Ludwig Erhard, Minister und „Macher“ des deutschen Wirtschaftswunders, galt trotz seines Übergewichts als stattlich und besonders erfolgreich. Im Zeitalter des Fitness- und Schönheitswahns gelten “Dicke” jedoch als faul und undiszipliniert und sind gesellschaftlich “out”. Das Leben im XXL-Format wird zur Last und drückt auf die Psyche.
In Deutschland zeigt die Nationale Verzehrsstudie II, dass bildungsferne, einkommensschwache Bevölkerungsschichten schlechter ernährt sind, als wohlhabende, gut gebildete Personen. Frauen und Männer der unteren Schicht verzehren weniger günstige Lebensmittel wie Gemüse, aber mehr fett- und zuckerreiche Lebensmittel wie Wurst, Fette, Süßwaren sowie zuckerreiche Limonaden und alkoholhaltige Getränke. Je höher der Schulabschluss und das Pro-Kopf-Nettoeinkommen, desto weniger treten Übergewicht und Fettsucht auf.
Trendige Biolebensmittel, Gemüse und Vollkorn für die Oberschicht, Fast Food und Limo für die sozial Schwachen? Müssen Menschen mit geringen Bildungschancen und schmalem Geldbeutel also auch noch die zusätzliche Bürde von Fehlernährung, Fettsucht und ernährungsmitbedingten Krankheiten schultern?
Chancengleichheit bei Gesundheit
Offenbar ja – europaweit zeigt sich, dass Gruppen mit geringerem sozioökonomischen Status und geringer Bildung gesundheitlich benachteiligt sind. Es muss deshalb alles dafür getan werden, um allen Menschen die gleiche Chance auf Gesundheit zu eröffnen und die ungerechtfertigte Diskriminierung von Übergewichtigen zu überwinden.
2005 forderte Markos Kyprianou, damaliger EU-Kommissar für Gesundheit, diese Benachteiligungen mit geeigneten Maßnahmen zu beseitigen. Brauchen wir also eine Steuer auf ‚Junk Food’, eine Gesundheitsabgabe für ‚Couch Potatoes’, Subventionen für Obst und Gemüse oder mehr Ernährungsaufklärung? Zusätzliche Steuern und Abgaben wären geradezu kontraproduktiv, eine Verbilligung von Obst und Gemüse könnte indes Wirkung zeigen. Aber wie ist es mit der Ernährungskommunikation?
Wir wissen, dass Maßnahmen mit dem Ziel, Verhalten durch Aufklärung zu ändern (Verhaltensprävention), gerade bildungsferne Schichten mit den größten Ernährungsproblemen nicht erreichen. Kommunikation allein schafft es kaum, langfristig Verhalten zu ändern. Warum soll man etwas „gesundes“ essen, das nicht schmeckt, wenn die “Belohnung” in Form anhaltender Gesundheit nicht sogleich, sondern erst nach Jahren eingelöst werden kann?
Verhältnisprävention statt Verhaltensprävention
Da die Verhaltensprävention den Einzelnen überfordert, brauchen wir bessere Maßnahmen wie die “Verhältnisprävention”. Sie bewirkt mit der Gestaltung gesundheitsförderlicher Verhältnisse, dass ein günstiges Verhalten nachhaltiger und leichter umgesetzt werden kann. So führte die Gurtpflicht zu einem sofortigen Rückgang von Toten und Verletzten im Straßenverkehr, Appelle und Aufklärung hingegen konnten zuvor dies nicht bewirken.
Beispiele im Bereich Ernährung sind gesundheitsfördernde Essens-Angebote in Kita, Schule oder Betrieb. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat, im Rahmen des Nationalen Aktionsplans “IN FORM”, Qualitätsstandards für die Ernährung in diesen Lebenswelten erarbeitet. Eine flächendeckende Umsetzung dieser Standards wäre notwendig. Ein anderes Beispiel: Wird Kindern und Jugendlichen über Schulfruchtprogramme kostenlos Obst und Gemüse angeboten, steigert dies messbar deren Verzehr. Bleibt angesichts einer Förderung der EU für derartige Programme zu hoffen, dass sie nicht nur wie bislang in einigen Bundesländern, sondern bundesweit realisiert werden.


















Bewusste Ernährung ist in der Oberschicht zu einem gesellschaftlichen Zwang geworden dem man sich, wenn man zusammen ist nicht entziehen kann. Aber wehe man hat die Möglichkeit. Wir, eine kleine Gruppe von 5 Personen haben einen Kreis gebildet, in dem wir regelmäßig nach Grossmutters fettiger und sättigender Manier unserem Hobby, dem Kochen frönen. Schaut man auf das gestiegene Lebensalter unserer Eltern und Grosseltern, kann doch ihre Ernährung gar nicht so falsch gewesen sein. Das einzig krankmachende sind die Zusatzstoffe mit denen unsere Nahrung haltbar und schöner gemacht werden darf. Man könnte glauben das Tierfutter reiner und gesünder ist, als die Lebensmittel im Grossmarkt. Hier müssten die EXPERTEN ansetzen und gegen die uns krankmachende Zusatzstoffe angehen. Aber es scheint ja einfacher der ungebildeten Unterschicht eine falsche Ernährung zu unterstellen als gegen die Lebensmittelindustrie vorzugehen.
Nur eine Ergänzung zu diesem Kommentar: Die Ernährung aus Großmutters Zeiten hätte heutzutage sicherlich einen massiven Anstieg der Fettleibigkeit zur Folge. Sie war nämlich deutlich gehaltvoller als heutzutage. Dem Durchschnittsmenschen heute geht nur eine Kleinigkeit, die die meisten Großmütter (und
väter) auszeichnete, ab: tägliche Bewegung. Und es ist nicht die künstlich herbeigeführte im Fitnessstudio gemeint, sondern die (all) tägliche. Zum Beispiel bei der Arbeit. Oder bei der Hausarbeit.Zusatzstoffe etc. sind sicherlich auch ein Problem, aber m.E. nicht zwingend “das einzig krankmachende”.