Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht! Rudi Völler

Hoher Preis für schlechtes Design

Gewichtige Gründe sprechen gegen eine Zulassung der PID. Sie eignet sich nicht für eine individualisierte Sicht auf einzelne Paare, sondern degradiert Embryonen zu Körpermaterial. Die Ethik in der Medizin muss wieder ernst genommen werden und das ärztliche Handeln darauf verpflichten, Gesundheit zu schützen und zwischen dem Nutzen und den Risiken einer Behandlung abzuwägen.

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Auch wenn die Motive für die PID verständlich sind: Gewichtige Gründe sprechen gegen eine Zulassung. Erstens: Ein Recht auf Hilfe des Staates bei der Erfüllung des Wunsches nach einem gesunden Kind gibt es nicht. Die Zulassung der assistierten Fortpflanzung betrifft eine Unfruchtbarkeitsbehandlung. Eine "Behandlung“ fruchtbarer Paare steht dazu im Widerspruch.

Zweitens: Der Staat kann Embryonen nicht umfassend schützen. Während der Schwangerschaft kann der Embryo zwar theoretisch, nicht aber praktisch ohne Mithilfe der schwangeren Frau geschützt werden. Wer nur darauf sieht, dass Embryonen und Föten unter Umständen während der Schwangerschaft getötet werden, interpretiert das Schwangerschaftskonfliktgesetz wider besseres Wissen falsch. Es spricht wenig dafür, den Wunsch nach einem gesunden Kind als einen akuten Gesundheitskonflikt der Frau zu betrachten, der anders als durch die Erzeugung und Auswahl von Embryonen nicht behoben werden kann.

Gleiches wird unter gleichen Umständen ungleich behandelt

Drittens: Der Embryo ist kein "Ding“. Eine Unterscheidung zwischen "gesunden“ und "kranken“ Embryonen im gleichen Entwicklungsstadium behandelt Gleiches unter gleichen Umständen ungleich; dies widerspricht schlicht dem Gleichbehandlungsgrundsatz, der die Grundlage des deutschen Rechts wie auch der Ethik ist.

Viertens: Statistisch werden im Kontext der PID nur 5 bis 10 Prozent aller erzeugten Embryonen geboren; für jede Geburt werden zwischen 16 bis 40 Embryonen erzeugt. Die Reproduktionsmedizin hat eine Erfolgsquote von ca. 30 Prozent pro Behandlungszyklus; mehr als zwei sind meistens notwendig. Eine Quote von ca. 20 Prozent Mehrlingsgeburten auch nach PID ist ein inakzeptables Risiko. Und: Ein Teil der Kinder hat Entwicklungsprobleme. Ein zu hoher Preis, um einigen Paaren zu einem Kind ohne bestimmte Krankheitsmerkmale zu verhelfen.

Fazit: Die PID eignet sich nicht für eine individualisierte Sicht auf einige wenige Paare. Sie ist nur ein einziger Baustein einer riskanten, belastenden Behandlungsmethode, die faktisch Embryonen zu Körpermaterial degradiert.

Weiterverfolgung der Polkörperdiagnostik sinnvoll

Was ist also zu tun? Erstens wäre es sinnvoll, die Polkörperdiagnostik (von unbefruchteten Eizellen im Kontext der IVF) weiter zu verfolgen, die immerhin 90 Prozent der Chromosomenstörungen identifizieren kann. Bezüglich der PID an Embryonen muss sich der Gesetzgeber entscheiden. Entweder erlaubt er eine begrenzte Zulassung: Diese müsste aber auch für Paare, die sich bereits einer Kinderwunschbehandlung unterziehen und Risikofaktoren haben, gelten.

Oder aber Deutschland könnte zu einem Verbot der PID an Embryonen zurückkehren. Damit würde dem Wunsch auf Änderung des ESchG nicht gefolgt. Aber es bliebe dabei, dass die Gesundheit der Frau, nicht aber diejenige des Kindes, der Rechtfertigungsgrund für den Schwangerschaftsabbruch ist. Es würde der Verdinglichungstendenz im Umgang mit Embryonen entgegenwirken. Nicht zuletzt aber würde es die Ethik in der Medizin ernst nehmen, die das ärztliche Handeln darauf verpflichtet, Gesundheit zu schützen und zwischen dem Nutzen und den Risiken einer Behandlung abzuwägen. Für Risikopaare mit oder ohne Fertilitätsstörungen könnte man allenfalls eine Einzelfallentscheidung über eine Ethikkommission zulassen.

