Wir sollten neugierig sein und ins Gespräch kommen. Dazu will ich in den kommenden Jahren beitragen. Christian Wulff

Geht mit Gott, aber geht!

Kirchengänger müssen sich bald der Gretchenfrage stellen: Nun sag, wie hast du’s mit der Kirchensteuer? Wem das nicht passt, sollte dem Haus Gottes fernbleiben.

Wer Mitglied in einem Verein, einem Verband oder einer sonstigen Institution ist, muss sich an Regeln halten. Dazu gehört meistens die Zahlung eines Monats- oder Jahresbeitrags. Wer das nicht will, muss austreten. Das war schon immer so; das wird auch immer so sein.

Die katholische und evangelische Kirche mit jeweils rund 24 Millionen Mitgliedern kann man nicht mit einem beliebigen Fußballverein oder Skatclub vergleichen. Aber auch ihre Mitglieder müssen einen Beitrag zahlen. Der heißt Kirchensteuer und beläuft sich – je nach Bundesland – auf acht oder neun Prozent der Einkommensteuerschuld. Bei einem Ehepaar mit einem Kind und einem Monatseinkommen von 4.000 Euro macht das in Baden-Württemberg und Bayern monatlich rund 44 Euro, beziehungsweise 49 Euro in allen übrigen Ländern.

Nun wird Kirchensteuer auch auf Kapitalerträge wie Zinsen und Dividenden fällig, sofern diese den Freibetrag von 801/1.602 Euro (Ledige/Verheiratete) im Jahr überschreiten. Vor 2009 mussten Kapitaleinkünfte bei der Einkommensteuererklärung oder dem Lohnsteuerjahresausgleich angegeben werden. Auf die gesamte Einkommensteuer auf alle Einkünfte kam dann die Kirchensteuer oben drauf. Jedenfalls bei allen, die sich in Bezug auf Kapitaleinkünfte an das Bibelwort hielten: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“

Volkssport Steuerhinterziehung

Mit der Einführung der Kapitalertragsteuer zum 1. Januar 2009 hat sich das geändert. Diese Kapitalertragsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag wird seitdem von den Banken direkt ans Finanzamt abgeführt – aber ohne Kirchensteuer. Die fällige Kirchensteuer hätte deshalb von den Kirchenmitgliedern selbst ans Finanzamt abgeführt werden müssen. Wie viele das tatsächlich gemacht haben, weiß niemand. Allzu viele dürften es nicht gewesen sein.

Das alles wird sich zum 1. Januar 2015 ändern. Von da an müssen die Banken den Kirchensteuerzuschlag zur Kapitalertragsteuer direkt an den Fiskus weiterleiten. Um das tun zu können, mussten sie von ihren Kunden die Religionszugehörigkeit erfragen. Das hat viele Menschen erbost und die Zahl der Kirchenaustritte sprunghaft in die Höhe schnellen lassen. Von „raffgierigen Bischöfen“ ist ebenso die Rede wie von einer angeblich neuen Steuer. Die Kirchen wiederum werfen den Banken vor, sie hätten verärgerten Kunden geraten, doch einfach aus der Kirche auszutreten. Das wiederum wird von den Finanzinstituten dementiert.

Was verwirrend klingt, ist eigentlich ganz einfach: Die meisten Katholiken und Protestanten haben seit 2009 den kleinen, auf Kapitalerträge fälligen Teil ihrer Kirchensteuer nicht bezahlt. Viele dürften nicht gewusst haben, dass sie sich selbst um die vollständige Besteuerung ihrer Kapitalerträge kümmern müssen. Andere wiederum dürften es gewusst und dennoch nicht gezahlt haben. Schließlich ist Steuerhinterziehung hierzulande Volkssport – bei Gläubigen wie bei Ungläubigen.

Keine Krokodilstränen vergießen

Jetzt aber ist der Ärger groß, weil die Banken direkt abführen müssen und die bewusste Hinterziehung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge nicht mehr so leicht möglich ist. In all dem Ärger über die angeblich unheilige Steuer-Allianz von Kirchen und Staat gehen aber zwei Fragen unter: Wie steht es eigentlich um den Glauben von Menschen, die ihre eigene Kirche am liebsten auch künftig um einen Teil der Kirchensteuer betrügen möchten? Und warum wollen die Kirchen diese Kirchensteuer-Hinterzieher partout in ihren eigenen Reihen behalten?

Wie wär’s eigentlich mit etwas Ehrlichkeit? Wer keine Kirchensteuer zahlen will, tritt aus. Und um diejenigen, die nur wegen des schnöden Mammons die Kirche verlassen, sollten die Bischöfe keine Krokodilstränen vergießen, sondern ihnen freundlich nachrufen: „Geht mit Gott, aber geht!“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hugo Müller-Vogg: Wie Phönix in der Asche

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