Nichtwähler sind die eigentlich Staatsfrommen. Bodo Hombach

Weihnachten und der Widersinn des Krieges

Sich mit dem Feind zu verbrüdern, gilt in Kriegszeiten als Landesverrat. Doch Friedenssehnsucht und Verständigungsbereitschaft machen selbst vor Frontsoldaten nicht Halt. Viele Beispiele aus den beiden Weltkriegen belegen das. Gerade noch in erbitterte Kämpfe verwickelt, legen sie die Waffen nieder und verlassen die Gräben.

Die Soldaten reichen sich die Hände, singen Lieder, tauschen Geschenke und Lebensmittel aus. Doch wer sich als „Friedensbote“ aus seiner Deckung begibt, muss damit rechnen, dass ihm die Kugeln um die Ohren fliegen. Ein Versöhnungstreffen wagen, dazu gehört Mut. Man weiß nicht, ob das Ansinnen beim Feind auf „Gegenliebe“ stößt. Wer es dennoch tut, riskiert sein Leben.

Kaum ein Ereignis hat Soldaten so aufgewühlt wie Weihnachten – das Fest des Friedens. Vielen wurde allmählich die ungeheure Tragödie bewusst, in der sich die Menschheit befand. Die christliche Botschaft machte die Frontkämpfer für einen Augenblick nachdenklich. Die Erinnerung an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit überkam sie, ihre Gedanken schlugen eine Brücke zur Heimat, und das Fest der Versöhnung stand in einem beispiellosen Kontrast zu dem Massaker, in dem sich die Menschen täglich zerfleischten. Das spürten viele Frontkämpfer auf beiden Seiten, und sie hielten inne in ihrem Tötungsrausch. Jedoch längst nicht überall: Auch Weihnachten wurde an vielen Frontabschnitten geschossen und getötet.

Weihnachten 1914 an der Westfront

Legendär geworden ist die „Feindberührung“ Weihnachten 1914 an der Westfront. Deutsche und britische Soldaten liegen sich gegenüber. Die Deutschen fangen an: „Hallo, Tommy!“ Prompt schallt es von den Briten zurück: „Hallo, Fritz“ – Rufe mit Signalwirkung. Die Deutschen kriechen aus ihren Schützengraben, ebenso die Engländer. Es kommt zu einer herzlichen Begrüßung zwischen den Gegnern. Sie rauchen gemeinsam Zigaretten und spielen sogar Fußball – wohl das denkwürdigste Fußballspiel aller Zeiten.

„Nach etwa dreißig Minuten“, erinnert sich der englische Kriegsveteran Bertie Felstead, „erschien plötzlich ein laut brüllender Major und schrie uns an: Ihr seid hier, um gegen die Hunnen zu kämpfen und nicht, um mit ihnen Freundschaft zu schließen! Wir kehrten darauf in unsere Schützengräben zurück. Während dieser freundschaftlichen Begegnung konnte von hinten keiner auf uns schießen, weil wir uns ja alle vermischt hatten. Die hätten die eigenen Leute getroffen.“ – „Der Ball kam plötzlich irgendwoher, aber von der anderen Seite“, berichtete später in einem Interview auch der frühere britische Soldat Ernie Williams von den 6th Cheshires. „Alle stürzten sich darauf; wir waren so ein paar hundert Mann, die damit spielten. Auch ich habe ihn gekickt. Alle schienen Spaß daran zu haben. Es gab keinerlei feindliche Gesinnung zwischen uns.“ Wenig später liegen dieselben Soldaten wieder in ihren Stellungen, um einander totzuschießen. Auf höheren Befehl. Nichts macht den Widersinn des Krieges deutlicher als die befohlene Ermordung von Menschen, mit denen man soeben Freundschaft geschlossen hat.

Was veranlasst Soldaten, mit dem Feind zu fraternisieren?

Die Frage berührt nicht nur psychologische Hintergründe, auch nicht nur politische Gesinnungen. Sie greift weit darüber hinaus. Vielleicht war und ist es ganz einfach das Heraufdämmern der Ahnung, dass wir alle Mitglieder einer großen Völkerfamilie sind, dass wir – ob Freund oder Feind – derselben Gattung oder Zivilisation angehören, einem Kulturkreis, dem wir alles, was wir sind, verdanken: Kunst, Literatur, Musik, Technik, Liebe, Sitte, Toleranz, Bildung, Humanität, Religion, Spiritualität und vieles andere mehr. Und dass die Menschen, die sich „auf höhere Anweisung“ gegenseitig zerfleischen, im Begriff sind, dieses hohe Erbe zu zerstören.