Meines Erachtens würde der Gesetzgeber mit einer solchen Lösung einer Förderung der PID mittels Polkörperdiagnostik, des generellen Verbots der Embryonenselektion und einer Einzelfallprüfung nach Indikationsstellung am besten der schwierigen Abwägung der sozialen, medizinischen, ethischen und rechtlichen Dimensionen der PID gerecht.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Bauer – 06.03.2011 - 11:40

    Eines vorweg: Ethik ist eine gute und wichtige Sache, solange sie tatsächlich “ethisch” ist!

    Wird jedoch unter dem Deckmäntelchen der “Ethik” Volksverdummung und konservativer Dogmatismus betrieben, so handelt es sich um gefährliche “Pseudo-Ethik”!
    Was einige Herrschaften anscheinend als “ethisch” bezeichnen, hat bei näherer Betrachtung mit “Ethik” nicht das Geringste zu tun – im Gegenteil!
    So gibt es z. B. Menschen, die es “ethisch” finden, mit aller Entschlossenheit die Würde eines Zellhaufens zu schützen und gleichzeitig billigend in Kauf zu nehmen, dass fühlende, leidende und vor allem: lebendige und fertig entwickelte (!) Menschen an einer schweren Krankheit zugrunde gehen, denen auf der Grundlage eben jener Forschung evtl. geholfen werden könnte. Der folgende Artikel ist hierfür ein gutes Beispiel:

    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1062824

    Da werden gerade in Deutschland wertvolle und lange Jahre der Forschung sowie Millionen und Abermillionen in die Forschung mit induzierten pluripotenten Stammzellen investiert, weil man ja unbedingt den Zellhaufen schützen will und dann kommen sie nach all’ diesen Jahren plötzlich dahinter, dass das alles evtl. doch nicht so einfach sein könnte (vgl. auch http://www.welt.de/print/die_welt/wissen/article12696995/Die-dunkle-Seite-der-Stammzellen.html). Aber Hauptsache, wir haben den Zellhaufen geschützt!

    Selbstverständlich sind das Leben und die Würde des Menschen vom höchstem Wert und uneingeschränkt zu schützen! Was bedeutet aber “Schutz des Lebens und der Menschenwürde” oder vielmehr: Welches Leben und wessen Würde hat im tatsächlich ethischen Sinne Priorität? Wieviel Zeit und Geld soll noch verbraucht werden, um ein Loch in eine meterdicke Wand zu bohren, nur, weil irgendwelche sogenannten “Ethiker” unter Berufung auf Pseudoargumente einfach nicht die Tür benutzen wollen?!

    Und: Was passiert eigentlich, wenn sich irgendwann nach Jahrzehnten des “Löcherbohrens” herausstellt, dass die entstandene Öffnung (= induzierte pluripotente Stammzellen) vielleicht gar nicht zum gleichen Ziel führt, wie die Tür (= embryonale Stammzellen) und somit unbrauchbar ist?! Vielleicht sollte man dazu einmal einen der zahllosen Patienten befragen, die unter einer derzeit unheilbaren Krankheit leiden und denen die Zeit davonläuft, während in diesem Lande Politiker, Weihbischöfe und Religionslehrer über Ethik diskutieren und Wissenschaftler verzweifelt weiter Löcher in undurchdringbare Wände bohren…

    Im Falle der PID ist es im Grunde genau dasselbe. Jeder Mensch, der hier die ultrakonservativen, hysterische und – vom ethischen Standpunkt aus betrachtet – zutiefst irrationale Ansicht vertritt, man müsse diese drastisch einschränken oder gar verbieten, stellt sich damit bewusst gegen den medizinischen Fortschritt und befürwortet das Leid und den frühen Tod schwerkranker Menschen zugunsten des Zellhaufenschutzes!

