Persönliche Daten sind das neue Öl. Andrew Keen

Erster Weltkrieg: Die schreckliche Wirklichkeit im Konzentrationslager

Das Jahr 1918 hat eben begonnen. Seit August 1914 ist Krieg. Not und Elend, Schrecken und massenhafter Tod kennzeichnen den Alltag an der Front. Da geschieht etwas noch nie Dagewesenes. Ein Schulrektor soll sich „als Geisel bereithalten“ – also: zur Deportation. Dies ist der zweite Teil der Geschichte von Désiré Guérin, er hat sie handschriftlich festgehalten.

Désiré Guérin, Rektor einer Schule in Sedan, erhält am 5. Januar 1918 von der deutschen Militärkommandantur den Befehl, sich einen Tag später als „Geisel“ zur „Abreise bereit nach Deutschland zu halten“. Er soll „ausreichend warme Kleidung bei sich führen“ und darf „bis zu 50 kg Gepäck mitnehmen. Beanstandungen werden nicht anerkannt.“ So ist es in der inzwischen ins Deutsche übersetzten, handschriftlichen, 112 Seiten starken Schilderung „Souvenirs de captivité: les otages français dans le camp de concentration de Milejgany (Lithuanie) 1918“ zu lesen, die der Autor dieses Beitrages in einem nordfranzösischen Archiv aufgespürt hat. Betroffen sind insgesamt 600 Männer. Ohne Rücksicht auf ihr Alter, ihre Herkunft, Stellung und Gesundheit haben sie sich an einem Bestimmungsort einzufinden. Sie stammen aus den Orten Lille, Douai, Valenciennes, Huson, Sedan und Montmedy. Sie wurden nach Milejgany gebracht, einem kleinen, armseligen Ort mit etwa hundert Einwohnern, bestehend aus ungefähr fünfzig Blockhütten. Man hat man eine alte Pferdescheune in ein Lager verwandelt. Wie später in Buchenwald. Und in Auschwitz. Hier der erste Teil des Textes.

Denken und reden gegen die schreckliche Wirklickeit

Die Insassen des Lagers setzen sich aus allen sozialen Schichten zusammen, sind – wie Guérin schreibt – „willkürlich zusammengewürfelt von den Kommandanturen; hier leben durcheinander klotzige Bourgeois, modische Stutzer, laute alte Emporkömmlinge, kultivierte Bürger, ungeschliffene Bauern, Händler, Beamte, Priester, hohe Verwaltungsbeamte, Arme und Reiche vermischt, einer an den anderen gequetscht, in Staub und Schmutz schlafen sie übereinander gestapelt auf Holzstämmen und leben Seite an Seite inmitten eines unbeschreiblichen Gehänges, von wunderlichsten Dingen, an allen Ecken, an allen Balken befestigt, überall, wo ein Draht gespannt oder ein Nagel eingeschlagen werden kann.“ Alle sind – früher oder später – der Wirkung des Hungers ausgesetzt und entwickeln, je nach Veranlagung, Neigung und Willensstärke, unterschiedliche Überlebensstrategien. Ein Teil sucht der verhängnisvollen Langeweile, Untätigkeit und Monotonie durch das Organisieren von Spielen (Dame, Karten, Poker etc.) zu entgehen.

Andere sind unermüdlich am Werk, sich mit einem Brett an der Wand oder einem Vorratsfach ein Versteck zu schaffen, das der Wachsamkeit des Kommandanten entgeht. Geschickte Handwerker stellen aus gefundenen Resten Utensilien aller Art her (Becher, Pfannen, Trichter, Kaffeefilter, Gabeln usw.) oder fabrizieren Hausschuhe aus Holz und Blech. Manche verharren einfach stundenlang auf ihrem Strohsack, während eine weitere Gruppe sich in „grotesken Prahlereien“ und ermüdendem Geschwätz ergeht. Schließlich ist da noch das Häuflein der Deprimierten, die sich dem Jammer durch stetes Verkünden der baldigen Heimreise entziehen. Nicht zu vergessen die „Sportlichen“, die weder den scharfen Wind noch die beißende Kälte scheuen und den Widrigkeiten die Stirn bieten.

Um der niederdrückenden Stimmung nicht zu erliegen, schmiedet man Pläne für die Zukunft. Da werden Bienen gezüchtet, Felder bestellt, Bäume gepflanzt, Fische gefangen, Vorträge gehalten, Konzerte und künstlerische Darbietungen organisiert. Man denkt und redet sich aus der beklagenswerten Wirklichkeit des Konzentrationslagers heraus, bewahrt sich damit ein Stück Freiheit und Eigenleben. All das trägt dazu bei, die Widerstandskraft zu erhalten und auszubauen. Zugleich geben die gemeinsamen Veranstaltungen Stoff für Gespräche und regen zu neuen Ideen an.

