Nur weil in einer Herde von Schafen eines schwarz ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Bernd Heinrich Graf

Und wieder Angst vor einem Krieg

Das älteste Mitglied der SPD ist 100 Jahre alt geworden. Für Freundschaft, Solidarität und Völkerversöhnung – gegen Rassismus, Krieg und Armut: Das prägt das Leben der Luise Nordhold – bis heute. Ihre Lebensansichten sind ein außergewöhnlicher Einblick in das uneigennützige Dasein der „kleinen Leute“.

Im Sommer 1984 brechen zwei schon leicht betagte Frauen zu einer außergewöhnlichen Reise auf. Von Frankfurt am Main geht es mit dem Flugzeug über Moskau nach Irkutsk und von dort mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking. Xian mit der berühmten Terrakotta-Armee in der Nähe, Shanghai, Kweilin mit dem „Paradies auf Erden“, Kanton und seine vielen Tempel sowie Hongkong, wo ärmlicher chinesischer Lebensstil und westlicher Reichtum aufeinanderprallen, sind die weiteren Stationen. Anhänger Maos sind die beiden Frauen, die sich nach dem Tod ihrer Männer aufmachen, die Welt kennen zu lernen, gewiss nicht. Was aber führt sie ausgerechnet nach China? Was bewegt sie, die Strapazen der Reise auf sich zu nehmen und sich an all dem auch noch zu erfreuen?

Luise und Sophie, die beiden Witwen, sind schon seit Schulzeiten befreundet, wurden hineingeboren in lesende Arbeiterfamilien. Sie versorgten sich gegenseitig mit Literatur, begeisterten sich an den proletarischen Abenteuerromanen von B. Traven und anderen Titeln der „Büchergilde Gutenberg“. Nachhaltigen Eindruck hinterließ bei ihnen Pearl S. Buck, die in ihren Büchern für Toleranz und Völkerverständigung eintrat. In dem Roman „The Good Earth“ aus dem Jahre 1931, in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die gute Erde“ erschienen, stellt sie nicht nur anschaulich, einfühlsam und warmherzig den Alltag des bäuerlichen Lebens in China dar, das Buch ist auch ein Plädoyer für das Verständnis fremder Kulturen und eine Welt ohne rassistische Vorurteile. Luise Nordhold und Sophie Böhlsdorf aus Bremen-Gröpelingen sind bezaubert und für China entflammt – eine Begeisterung, die nach über sechzig Jahren zur Erfüllung ihres Jugendtraumes führt.

Ungewöhnlich ist auch der Lebenslauf von Luise Nordhold. Am 12. März 2017 ist sie 100 Jahre alt geworden. Sie hat ein fabelhaftes Gedächtnis, und immer, wenn sie aus dem Nähkästchen plauderte, sagte mindestens einer der Zuhörer: „Schreib’ das doch einmal auf!“ Für sich und ihre Familie hat sie das Wichtigste in einem begrenzten Umfang aufgezeichnet. Aber Tim Jesgarzewski, ein junger Rechtsanwalt aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen, hat sie dazu gebracht, viel mehr von sich zu erzählen.

Rückblick auf ein ganzes Jahrhundert

Luise Nordhold, Tochter eines Drehers auf der AG Weser und einer Schneiderin, beide in der SPD organisiert, hat sich nie beirren lassen. Seit mehr als 85 Jahren ist sie in der SPD und damit das älteste lebende Mitglied der Partei. „Goldene zwanziger Jahre“ gab es für sie nicht. Ihre Eltern und sie selbst waren Teil einer Arbeiter- und Kulturbewegung, die es heute nicht mehr gibt. Luise hatte eine glückliche Kindheit und ist dankbar dafür. Als junge Frau war sie temperamentvoll, selbstbewusst und voller Erlebensdrang. Sie war und ist ein „Familienmensch“, kümmert sich noch heute um jeden in ihrer Nähe und nimmt Anteil an dem Schicksal jedes Einzelnen. Begonnen hat alles bei den Kinderfreunden „Rote Falken“ und der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Gleichermaßen trug ihr Vater dazu bei, dass sie das Unheil der Nazis früh auf das Land zukommen sah. Gleich nach dem Erscheinen besorgte er sich Hitlers „Mein Kampf“, und in der Küche wurde die judenfeindliche und imperialistische Hetzschrift diskutiert.