    Ein Beispiel dafür, wie irrational die Argumentation der PID-Gegner ist, fand sich jüngst in Frankreich:

    http://www.tageblatt.lu/nachrichten/story/-Medikamenten—Babys—-noch—verboten-21834529

    Tatsache ist: Die Sache hat funktioniert! Im Detail bedeutet das: Wir haben jetzt zwei lebendige und gesunde Kinder anstatt eines toten – was soll daran unethisch sein?!

    Ich bin ein toleranter Mensch. Ich selbst leide unter einer schwerwiegenden Körperbehinderung und gehöre daher zu den unmittelbar von dieser Debatte Betroffenen! Gleichwohl erkenne ich es als vollkommen hanebüchenen Unsinn, dass mein Leben durch eine künftige eingeschränkt oder gar uneingeschränkt erlaubte PID für “unwert” erklärt würde!

    Jeder heute lebende behinderte oder chronisch kranke Mensch ist in der Situation, dass er lebt und bei seiner Geburt schlicht die Möglichkeit nicht bestanden hat, seine Krankheit präimplantativ zu diagnostizieren. Hätte es diese Möglichkeit gegeben und wäre sie erlaubt gewesen, dann wäre er “aussortiert” worden, hätte darunter jedoch nicht gelitten – er wäre ja de facto nie da gewesen!

    Im Zusammenhang mit der PID von der Vernichtung “lebensunwerten Lebens” zu sprechen und sich dabei auf den sogenannten “Integrationsgedanken” unserer Gesellschaft zu berufen (da lachen ja die Hühner!), ist allein deshalb vollkommen unsinnig, weil hier keine fertigen Lebenwesen “zerstört” werden. Es wird vielmehr dafür Sorge getragen, dass vorhersehbar schwere und chronische Krankheiten, die unglaubliches Leid mit sich bringen, gar nicht erst entstehen. Es werden – lang, bevor ein denkender und fühlender Organismus entsteht – Zellen “aussortiert”, die nachweisbar zu krankem Leben führen würden. Ohnehin wird eine solche Selektion auch im ganz natürlichen Befruchtungsprozess getroffen: Nur ein einziges aller Spermienzellen (nämlich das “Stärkste”) erreicht sein Ziel und auch zahllose Eizellen gehen zugrunde, bevor ein Embryo entsteht… Greift der Mensch in diese (suboptimale!) Selektion ein, so ändert er nichts Prinzipielles, sondern optimiert nur einen Prozess, welcher aber ohnehin ständig stattfindet (= “survival of the fittest”)

    Senkt es meinen “Wert” als fertig entwickelter und lebender Mensch, wenn ich weiß, dass künftig Zellen (!), deren Entwicklung zu derselben Krankheit führen würde, unter welcher ich leide, aussortiert werden, damit niemals mehr ein Mensch unter dieser Krankheit leiden muss?

    Senkt es den “Wert” eines Menschen, der heute unter einer Krebserkrankungen leidet, dass Krebs vielleicht irgendwann grundsätzlich geheilt werden kann und es dann keinen Menschen mit dieser Krankheit mehr geben wird?

    Wird der “Wert” eines Menschen, der auch als Erwachsener noch unter den Folgen einer Alkoholembryopathie leidet, dadurch gesenkt, dass man heute um die Gefahren des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft bzw. die pathologischen intrauterinen Prozesse infolge desselben weiß und daher Müttern davon abraten würde?

    Wäre es wirklich so schlimm für unsere Gesellschaft, wenn es im Zuge der Fortschritte in der regenerativen Medizin irgendwann keine kranken und behinderten Menschen mehr gäbe? Würde daraus eine Minderung des “Wertes” eines kranken oder behinderten Menschen in der heutigen Zeit resultieren?

    Wie soll es ethisch zu rechtfertigen sein, auch nur eine einzige dieser Fragen mit “ja” zu beantworten?!

    Meine persönliche Antwort auf all’ diese Fragen lautet ganz klar: Nein! Das Einzige, was durch die PID tatsächlich nachhaltig gesenkt würde, wären unvorstellbares Leid seitens der Kinder und ihrer Angehörigen sowie eine immense Belastung des Gesundheitssystems (ein selbstverständlich nebensächlicher, aber dennoch erwähnenswerter Aspekt).
    Solange es Menschen mit bestimmten Erkrankungen/Behinderungen gibt, haben sie uneingeschränkt denselben “Wert” wie jeder gesunde Mensch und müssen daher bestmöglich in die Gesellschaft integriert, unterstützt und gefördert werden!
    Ist es jedoch möglich, die Entstehung dieser Erkrankungen zu verhindern, bevor überhaupt ein Mensch da ist, so ist es irrational, hier mit “Integration” zu argumentieren. Eine kranke Zelle wird “aussortiert”, dafür wird einer gesunden Zelle die Möglichkeit gegeben, zu einem gesunden Menschen heranzureifen!