Doch je länger die Gefangenschaft dauert, umso blasser werden die Gesichter und vergrößert sich die Zahl der Hungernden, dreht sich alles ums Essen. Eine regelrechte Hetzjagd auf Lebensmittel beginnt. Der Hunger, so D. Guérin, mache „alle gleich: Millionäre und kleine Arbeiter, hohe Beamte und Magistrate, Priester und Handwerker, alle“. Mit jedem Tag lassen die Kräfte nach, selbst wenige Minuten Spaziergang auf dem Hof ermüden. Neuere Besichtigungen des Lagers durch deutsche Offiziere führen zu geringfügigen Verbesserungen. Drei Tische, ein paar Bänke und zwei Treppen sollen die Lage verbessern, aber – hält Désiré Guérin fest – „mit einem Stück Brot wäre uns tausendmal mehr geholfen gewesen“.

Wir rissen uns förmlich die Haut ab…

Die Zusammenpferchung auf engstem Raum, die Unsauberkeit des Lagers, der ständige Mangel an Reinlichkeit, das verschmutzte Bettzeug und die Gegenwart von Kranken begünstigt das Ungeziefer und macht es geradezu unabwendbar. Zunächst breitet sich die „Flohplage“ aus. Blutdürstig und unersättlich, verursachen ihre Attacken Alpträume und schlaflose Nächte. Ihnen folgen die Körperläuse, deren Vermehrung so rasch voranschreitet, dass sie nach dem ersten Monat allgegenwärtig sind. Mit den Parasiten geht die Ausbreitung einer Epidemie einher, die den Gefangenen schwer zu schaffen macht. Durch die Stiche, den Staub und Schmutz, die schlechte Ernährung werden sie von einem heftigen und hartnäckigen Juckreiz befallen. Désiré Guérin schreibt: „Wir kratzten uns nicht, wir rissen uns förmlich die Haut ab, wir zerfraßen uns. Viele hatten den Oberkörper von Pusteln und Wunden übersät. Wir konnten nicht mehr schlafen. Ich habe alte Männer, die bis dahin dem Hunger standgehalten hatten, schnell unter dieser neuen Folter dahinschwinden sehen. Man konnte sie im Hof sehen, wie sie unaufhörlich am ‚Knirschen‘ waren, indem sie abwechselnd mal die eine, mal die andere Schulter hoben. Die armen Männer vertrockneten förmlich, nicht einen einzigen Moment der Rast hatten sie mehr.“

Neben den physischen Schmerzen leiden die Häftlinge unter der Erniedrigung ihrer Würde und den seelischen Qualen. Die Sorgen um das Schicksal der Angehörigen, die Trennung von ihnen, der Kummer und Gram über ihre Abwesenheit – all das führt zu angstvollen Fragen und trübsinnigen Gedanken. Von den Soldaten verbreitete Gerüchte, man habe auch die Frauen der Geiseln wenige Tage nach ihnen deportiert, verstärken die Unsicherheit und Beklemmungen. „Viel“, erinnert sich Désiré Guérin, „hätte ich darum gegeben, genau Bescheid zu wissen und endlich aus dieser Unwissenheit zu gelangen, aber nichts erreichte uns aus Frankreich; wir waren wie im tiefsten Grunde eines Grabes eingemauert und völlig von der Welt abgeschnitten in dieser Eiswüste hinter unserem Stacheldrahtzaun. Ich befürchtete ein unserem Los ähnliches für meine Frau und fragte mich angstvoll, ob sie jemals den Entbehrungen und Gefahren, denen sie ausgesetzt werden würde, durchstehen könne, dieses Leben, schlimmer als Sklaverei, das wir ertrugen, und das vielleicht ebenfalls das ihrige war.“ Doch den Gefangenen ist jedweder Briefverkehr mit ihren Angehörigen verboten, und so bleiben sie ohne Nachricht. Erst im Februar 1918 erhalten sie eine Schreiberlaubnis. Aber bevor sie etwas von ihren Frauen und Kindern erfahren und die ersten Postkarten eintreffen, vergehen weitere vier Wochen.

