Informationen sind ein wesentlicher Bestandteil von Konflikten. Luciano Floridi

Die Globalisierung des Leidens

In Echtzeit verbreiten wir Bilder des Leidens und Sterbens – die Globalisierung hat damit die intimste Sphäre menschlichen Lebens erreicht.

Die Globalisierung ist mitnichten vorbei. Unser Bewusstsein für globale Konflikte nimmt nämlich ebenso zu wie die Chance, dass diese Konflikte sich ganz konkret auf unser Leben auswirken können. Krisen enden schon lange nicht mehr an Landesgrenzen. Was aber immer noch fehlt, ist ein globales, ­humanitäres Rahmen- und Regelwerk. Während die Globalisierung von Konflikten voranschreitet,­ wird solch eine Initiative immer weniger wahrscheinlich.

Die Weltbank schätzt, dass 1,5 Milliarden Menschen weltweit unter den Konsequenzen von Krieg und Kriminalität zu leiden haben; durch Fernsehen und soziale Medien verbreiten sich ihre Bilder beinahe in Echtzeit um die Welt. Unsere Sicherheit ist bedroht durch Entführer, Schmuggler, grenzübergreifende Gewalt und militärische Interventionen. Regionale und internationale Spannungen entwurzeln die Menschen vor Ort und haben Auswirkungen auf der ganzen Welt.

Seit den frühen 1990er-Jahren hat diese Globalisierung des Leidens zu Versuchen geführt, ein ebenfalls globales humanitäres Regime zu etablieren. Aufbauend auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und den Genfer Konventionen sollte eine Welt geschaffen werden, in der Gräueltaten verhindert, Verletzungen der Menschenrechte gestoppt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Krisen machten die Widersprüche sichtbarer

Landminen und Cluster-Munition wurden verboten, der Internationale Strafgerichtshof ins Leben gerufen, neue Regeln für den Schutz von Zivilisten beschlossen, und die Notwendigkeit und Legitimität militärischer Interventionen aus humanitären Gründen unter dem Credo einer „Schutzverantwortung“ neu definiert. Doch das Versagen dieser globalen Selbstverpflichtungen ist unübersehbar; im Syrien von heute genauso wie in Ruanda oder Bosnien in den 1990er-Jahren.

Ursprünglich waren es vor allem Akteure einer grenzüberschreitenden Zivilgesellschaft, die sich für humanitäre Verpflichtungen stark machten. Konflikte am anderen Ende der Welt schienen im Zeitalter des Kosmopolitismus und der Globalisierung ganz nah; die Empörung über menschliches Leiden machte nicht länger Halt vor nationalen Identitäten und Landesgrenzen.

Das Ende des Kalten Krieges bot Gelegenheit zur Neuausrichtung der internationalen Gemeinschaft: Auf Basis des humanitären Gedankens sollte eine Weltordnung geschaffen werden, die den Anforderungen einer globalisierten Zeit genügte. Der fundamentale Charakter der Nachkriegsordnung ist dabei jedoch unverändert geblieben. Jede Krise hat die Widersprüche sichtbarer gemacht, die sich auftun zwischen globalen humanitären Normen – deren Ziel es ist, die Rechte und die Würde aller Menschen zu achten und zu schützen – und national organisierter Sicherheits- und Militärpolitik.

Jede internationale Antwort auf eine humanitäre Krise macht Entscheidungen über das Ob, das Wann und das Wie einer möglichen Intervention notwendig. Solche Entscheidungen hängen vom politischen Willen und von strategischen Kalkulationen wichtiger Staaten ab; vor allem von den permanenten Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats. Die Konsequenz dieser Struktur ist ein willkürlicher und ineffektiver Entscheidungsprozess, der sich weniger um humanitäre Bestrebungen dreht als um geopolitische Interessen und die Idee nationalstaatlicher Souveränität. Das Schicksal von Menschen in Konfliktregionen hängt nicht selten von innenpolitischen Tendenzen und der öffentlichen Meinung weit entfernter Länder ab. Die derzeitige Situation in Syrien macht es erneut deutlich: Politische Entscheidungen des Westens haben uns zu Zeugen des Massenmordens degradiert.

Die Globalisierung ist mitnichten vorbei

Wenn der politische Wille vorhanden ist, bleibt die Frage der Umsetzung. Viele militärische Kapazitäten basieren weiterhin auf nationalstaatlichem Denken: Kriege werden in der Vorstellung mancher Strategen immer noch zwischen Staaten geführt und enden mit der Niederlage des Gegners. Die dafür entwickelten Technologien sind aber nicht unbedingt geeignet, Menschenleben in Konfliktregionen zu schützen. Manchmal haben sie einen gegenteiligen Effekt: NATO-Luftangriffe im Kosovo – ausgeführt im Namen eines „Kriegs für die Menschenrechte“ – kosteten viele Zivilisten das Leben und beschleunigten die „ethnischen Säuberungen“ des Belgrader Regimes. Die Entsendung von 20.000 Soldaten der internationalen Friedenstruppe konnte die Ermordung zahlloser ­Kosovo-Serben nicht verhindern. In Afghanistan und Pakistan bedrohen Drohnen das Leben unbeteiligter Zivilisten. In Libyen wurde Gaddafi mit hohem militärischem Aufwand entmachtet, während der Schutz der Zivilbevölkerung vor Milizen sehr stiefmütterlich gehandhabt wurde. Die ­Demonstration von Stärke genießt Priorität über den Schutz von Menschenleben.

Nach dem 11. September und der Irak-Invasion haben die Bestrebungen der internationalen Zivilgesellschaft viel von ihrer einstigen Kraft verloren. Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben dafür gesorgt, dass humanitäre Interventionen heute wieder infrage gestellt werden. Gleichzeitig erleben wir, dass viele Praktiken des globalen „Kriegs gegen den Terrorismus“ zur Normalität werden. Zwar setzen militärische Strategen heute eher auf Drohnen und Kooperationen mit illiberalen Gruppierungen als auf Invasionstruppen und Regimewechsel, doch die ­Sicherheit der Menschen vor Ort ist dadurch nicht weniger gefährdet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Parag Khanna, George Ritzer, Harold James.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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