    Was soll daran “unethisch” sein?!

    Und: Sollten die Damen und Herren im Bundestag tatsächlich zu der fatalen Entscheidung kommen, die PID gänzlich zu verbieten, so müsste dies selbstverständlich konsequenterweise auch eine entsprechende Debatte zum Thema “Abtreibung” nach sich ziehen, denn wie sollte es dann noch zu rechtfertigen sein, in weit fortgeschrittener Schwangerschaft, also in einer Phase, in der man im Gegensatz zu dem Zellhaufen bei der PID durchaus schon von einem “Kind” sprechen muss, dieses abzutreiben, weil intrauterin eine Trisomie 21 festgestellt wurde?!
    Genau genommen müsste es dann sogar eine erneute Debatte über Empfängnisverhütung geben, denn auch dadurch wird letztendlich in die Natur eingegriffen und die Entstehung eines unerwünschten Lebens verhindert (diese Gründe könnten übrigens durchaus auch in der Angst bestehen, ein behindertes Kind zu bekommen…)!

    Es ist höchste Zeit, dass Debatten über Stammzellen, Gene und medizinische Fortschritte nicht mehr mit der Bibel und auf der Grundlage pseudoethischer Scheinargumente geführt werden, sondern mit dem nötigen Sachverstand!

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    Rolf Kohl – 06.03.2011 - 15:43

    Auch Frau Haker versucht uns in ihrem christlichen Eifer zu unterschlagen das eine befruchtete Eizelle noch lange kein Emgryo ist.Die Kirche hat kein Anrecht auf kranke Kinder. Es ist alleine die Angelegenheit der Eltern wie sie sich entscheiden. Da finde ich die PID für die Eltern weitaus humaner als eine Abtreibung. Aber von Humanität haben sich die bigotten christlichen Eiferer schon lange entfernt.Wenn sie schon den Gleichberechtigungsgrundsatz anführt, wie sieht es dann mit der körperlichen Unversehrtheit aus? Für Menschen, nicht für Eizellen.

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    Konstantin Hauser – 07.03.2011 - 11:55

    Eine sehr treffende Antwort auf den unsäglichen Beitrag von Frau Haker. Sehr dankbar bin ich dafür, dass Sie auch den durch nichts belegten Vorwurf der Diskreminierung Behinderter durch die PIS ad absurdum führen.
    Es ist nicht die Sache des Staates, sich in das Private und Intime zu mischen. Es ist einzig Sache der Eltern, sich für oder gegen ein behindertes Kind zu entscheiden. Die Tatsache, dass sich katholische Ntzwerke über “Wissenschaftler” wie Frau Haker anmaßen, in diesen hoch-privaten Angelegenheiten Maßstäbe für alle bestimmen zu wollen, ist in einer säkularen Gesellschaft nicht hinnehmbar. Katholiken können auf die Inanspruchnahme der PID gerne verzichten. Das steht ihnen frei. Genauso sollte aber Paaren, die bei dem Versuch, ihren Kinderwunsch zu erfüllen, unendliches Leid erfahren haben, die Option der PID offensatehen.
    Die Niederlande, Schweden oder Gr0ßbritannien sind ältere und würdigere Demokratien als die deutsche. Die Zulassung der PID (und auch der Stammzellforschung) in diesen Ländern hat weder zu einem “Dammbruch” noch zu Abgleiten in Richtung “unethischer” oder “unmorslischer” Gesellschaften geführt. Diesesanmaßende “Am deutschen Wesen soll die Welt genesen” in ethischen Fragen ist dem, woraus man gelernt zu haben vorgibt, nämlich der Zeit von 1933-1945, so sehr viel näher als alles, was durch die Zulassung der PID je bewirkt werden würde.