Nach dem zweiten Monat im Konzentrationslager sind viele geschwächt. Einige liegen im Sterben. Die Erkrankungen nehmen rapide zu, und fast jeden Tag wird jemand „in besorgniserregendem Zustand nach Wilna ins Krankenhaus abtransportiert“. Bei vielen ist die Grenze der Widerstandskraft erreicht, und es besteht kein Zweifel daran, so Désiré Guérin, „dass wir geradewegs der Katastrophe, dem Massengrab, entgegensteuerten“. Außerdem hatten sie, wiederholt, energisch, gegen die barbarische, unmenschliche Behandlung, die ihnen zu Teil wurde, protestiert. „Wir hatten erneute Schreiben an den Kommandanten von Wilna und den spanischen Botschafter in Berlin gerichtet. Mehrmals waren deutsche Offiziere erschienen, die vorgaben, eine Untersuchung vorzunehmen, wieder abreisten, und nichts änderte sich.“ Doch lässt man sich nicht entmutigen und sendet „heftige Beschwerdeschreiben an den Kanzler des Deutschen Reichs persönlich“.

Männer treten vor, weinen, verlangen nach Brot

Am 5. März 1918 fährt ein luxuriöses Auto vor. Zwei Offiziere aus dem Hauptquartier sind eingetroffen. Sie kommen direkt aus Berlin, um sich das Lager anzusehen. Ihre Überraschung von der „jammervollen Lage“ der Häftlinge und vor allem, sie „dermaßen zahlreich eingepfercht auf so engem Raum zu finden“, wirkt echt. Als sie erfahren, dass sich unter den Franzosen ein Offizier befindet, wollen sie mit ihm reden. Der betagte Chamonnet, 74 Jahre alt und mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet, spricht von 1870 und den Feldzügen, an denen er teilgenommen hat. „Bei der gegenwärtigen Situation angelangt, protestiert er gegen die unwürdige Art seiner Behandlung. ‚Sehen Sie‘, sagt er, ‚das ist meine Ecke! Darauf schlafe ich nun. Sie würden Ihren Hund nicht einmal dort schlafen lassen!‘ Und er zeigt auf seine Weste, die an seinem Leibe schlottert und in die man zwei seinesgleichen stecken könnte. ‚So war ich mal. Sehen Sie, was übrig geblieben ist. Seit zwei Monaten muss ich Hunger leiden. Ist das die Art, in der Deutschland einen alten französischen Offizier behandelt, der mit Ihnen 1870 die Klingen gekreuzt hat?‘“ Andere alte Männer treten vor, verlangen nach Brot. Ergreifende Szenen spielen sich ab. Viele beginnen zu weinen. Die beiden Offiziere sind betroffen.

Nach ihrer Abreise glauben viele, dass sich ihre Lage nun bald verbessern wird. Und tatsächlich. Noch im selben Monat wird das Lager evakuiert, die Kranken kommen ins Krankenhaus Wilna, die Alten fahren gleich weiter – vermutlich zurück nach Hause. Die anderen bringt man nach Nejelowoj, das sich acht Kilometer von Wilna entfernt im Bezirk Bialawaka befindet. Man weist sie in das Lager von „Block Roon“ ein. Auch die Geiseln aus Jewy werden hier untergebracht. Désiré Guérin findet sich in einer Baracke mit einem großen Raum wieder, der gerade renoviert worden ist. Es gibt zwei Bettreihen aus Brettern, ausgelegt mit frischen Spänen, außerdem Fenster. Ein Feuer brennt. „Welch ein Unterschied“, ruft er freudig aus, „verglichen mit unserem Stall! Wir werden frische Luft atmen, Licht und Raum haben.“ Wenige Wochen später kehren die „Vergeltungsgefangenen“ in ihre Heimat zurück. Das Martyrium des Konzentrationslagers Milejgany ist beendet.

Am 29. Oktober 1918 greift die „Académie de Médecine in Paris“ in ihrer von der „Presse Médicale“ herausgegebenen Anklageschrift „Protest der Gelehrten von Lille gegen die deutschen Barbareien“ auch die Deportation der französischen Bürger nach Litauen auf und erklärt, den deutschen Ärzten die künftige Zusammenarbeit aufzukündigen, „so lange nicht aus ihren Kreisen eine öffentliche Missbilligung der antisozialen Handlungen ihrer Regierung auf fremden Kriegsschauplätzen erfolge“. Aber die deutsche Ärztewelt schweigt. Eine Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen im Ersten Weltkrieg, zu denen auch die Geschehnisse gehören, von denen Désiré Guérin in seinen Aufzeichnungen berichtet, findet nicht statt. Ebenso gibt es keine öffentliche Debatte, und wenn sie doch einmal aufkeimt, waschen die Verantwortlichen ihre Hände in Unschuld und erklären die Opfer zu Tätern. Ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wie es neuerdings Historiker wie U. Keller, G. Krumeich und A. Graf tun, indem sie alten Wein in neuen Schläuchen servieren, in gefährlicher Weise unseriöse Quellen als authentische hinstellen sowie wichtige ignorieren und im Kampf um die Deutungshoheit nicht davor zurückschrecken, Mittel und Methoden anzuwenden, die an die gegenwärtige Lage in Ungarn und Polen erinnern, wo von höchsten politischen Stellen aus das Geschichtsbild revidiert werden soll.

„Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ – Eine Nachbemerkung

Nach wie vor ignorieren viele Historiker die zwischen dem zweiten deutschen Kaiserreich und dem Dritten Reich bestehenden Zusammenhänge. So geht man seit eh und je wie selbstverständlich davon aus, dass die Existenz deutscher Konzentrationslager an die Herrschaftsperiode des NS-Regimes gebunden sei. „Wer nicht fragt, bleibt dumm“ – lernen schon die Kinder. Und so gilt: Wer nicht nach deutschen Konzentrationslagern im Ersten Weltkrieg fragt oder sucht, wie soll er sie finden? Und so wirkt ein schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg errichtetes Tabu bis heute nach und steht einer unbefangenen Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus weiterhin im Wege – wie der beschriebene Fall veranschaulicht.

Weder ist das NS-Regime vom Himmel gefallen, noch war und ist der Ungeist des Nationalsozialismus an die Herrschaftsperiode des Dritten Reiches gebunden. Vielmehr hat er sich schon vorher, worauf Oskar Stillich (1872 – 1945) schon hingewiesen hat, in der Mentalität zahlreicher und einflussreicher Deutscher ausgeprägt. Geht man von dieser Denkvoraussetzung aus – und alles spricht dafür, dass es nicht anders gewesen sein kann –, müssten sich in den Jahren und Jahrzehnten vor 1933 Phänomene und Verhaltensformen finden lassen, die offenbaren, dass die Brutalität des NS-Regimes bereits vorher angelegt war und diese Entwicklung auch daran ablesbar ist, was die Menschen dachten und wie sie handelten.

Über die Ursachen der Grausamkeit des Nationalsozialismus sind die Deutschen jedoch nach wie vor nicht wirklich aufgeklärt. Allzu vordergründig hat man selbst heute noch – und hier beginnt schon der Irrtum – die Jahre von 1933 bis 1945 im Blick. Doch eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, die sich auf diesen Zeitraum konzentriert, lässt zu vieles vergessen und damit unberücksichtigt. Alexander und Margarete Mitscherlich haben für die Deutschen nach 1945 die „Unfähigkeit zu trauern“ festgestellt. Aber schon nach 1918 hätte die Trauerarbeit beginnen müssen, um den fortgesetzten Irrweg in die Barbarei zu beenden.

Die deutsche Katastrophe begann nicht erst 1933, sondern war in mancherlei Entwicklungssträngen vorgeformt und vielfach virulent. Viele dieser disparaten Elemente wurden bereits einmal gebündelt und zur Siedehitze gesteigert in dem chauvinistischen Aufflammen des Ersten Weltkrieges, der die Verbindungslinien vom wilhelminischen Kaiserreich zum „Dritten Reich“ besonders deutlich aufzeigt. Von der brutalen Kriegführung der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg führt ein Weg zu den von der deutschen Wehrmacht und den Schergen der Nazi-Organisationen von 1939 bis 1945 begangenen Gräueltaten, die sich im Vergleich mit denen von 1914 bis 1918 ins Unermessliche gesteigert haben, gleichwohl von ihnen nicht zu trennen sind. Erinnert sei – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Behauptung einiger deutscher Historiker, es hätte 1914 einen völkerrechtswidrigen „belgischen Volkskrieg“ gegen den „völkerrechtswidrigen deutschen Überfall“ und damit mildernde Umstände für das brutale Vorgehen der deutschen Generalität und Truppen gegeben – in diesem Zusammenhang an:

1. Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung und Brandschatzung von Löwen, Dinant und anderen Orten im August/September 1914 auf Anordnung der Obersten Heeresleitung, die eine Abschreckungsstrategie verfolgte und sich dabei auf eine weitgehende „Franktireur-Psychose“ der vorrückenden Truppen stützte, sowie Ausplünderung des Landes im Rahmen der deutschen Besatzungspolitik, was dazu führte, dass Belgien, vor 1914 viertstärkste Industrienation der Welt, diesen Status bis heute bei weitem nicht wieder erreicht hat.

2. Deportation und Verschleppung von Zehntausenden von belgischen Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland im angeblichen Interesse der deutschen Industrie. Insgesamt waren etwa 120.000 belgische Arbeiter, aber auch Studenten, Geschäftsleute und Handwerker betroffen. Ihr Transport erfolgte zumeist in Güterwagen bzw. in offenen Wagen, in denen sie zusammengedrängt und rücksichtslos wie Vieh verladen wurden.

