Sachar hat Farmville schon genannt. Und wenn Unternehmen offtherecord :) sagen, wie toll für einige bspw die Engagement Ads bei Facebook laufen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sagen tun sie es öffentlich nicht, um den mitbewerber nicht schlau zu machen.

  • Theeuropean-placeholder
    Carolin Neumann – 13.05.2010 - 12:05

    Schön und gut, wenn mir jemand eine virtuelle Kleinigkeit schenken will, um mir zu zeigen, dass er oder sie an mich denkt. Die Aufmerksamkeit im wahren Leben ersetzt das aber genauso wenig wie eine persönliche Nachricht, ob digital oder analog. Ich bevorzuge die Freunde, die meinen tatsächlichen Rasen mähen würden, anstelle derer, die nur bei Farmville mein Feld bestellen.

    Und was das Vermarkten von virtueller Aufmerksamkeit angeht: Social Media sind doch noch immer viel zu weit davon entfernt, mehr als nur Randgruppen anzusprechen, als dass sich die Werber darauf konzentrieren müssten, “wo ich mich befinde, mit wem ich unterwegs bin und was wir für gemeinsame Interessen haben”. Das ist noch ein Lied der Zukunft – zum Glück!

  • Theeuropean-placeholder
    Ibrahim Evsan – 13.05.2010 - 12:10

    Alles neue wirkt seltsam und bedarf Gespräch. Freu mich auf mehr Diskussion.

    Ich glaube, die digitale Welt wird noch große Herausforderungen von uns verlangen. Wir müssen die digitale Welt sehr bald verstehen. :)

    Freu mich auf die Diskussion mit euch.

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