  • Theeuropean-placeholder
    Hille Haker – 07.03.2011 - 20:37

    Schade, dass Sie sich gar nicht mit meinen Argumenten auseinandersetzen! Würde die PID genauso funktionieren, wie Sie es annehmen, dann wäre die Debatte in der Tat leichter. Aber ich habe gesagt: medizinisch (und rechtlich) ist die IVF zunächst einmal eine Fertilitäts- bzw. Infertilitätsbehandlung mit eigenen Tücken und Risiken, und diese müssen bei der PID mitdiskutiert werden. Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind, aber selbst wenn wir alles tun wollen, um Eltern gesunde Kinder zu ermöglichen: schauen Sie einmal auf die Zahlen, dann sehen Sie: der Erfolg ist bei der IVF keineswegs garantiert; und auch ein “gesundes Kind” längst nicht immer das Resultat. Es bestand bei der Einführung der PID die Hoffnung, dass die Erfolgsraten nach oben gehen werden – das ist aber nicht der Fall. Und so wird – medizinisch – ein ca. 70%er Misserfolg bei IVF dann in Kauf genommen, wenn Paare auf anderem Weg nicht schwanger werden können – aber dürfen die vielfältigen Risiken der IVF in Kauf genommen werden, wenn Paare ohne IVF schwanger werden können?
    Generell sage ich: nein; aber ich habe nach sehr langer Abwägung aller Aspekte für eine Einzelfalllösung für Paare mit einer spezifischen Vorgeschichte plädiert – das haben Sie offensichtlich überlesen.
    Es gibt wichtige rechtliche Probleme, die ich angesprochen habe. Diese betreffen u.a. den Gleichbehandlungsgrundsatz. Nach welchen Kriterien entscheidet wer, welche Embryonen unter Schutz zu stellen sind, welche nicht? Das mag “akademisch” klingen, für den Gesetzgeber ist dies aber nicht so leicht wegzuwischen, wie Sie meinen. Der Gleichheitsgrundsatz (Gleiches ist unter gleichen Umständen gleich zu behandeln) ist die wichtigste Säule des Rechtsstaates; für die Ethik gilt dies genauso.
    Ich habe mich in meinem Beitrag nicht damit auseinandergesetzt, dass die PID direkt Menschen mit Behinderung diskriminieren würde. Aber man kann auch nicht leugnen, dass seit Einführung der PND die Akzeptanz z.B. von Menschen mit Down Syndrom zurückgegangen ist. Dies ist in Studien belegt. Mein Argument zielte jedoch nicht darauf ab.
    Vielmehr geht es mir – unter anderem – um die Tendenz der “Verdinglichung”, der Behandlung von menschlichen Embryonen als Quasi-Körpermaterial. Sie können einwenden: na und? Aber eine solche Haltung ist nicht vereinbar mit dem deutschen – oder, um auch das klarzustellen – mit dem europäischen Recht, das den Schutz von Embryonen fordert. Und dennoch habe ich auch gesagt: gegen den Willen der Frau ist ein Embryo oder Fötus nicht zu schützen. Wenn eine Frau (ein Paar) unter keinen Umständen, womöglich auch mit Gründen, die gut nachvollziehbar sind, ein krankes Kind bekommen möchte, dann wird eine Frau eine Schwangerschaft abbrechen. Und vielleicht die PID als Alternative sehen. Ich sage: ich kann die Motive gut verstehen, aber sie sind nicht als einziger Faktor bei der Begründung anzusehen: die PID verursacht wiederum neue Probleme, die gewichtig sind, und es gibt keinerlei Garantie, dass das zukünftige Kind nicht trotzdem krank geboren wird (die erhöhten Risiken sind hinlänglich belegt). Das wird in der Diskussion zumeist aber unterschlagen. Darüber hinaus nimmt das Paar (und die Ärzte, dahinter die Gesellschaft) in Kauf, dass eine ganze Reihe von Embryonen für das Verfahren “verworfen” werden müssen. Weil dies so ist, kann es nicht einfach nur die Entscheidung der Frau (des Paares) sein, wie die Auswahl von Embryonen erfolgt, sondern das Verfahren wird zu einem medizinischen (Risiken), rechtlichen (Gleichheitsgrundsatz) und ethischen (Verdinglichung) Problem.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Bauer – 08.03.2011 - 11:45

    Zitat: “Schade, dass Sie sich gar nicht mit meinen Argumenten auseinandersetzen!”