An einem Frühlingstag 1940. Hauptmann Willi Brepohl macht mit vier Offizierskameraden einen Spaziergang im Niemandsland zwischen Westwall und Maginotlinie. Plötzlich kommen zwei französische Offiziere auf sie zu. Doch keiner denkt daran, die Pistole zu ziehen. Die Franzosen, höflich in ihrer Sprache angerufen, antworten ebenso freundlich. Sie setzen sich mit den Deutschen auf den Rasen. Alle sind verlegen und beklommen. Nur zögernd entwickelt sich ein Gespräch. Die Überraschung hat Freund und Feind überwältigt. Einträchtig sitzen die Deutschen mit dem „Erbfeind“ auf der grünen Wiese und plaudern. Keiner denkt an Schießen oder daran, den anderen gefangen zu nehmen. Nach einer Weile verabschieden sich die Gegner – und verabreden ein neues Treffen.

Schon am nächsten Tag ist es soweit. Die Franzosen bringen Kameraden mit, bieten Rotwein und Cognac an. Die Deutschen haben reichlich zu Essen dabei. Man macht sich miteinander bekannt, stellt sich mit Namen vor. Die Unterhaltung nimmt nun einen lockeren Verlauf. Man spricht über die Weltlage und tauscht Heimatadressen aus. Für kurze Zeit entsteht eine herzliche Freundschaft. Die denkwürdige Begegnung wiederholt sich in den nächsten Tagen noch ein paar Mal.

Der ganze Krieg war widersinnig

Obwohl der Verbrüderungsgedanke im Osten nach dem Überfall auf die Sowjetunion kaum eine Chance besaß und der ideologisch geführte Krieg mit Grausamkeiten und einer Erbitterung verbunden ist, die in der Geschichte kaum ihresgleichen kennt, finden sich auch hier Beschreibungen einer Fraternisierung zwischen deutschen und sowjetischen Soldaten. In Stalingrad rufen die Deutschen den Russen in einer Gefechtspause zu: „Habt ihr Butter oder Fleisch?“ Die drüben antworten, bei ihnen gäbe es nur Salzheringe. Also wickeln die Deutschen etwas Brot in eine alte Zeltplane, werfen es den Russen herüber und erhalten dafür Heringe.

Das war natürlich verboten. Aber auf beiden Seiten sind die Soldaten gleichermaßen kriegsmüde und ausgehungert. Hubert Kremser, der das Erlebnis in seinem Tagebuch festgehalten hat, schreibt: „Zuerst schießt man aufeinander, dann wirft man sich Brote zu. Das ist natürlich ein Widersinn, aber der ganze Krieg war widersinnig, das hatten wir in dieser Endphase erkannt.“

Noch eindrucksvoller ist, was Hans Schäufler, Nachrichtenoffizier an der Ostfront, Weihnachten 1941 erlebte. Nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen vor den Toren Moskaus muss seine Panzerabteilung der russischen Übermacht weichen. Nur etwa hundert Mann der Einheit haben den erbarmungslosen Winterkrieg lebend und gesund überstanden. Ihr Auftrag: Zurück zur Ausgangsstellung und Sammeln in Kromy, einem Städtchen südwestlich von Orel. Hier wollen die Geschlagenen ihr erstes Weihnachten in Russland feiern.

Abseits des tief verschneiten Städtchens finden sie auf einem flachen Hügel eine halb verfallene russische Kirche, orientalisch anmutend, mit fünf seltsam gewundenen Zwiebeltürmen. Der Schnee liegt kniehoch im Innenraum, Eiszapfen hängen in den leeren Fensterhöhlen, Rauhreif bedeckt die zerschundenen Wände. Die Soldaten stellen zwei Fichten auf, schmücken sie mit Kerzen und Lametta aus den Weihnachtspäckchen von zu Hause. Aus rohen Brettern zimmern junge Burschen einen klobigen Altar und eine primitive Kommunionbank.

In das Hämmern und Sägen platzt ein aufgeregter Melder, der Häusler einen Funkspruch aushändigt: „Kosakenregimenter im Anmarsch auf Kromy – rege Partisanentätigkeit in der Stadt – laut Agentenmeldung bereiten reguläre russische Truppen, in Zivil verkleidet, Angriff vor und leiten ihn von hier aus.“ Häusler weiß, wenn er die Meldung an den Kommandeur weitergibt, muss seine Einheit sofort die Stellungen vor der Stadt besetzen. Aber er will und kann nicht glauben, dass die Russen gerade in den nächsten zwei Stunden kommen sollen. Er weiß, wie sehr sich die Kameraden auf die besinnliche Stunde freuen, drängt alle Bedenken zurück und lässt den Funkspruch in seiner Hosentasche verschwinden. Früh bricht die Nacht ein.

Posten halten rund um die Kirche Wache

Die übriggebliebenen Männer der Panzerabteilung verlieren sich im weiten Rund der russischen Kirche. Andächtig lauschen sie der Heiligen Messe. Ein eigenartiges Bild: Gespensterhaft angestrahlt von den flackernden Kerzen der beiden Christbäume steht der Feldgeistliche am schmucklosen Altar. Schneeflocken schweben durch das zerrissene Kirchengewölbe und legen sich behutsam auf die Schultern der feldgrauen Ministranten, auf das Messgewand des Priesters und auf die Zweige der geschmückten Fichten.