3. Völkerrechtswidrige Gasangriffe an der Ost- (ab 1914), West- (ab 1915) und ab 1917 auch an der italienischen Front.

4. Luftangriffe auf offene Städte wie zum Beispiel auf Paris im September 1914 mit Flugzeugen oder – wie im Sommer 1917 – auf die „Festung“ London mit Zeppelinschiffen; militärisch machten diese Angriffe keinen Sinn, ihr eigentlicher Zweck war es, Terror auf die Zivilbevölkerung auszuüben.

5. Sprengung der Kohlegruben und Bergwerke von Courrières, Liévin und Lens im September 1915.

6. Deportation von Zehntausenden von französischen Bürgern der Städte Lille, Roubaix und Turcoing im April 1916, vor allem von Frauen und Mädchen aus allen Familien und ihre Verwendung zum „Arbeitsdienst“.

7. Abtransport von französischen Zivilisten und Männern und „Geiseln“ unter menschenunwürdigen Bedingungen in Eisenbahnwaggons in nach Osten, außerhalb des deutschen Reichsgebiets, hergerichtete Konzentrationslager, geschehen und wie beschrieben im Januar 1918.

8. Von der Obersten Heeresleitung auf dem Rückzug der deutschen Truppen 1917/18 angeordnete Verwüstung Nordfrankreichs; dazu gehörten die flächendeckende Zerstörung von etwa 20.000 Fabriken und Industrieanlagen sowie die systematische Ersäufung von Kohlebergwerken, betroffen waren davon im Oktober 1918 220 Gruben vor allem in den Departements du Nord und du Pas de Calais, womit zugleich die Vernichtung der Existenzbedingungen von Hunderttausenden von Menschen verbunden gewesen ist; die planmäßige und bösartige Zerstörung von Obstplantagen und fruchttragenden Bäumen auf Jahre hinaus in Belgien und in Nordfrankreich; die Umwandlung eines etwa 1.800 km² umfassenden, etwa zwischen Arras und Soissons, nördlich und südlich der Somme gelegenen Geländestreifens in eine tote, öde Wüste bei gleichzeitigem Abtransport der Einwohner dieses Gebiets, wobei die Männer von Frauen und die Mütter von Kindern getrennt wurden; die Zerstörung des etwa 125 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten Gebietsstreifens erfolgte als Frontbegradigung im Frühjahr 1917 unter dem Decknamen „Alberichbewegung“; die systematische Zerstörung und Plünderung von besetzten Städten, zum Beispiel von St. Quentin, Cambrai und Douai; die Brandschatzung von Dörfern durch Brandbomben sowie durch raffinierte Zündungs- und Sprengungseinrichtungen;

9. die planmäßige Verwandlung der Stadt Reims in Schutt und Geröll vor dem Verlassen der deutschen Stellungen im Herbst 1918, wobei man die Stadt ohne irgendeinen vernünftigen Sinn in konzentrischen Kreisen Straße für Straße verwüstete;

10. völkerrechtswidrige und menschenunwürdige Behandlung von Kriegsgefangenen, wovon vor allem Russen betroffen waren, die zum Teil Fronarbeit im Moor leisten mussten; etwa 180.000 Russen sollen in deutschem Wehrmachtsgewahrsam umgekommen sein – zumeist infolge von Typhus, was auf Mangelernährung und unzureichende ärztliche Versorgung schließen lässt.

Die „Politik der verbrannten Erde“ und die Grausamkeiten gegenüber Unschuldigen nahmen ihren Anfang im Ersten und nicht im Zweiten Weltkrieg. Insofern gilt noch immer, wozu der Wiener Historiker Rudolf Neck vor über fünfzig Jahren seine deutschen Kollegen aufgerufen hat, „den weiteren Zusammenhängen nachzugehen, die die Epoche des Nationalsozialismus mit einer ferneren Vergangenheit verbindet, wobei sich … gerade auf dem Gebiet der politischen und Macht-Geschichte mannigfache Ansätze zum Dritten Reich in früheren Zeiten feststellen lassen. Von besonderer Bedeutung bleibt dabei die Zeit des Ersten Weltkrieges“. In diesem Zusammenhang stellt nicht nur aus Necks Sicht „die Frage nach der Kontinuität in der deutschen Geschichte letzten Endes das Kernproblem der sogenannten ‚unbewältigten Vergangenheit‘ dar.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sigmar Gabriel, Dokumentation - Texte im Original, Alexander Graf.

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