    Mein Beitrag hatte den Charakter einer Alternativdarstellung und ist so offensichtlich auch von anderen Lesern verstanden worden.

    Selbstverständlich habe ich dabei nicht sämtliche Argumente der Debatte berücksichtigt, was Sie in Ihrem Artikel jedoch ebenfalls nicht getan haben. Ebenso wie Ihnen ging es mir darum, ganz bestimmte Punkte des Sachverhalts zu beleuchten.

    Um Ihrer Forderung nach Diskussion einiger Ihrer Argumente dennoch nachzukommen, werde ich diese im Folgenden gerne vornehmen:

    Zitat: “medizinisch (und rechtlich) ist die IVF zunächst einmal eine Fertilitäts- bzw. Infertilitätsbehandlung mit eigenen Tücken und Risiken, und diese müssen bei der PID mitdiskutiert werden.”

    Das ist selbstverständlich auch ein Aspekt der PID, der bedacht werden muss, auf den sich die Diskussion aber nicht beschränken darf. Der Kern der Debatte liegt momentan nämlich woanders. Die Hysterie entsteht ja nicht, weil darüber diskutiert wird, ob man Frauen mit Kinderwunsch, welche sich diesen – aus welchem Grund auch immer – nicht erfüllen können, auf medizinischem Wege helfen sollte. Hier darf die Debatte über die IVF (!) nicht pauschal mit jener um die PID in einen Topf geworfen werden. Tatsächlich scheinen Sie gerade in Ihrer Antwort auf meinen ersten Leserbrief, aber auch schon im Rahmen Ihres Artikels, nicht die PID zu diskutieren, sondern die IVF als solche, z. B. hier:

    Zitat: "aber dürfen die vielfältigen Risiken der IVF in Kauf genommen werden, wenn Paare ohne IVF schwanger werden können? "

    Sie plädieren hier nicht für ein Verbot der PID, sondern stellen die Rechtmäßigkeit der IVF an sich in Frage (zumindest in bestimmten Fällen).

    Es geht hier aber nicht um die Risiken oder die Rechtmäßigkeit der IVF, sondern um eine Risiko-Nutzen-Abwägung der PID unter der Annahme, dass die IVF als Maßnahme ohnehin akzeptiert ist!

    Dies ist der wesentliche Aspekt der Debatte, dem Sie hier auszuweichen versuchen!

    Zitat: “Ein Recht auf Hilfe des Staates bei der Erfüllung des Wunsches nach einem gesunden Kind gibt es nicht.”

    Stimmt, ein solches Recht gibt es tatsächlich nicht. Wenn nun aber die grundsätzliche Option einer IVF gebilligt wird, dann gebietet es die medizinische Ethik, dass ebenfalls jede Maßnahme gerechtfertigt sein muss, die zur Gesundheit dieses in vitro “entstandenen” Lebens mit einer Wahrscheinlichkeit beiträgt, die über jener eventueller Risikofaktoren der entsprechenden Methode liegt. Bei der PID ist dies nachgewiesenermaßen der Fall, das heißt, der potentielle Nutzen liegt über dem potentiellen Risiko, weshalb der entsprechende rechtliche Rahmen zu schaffen ist!
    Räumt man dieser Tatsache nicht den ihr zustehenden Stellenwert ein, so stellt man damit letztendlich die Rechtmäßigkeit praktisch aller medizinischen Eingriffe in Frage. Tatsächlich gibt es bei fast allen medizinischen Maßnahmen auch ein gewisses Risiko und niemals eine Erfolgsgarantie. Gerechtfertigt ist ein solcher Eingriff, sobald der potentielle Nutzen signifikant über dem zu kalkulierenden Risiko liegt, was im Falle der PID – wie gesagt – nachgewiesenermaßen zutrifft. Hier geht es um Wahrscheinlichkeiten, nicht um Sicherheit.