Häusler dreht sich um, will in die Gesichter der Soldaten schauen – und glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Kopf an Kopf stehen die Einwohner von Kromy hinter ihnen, bärtige Männer mit Rindensandalen an mit Lumpen umwickelten Beinen, Frauen in abgeschabten Schafpelzen und dunklen Kopftüchern. „Aber noch nie in meinem Leben“, schreibt Häusler, „habe ich so schöne, so gläubig verklärte Gesichter gesehen … Tränen rannen durch ihre zersorgten, von Hunger und Krieg gezeichneten Gesichter. Das ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden’ leuchtete aus ihren Augen.”

In einer dunklen Ecke entdeckt Häusler plötzlich eine Gruppe junger russischer Männer; die Pelzmützen trotzig auf dem Kopf, lehnen sie ohne Teilnahme an der Zeremonie an der Wand – mit Augen „voll unheimlichen Hasses, Augen, wie man sie nie mehr vergisst.“ Mitten unter ihnen eine hohe, schlanke Gestalt mit scharf geschnittenem Gesicht und intelligentem Blick. Wie ein Blitz durchfährt es Häusler – der Funkspruch. In dem auffallenden Mann entdeckt er den Führer der Leute. Da geschieht etwas Seltsames. Der Pfarrer erteilt den Segen, schlägt das Kreuz des Erlösers mit klammen Händen über die im Schnee kniende Schar, über Russen und Deutsche, Freunde und Feinde. Umständlich nimmt der auffallende Mann die Pelzmütze ab, senkt den stolzen Kopf, und alle die jungen Männer folgen seinem Beispiel, zögernd, aber ohne Ausnahme.

Zwei Mundharmonikas stimmen das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, das von den schneeglitzernden Wänden widerhallt und der Wind durch das offene Kirchengewölbe hinaus zu den Wachsoldaten trägt. Langsam leert sich das Gotteshaus. Häusler verlässt es als letzter. Draußen tritt ihm der Mann mit den Offiziersstiefeln entgegen. Er ist allein, sieht dem Deutschen lange und schweigend in die Augen. In seinem Blick ist ein eigenartiger Glanz. In holprigem Deutsch spricht er mehr zu sich selbst als zu Häusler – feierlich und bedächtig, wie man einen Eid spricht: „Christ ist geboren!“ Dann küsst er den Deutschen, wie es im alten Russland Weihnachtsbrauch ist, auf beide Wangen. Die beiden Männer drücken sich fest und lange die Hand und, so Häusler, „ich verstand ihn, obwohl er kein Wort mehr sprach. Dann ging er mit sicherem Schritt hinaus in die Nacht.“

Der Leidensweg, den die Menschheit gehen muss

Es gibt kaum einen eindrucksvolleren Appell an die Friedenssehnsucht der Menschen als die Fraternisierung. Was in den Herzen sich verbrüdernden Frontsoldaten vorgeht, passt nicht in das Denkschema der offiziellen Kriegsführung. Es passt nicht in eine „Politik“, die von Frieden spricht und dem Krieg Tor und Tür öffnet. Und es passt nicht in gewisse Machtinteressen, die den Tod von Soldaten und Zivilisten in Kauf nehmen und den Mord zu einem notwendigen Übel erklären. Der Leidensweg, den die Menschheit gehen musste, bis sie erkannt hat, dass der Krieg keine Lösung schafft, sondern sie verhindert und neue Konflikte nach sich zieht, weist uns hingegen den Weg zum Frieden.

Wenn die beiden Weltkriege überhaupt so etwas wie einen tröstlichen Aspekt für die Entwicklung des Menschengeschlechts haben können, dann verdienen die Versuche von Frontsoldaten, mit dem Feind in freundschaftlichen Kontakt zu treten, besondere Beachtung. Sie wollten Frieden. Ihm – und nicht dem Krieg – gehörte und gehört die Zukunft. Nicht der Krieg ist – wie man den Menschen heute wieder weismachen will – der „Ernstfall“, sondern der Friede. Eine wirkliche Begründung menschlicher Gesellschaft findet da statt, wo die Sozialisierung der antisozialen Menschennatur auf den Schild gehoben wird. „Pazifismus“ ist mehr als nur die beliebige Teilarbeit eines Kulturwerkes. Es ist das Fundament aller Fundamente, ohne das alles andere Schein und Lüge bleibt, es ist das Allereinfachste und Allerschwerste in jedem Haushalt, jedem Kollegium, jedem Büro, jeder Fabrik, jeder Schule und jeder Garnison – in Deutschland wie in Syrien, allerorten.

Die geschilderten Beispiele sind dem Buch von Heinrich Rieker entnommen: „Nicht schießen, wir schießen auch nicht!“ Versöhnung von Kriegsgegnern im Niemandsland 1914 – 1918 und 1939 – 1945, 176 Seiten, 62 Abbildungen, ISBN 978-3-938275-18-4 im Donat Verlag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ingo Friedrich, Alexander Graf, Martin Burckhardt.

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