Luise wusste nun, was geschehen würde, sollten die Nazis das Sagen haben. Unter dem Slogan „Wer Hitler wählt, wählt Krieg!“ beteiligte sie sich an Demonstrationen. Fast hätte sie die SPD wegen der weitgehenden Hinnahme der Notverordnungen Brünings verlassen und sich der im Herbst 1931 gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei angeschlossen. Aber ihr Vater hielt ihr vor Augen: „Hitler will Krieg“ – und überzeugte sie, dass es darauf ankomme, die Arbeiterbewegung nicht weiter aufzuspalten, sondern im Kampf gegen den Faschismus zu einen. Mit der KPD, die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ attackierte, Kundgebungen störte, Plakate beschädigte und damit den Widerstand gegen das Bündnis von „Hakenkreuz und Stahlhelm“ erschwerte, wollte sie nichts zu tun haben. Gefragt, ob sie später noch einmal daran gedacht habe, der Partei den Rücken zu kehren, antwortet sie: „Nein, aber ich sage, was mir an der SPD nicht gefällt.“ Und: „Wenn man was ändern will, nutzt ja kein Austreten.“

Nach 1933 half sie, Familien inhaftierter Genossen zu unterstützen, machte Hausbesuche, sammelte Geld. Im Juni 1936 heiratete sie „ihren Richard“, der eine schöne Gesangsstimme hatte, wunderbar Waldzither spielte, bei den „Kinderfreunden“ und der SAJ Gruppenleiter gewesen war und als Werkzeugmacher bei der AG Weser arbeitete. Gemeinsam hielten sie sich von den Nazis fern, begegneten Unbekannten mit großer Vorsicht, sahen, wie sich aus „ihrer“ AG Weser eine Rüstungsschmiede entwickelte und das NS-Reich mit Riesenschritten auf den Krieg zusteuerte. Über Politik wurde weiter geredet, überwiegend aber zuhause und im Freundeskreis, der sich als NS-resistent erwies.

Die Zwangsarbeiter hatten Vertrauen

Auf der AG Weser merkten die russischen Zwangsarbeiter schnell, dass Luise, zuständig für die Ausgabe von Zusatzlebensmittelmarken an die Gefangenen, sowie ihr Vorgesetzter keine Nazis waren und fassten Vertrauen zu ihnen. Einmal erschien einer von ihnen sogar in ihrer Wohnung, um selbstgebastelte Spielsachen anzubieten. Doch die Nordholds brauchten kein Spielzeug, Richard fertigte alles selber. Luise aber bat den Russen in den Keller, wo er für sich und seine Mitgefangenen so viele Lebensmittel aussuchen sollte, wie er tragen konnte. Sie ermahnte ihn, nicht an den Nachbarstüren zu klingeln. Es lebten inzwischen zu viele Nazis in der Umgegend. Als sie Richard am Abend alles erzählte, sagte er: „Das hast Du gut gemacht!“ Beide wussten aber, dass Luise nichts Großes getan hatte. Eine menschliche Geste, sonst nichts. Dennoch war es etwas Besonderes, sprachen doch die äußeren Umstände gegen solche Taten. Über die wirkliche Lage in Deutschland täuschten sie nicht hinweg.

Die Nordholds und Luises Eltern hegten ungeachtet der Siegesmeldungen und des Vormarsches der deutschen Truppen, der vielen Verhaftungen, Verfolgungen und des Abtransportes von Juden, keinen Zweifel daran, dass die Unmenschlichkeit und das Unrecht irgendwann ein Ende finden würde. Die Skepsis gegenüber dem Nimbus der Unbesiegbarkeit, obwohl von der NS-Propaganda nach dem „Blitzkrieg“ über Frankreich ins Unermessliche gesteigert, wich zu keinem Zeitpunkt. Luise und Richard hörten von Anfang an die Feindnachrichten vom BBC. Anders als die Jubelbilder der deutschen Wochenschau offenbarten sie, dass Hitler und die Wehrmacht ihre Überlegenheit immer mehr einbüßten.

Ende Juli 1944, Luise und Richard kehrten gerade von einem Ausflug mit dem Faltboot zurück, verloren die Nordholds nach einem Bombenangriff auf den Bremer Westen fast alles. Ihre Wohnung war nur noch ein Trümmerhaufen. Die AG Weser brachte die betroffenen Betriebsangehörigen in Ihlpohl, nahe bei Bremen und etwa 10 km vom niedersächsischen Ritterhude entfernt gelegen, unter. Krieg, Obdachlosigkeit, Flüchtlingsprobleme, Hunger, Kälte, Währungsreform und schwieriger Wiederaufbau – stets blieb Luise Nordhold sich der Ursachen von Not und Elend bewusst und verlor sich dabei – selten genug – nie in Wehleidigkeit oder Selbstmitleid.