    Ein Arzt, der den hippokratischen Eid geschworen hat, kann nicht einerseits eine IVF durchführen und andererseits auf die Verhütung von Leid und Krankheit verzichten, welche damit im direkten Zusammenhang stehen und die anhand heute verfügbarer Methoden wie der PID verhinderbar wären, weil diese Methoden keine 100 %ige Garantie liefern bzw. mit einem gewissen Risiko verbunden sind. Selbstverständlich gibt es keine 100 %ige Erfolgsgarantie, aber wo gibt es die schon in der Medizin?! Das Nichtvorhandensein einer absoluten Sicherheit kann niemals ein Argument für das Verbot eines medizinischen Verfahrens sein.

    Selbstverständlich gibt es auch kein “Recht auf ein gesundes Kind”, aber wenn es einem Arzt gestattet wird, mittels medizinischer Methoden, die übrigens ebenfalls Risiken bergen, ein Kind zu ermöglichen, dann muss es ihm auch erlaubt sein, mittels medizinischer Methoden im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass dieses Kind gesund ist! Die Selektion von Zellen, die hier vom Arzt präimplantativ vorgenommen wird, findet in der Natur ohnehin statt. Es handelt sich also keineswegs um einen neuen und unnatürlichen Prozess, sondern um die Optimierung eines bereits vorhandenen Selektionsprozesses, der in der Natur jedoch suboptimal erfolgt.

    Zitat: "Generell sage ich: nein; aber ich habe nach sehr langer Abwägung aller Aspekte für eine Einzelfalllösung für Paare mit einer spezifischen Vorgeschichte plädiert – das haben Sie offensichtlich überlesen. "

    Durchaus nicht! Hier geht es aber – und ich wiederhole mich da gerne – nicht um die Frage, in welchen Fällen man Paaren mit auf natürliche Weise unerfüllbarem Kinderwunsch medizinisch helfen sollte, sondern um jene, ob unter der Voraussetzung, dass man diese Hilfe (= IVF) gewährt, auch die Sicherstellung der Gesundheit des derart “erzeugten” Kindes im Rahmen des Möglichen sichergestellt werden muss (= PID).

    Zitat: “schauen Sie einmal auf die Zahlen, dann sehen Sie: der Erfolg ist bei der IVF keineswegs garantiert; und auch ein “gesundes Kind” längst nicht immer das Resultat.”

    Wieder vermischen Sie PID und IVF. Selbstverständlich sind diese Debatten nicht vollständig trennbar, aber man darf auch nicht den Eindruck erwecken, als seien PID und IVF ein- und dasselbe! Die Erfolgszahlen der IVF (nicht: Der PID!!), auf die Sie hinweisen, sind mir bekannt. Doch gerade WEIL im Falle der Fertilisation in vitro längst nicht immer gesunde Kinder resultieren, brauchen wir die PID und müssen sie konsequenterweise umso mehr befürworten, je mehr wir für die IVF plädieren!

    Befürwortet man grundsätzlich die IVF, so muss man auch die PID befürworten – alles andere ist unethisch!

    Zitat: "Aber man kann auch nicht leugnen, dass seit Einführung der PND die Akzeptanz z.B. von Menschen mit Down Syndrom zurückgegangen ist. Dies ist in Studien belegt. "

    Mir ist keine seriöse Studie bekannt, die die hier eindeutig einen kausalen (!) Zusammenhang belegt hätte. Können Sie die Quellen nennen? Sollte es sich bei diesen Befunden – wie ich vermute – lediglich um Korrelationen handeln, so dürfen diese nicht einfach kausal interpretiert, also auf die PID zurückgeführt werden! Außerdem ist hier die Frage, wie man “Akzeptanz” definiert. Geht es um die Akzeptanz der bereits lebenden Menschen mit Trisomie 21, so widerspreche ich Ihnen nachdrücklich! Geht es aber darum, dass die Akzeptanz der bevorstehenden Geburt eines Down-Syndrom-Kindes zurückgegangen sei, so ist dies eine logische und absolut legitime Entwicklung. Gäbe es heute eine wirksame Methode, die Lebenszeitprävalenz einer Krebserkrankung intrauterin auf null zu senken, würde die Anzahl von Menschen, die dennoch eine vorhersehbare Krebserkrankung akzeptieren, vermutlich auch sinken.
    Auf den Punkt gebracht: Wenn ich eine Erkrankung bereits mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit verhindern kann, bevor der entsprechende Mensch geboren ist, warum sollte ich sie dann akzeptieren?!

    Davon abgesehen: Man kann auch nicht leugnen, dass
    seit der Einführung der PND die Häufigkeit der Trisomie 21 zurückgegangen ist. So fanden beispielsweise Achermann et al. (2000), dass bei einer pränatalen Erkennungsrate von 53 % nur 10 % der Mütter ihr Kind austrugen – ohne PND wären es – von anderweitigen Komplikationen abgesehen – 100 % gewesen. Seit 2000 ist die “Inzidenz” der Trisomie 21 gemäß mehrerer Studien weiter rückläufig.
    Diese Tendenz zeigt vor allem zwei Dinge: Die PND kann effektiv Leiden und Krankheit verhindern. Die PID könnte dasselbe, jedoch OHNE dabei die Abtreibung von Embryonen in fortgeschrittener Entwicklung zur Folge zu haben!
    Und: Betroffene Eltern können sich TROTZ einer diagnostizierten Behinderung FÜR ihr Kind entscheiden!

    Zitat: “Wenn eine Frau (ein Paar) unter keinen Umständen, womöglich auch mit Gründen, die gut nachvollziehbar sind, ein krankes Kind bekommen möchte, dann wird eine Frau eine Schwangerschaft abbrechen.”

    Genau hier liegt der Kern der Irrationalität, welche der Argumentation der PID-Gegner innewohnt: Einerseits soll die PID verboten oder jedenfalls drastisch eingeschränkt werden, weil dabei kranke Zellen (!) aussortiert werden, gesunde Zellen aber die Möglichkeit einer normalen Entwicklung bekommen. Andererseits wird es aber ohne Weiteres akzeptiert, dass eine Frau ein beinahe fertig entwickeltes Kind (!) in weit fortgeschrittener Schwangerschaft abtreibt, also die Entstehung jedweden Lebens verhindert wird, weil eine Trisomie 21 festgestellt wurde. Das ist der Inbegriff von Inkonsequenz, Unlogik und vor allem: Doppelmoral!

    Zitat: “Vielmehr geht es mir – unter anderem – um die Tendenz der “Verdinglichung”, der Behandlung von menschlichen Embryonen als Quasi-Körpermaterial.”

    Hierbei handelt es sich allenfalls um Rhetorik, nicht jedoch um ein Argument! Was hat es mit “Verdinglichung von Embryonen” zu tun, Zellen (!) präimplantativ auf ihre Gesundheit zu untersuchen, bevor überhaupt ein “Embryo” entstehen kann?
    Es ist vollkommen unsachlich, der Debatte einen übermäßig emotionalen Geschmack verleihen zu wollen, indem man ständig den Eindruck zu erwecken versucht, hier würden denkende, fühlende und leidende Embryonen vernichtet! Es geht um Zellen (!), deren Gesundheit mittels PID sichergestellt werden soll, bevor diese implantiert werden. Andererseits geht es um lebendige, fühlende, denkende und leidende Menschen (!). Wessen Schutz sollte im ethischen Sinne Priorität haben: Der des Zellhaufens (nicht: Des Embryos!) oder jener des Menschen?

    Um es mit Ihren – sehr schönen – Worten auszudrücken:

    Zitat: “Die Ethik in der Medizin muss wieder ernst genommen werden und das ärztliche Handeln darauf verpflichten, Gesundheit zu schützen und zwischen dem Nutzen und den Risiken einer Behandlung abzuwägen.”

    Das unterschreibe ich uneingeschränkt – und gerade deshalb ist die PID zu befürworten! Mit ihr haben Ärzte – was übrigens auch von führenden ärztlichen Fachgesellschaften so gesehen wird – die Möglichkeit, die Gesundheit (des Menschen, nicht des Zellhaufens!) zu schützen. Die Risiko-Nutzen-Abwägung spricht eindeutig für die PID! Ein Nutzen ohne jedes Risiko ist in der Medizin generell nicht zu haben, was jedoch niemals gegen eine medizinische Maßnahme sprechen kann, solange die Wahrscheinlichkeit für den Nutzen überwiegt, was im Falle der PID außer Frage steht.

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Zulassung der PID

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von Carola Reimann
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