Die Katastrophe als Moment des Aufbruchs

Im Herbst 1945 riefen sie mit SPD-Freunden den Ortsverein Ihlpohl ins Leben. Fortan setzte sich Luise für die Rechte von Frauen und Kindern, für bessere Schulausstattung ein und unterrichtete selbst Nähen und Textiles Werken. Sie wollte helfen, mitmachen, für Benachteiligte da sein. Die Arbeit und die Menschen vor Ort waren ihr wichtiger als das Streben nach hohen Ämtern. Macht wollte sie nie. Schriftführerin, auch mal Kassiererin, wie einst ihr Vater, das lag ihr. Oder das Engagement im Gemeinderat, dem sie zwölf Jahre angehörte. Nach oben in der SPD? „Warum?“ sagt sie. „Wir, die kleinen Leute, fühlten uns ernst und wichtig genommen.“

Ungeachtet der deutschen Teilung fühlte sie sich ihren sozialdemokratischen Dresdener Kameraden in der DDR weiter verbunden, besuchte und unterstützte sie. Ebenso bemühte sie sich um eine Aussöhnung mit Israel. Im Mai 1968 beteiligte sie sich an der Gründung des Ihlpohler Ortsvereins der „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO). 1981 übernahm sie den Vorsitz und gab der AWO eine neue Aufgabe: „Arbeiterwohlfahrt bedeutet Arbeit am Menschen zum Wohle des Menschen“. Vor allem kümmerte sie sich um Einsame und Alleinstehende, ging auf sie zu, machte Angebote für Sommeraktivitäten, Kurse und andere Veranstaltungen, die allesamt bezahlbar waren.

Zum SPD-Parteivorstand stand Luise oft in Opposition. Gerhard Schröders „Agenda 2010“ stand sie sehr kritisch gegenüber, zumal mit den Reformen der Ausbau prekärer Beschäftigungsverhältnisse, der Leiharbeit und des Niedriglohnsektors verbunden war. Auch fand sie es deplaziert, dass er sich nach seiner politischen Kirche von der Wirtschaft einkaufen ließ. „Früher wussten alle SPD-Größen noch“, so Luises Kritik, „woher sie kamen und blieben auch dort – in der Arbeiterbewegung.“ Auf Willy Brandt, Egon Bahr oder Hans Koschnick lässt sie hingegen nichts kommen. Sie hätten mit ihrer Ost- und Verständigungspolitik Ängste abgebaut, dem Frieden gedient und den Boden zur Wiedervereinigung bereitet.

Wieder ein Krieg?

Luise Nordhold fürchtet sich vor einem neuen Krieg. Putin, Erdogan und Trump flößen ihr Angst ein. Aus ihrer Sicht sind sie Gewaltmenschen und gefährlich. Erdogan schrecke in seiner Machtgier nicht einmal vor Nazi-Methoden zurück, wenn er jeden, der nicht für ihn ist, zum Verräter und Feind erkläre und aus dem öffentlichen Leben verbanne. Trumps Vorstellungen von Politik empfindet sie schlicht und ergreifend als „idiotisch“. Statt sich überall einzumischen, müsse Deutschland mit den Waffenexporten aufhören und endlich die Gleichberechtigung der Frauen verwirklichen. Großes Vertrauen hat sie zu Martin Schulz, der, so ihre Hoffnung, die SPD wieder zu ihren Wurzeln zurückführe. Er stamme wie Hans Koschnick aus kleinen Verhältnissen, kenne die Nöte der Menschen und wisse, dass es in der Politik auf Glaubwürdigkeit ankommt, auf Taten – und nicht auf schöne Reden und Versprechen, die nicht eingehalten werden.

Luise hält es für „traurig“, dass die NS-Zeit allzusehr „in Vergessenheit geraten ist“. Und: „Es wird einem Angst, dass sich die braune Gefahr wieder so breit macht.“ Zum anwachsenden Rechtspopulismus sagt sie: „Das habe ich alles schon einmal erlebt, wenn auch unter anderen Vorzeichen als heute.“ Sie hofft, dass ihre Partei es anders macht als vor 1933 und sich nicht passiv verhält, sondern sich offensiv zum „Bollwerk der Demokratie“ erklärt und den ausländer- und europafeindlichen Kräften eine klare Absage erteilt.

Zum 100. Geburtstag ist eine Biografie über Luise Nordhold von Tim Jesgarzewski erschienen. Der Titel „Für Freundschaft, Solidarität und soziale Gerechtigkeit“ steht für ihr Lebensmotto. Luise Nordholds geistige Beweglichkeit hat der Biografie eine Authentizität verliehen, die außergewöhnlich ist und Einblick gibt in das Leben „kleiner Leute“, für die Werte wie Geradheit, Uneigennützigkeit, soziale Gerechtigkeit und ein friedliches Zusammenleben der Menschen und Völker ein zentrales Anliegen sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oskar Lafontaine, Herbert Ammon, Herbert Ammon.

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