Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es. Erich Kästner

„Man muss große Reformen wollen“

Helen Thomas ist die Grande Dame des amerikanischen Journalismus – seit John F. Kennedy hat sie über jeden Präsidenten berichtet und nun auch ein Buch mit Ratschlägen für Präsident Obama verfasst. Im Interview mit The European erzählt sie, warum Obamas überparteilicher Ansatz nicht klappt, sie beim Thema Gesundheit enttäuscht ist.

Die Zeitungskorrespondentin sitzt bis heute in der ersten Reihe der Press-Briefings im Weißen Haus. Ihr Sitz ist der einzige mit einer Plakette. Er trägt ihren Namen.

Den Demokraten stand sie schon immer näher als den Konservativen, mit Barack Obama teilt sie sich sogar den Geburtstag – nur ein anderer Jahrgang, versteht sich. Helen Thomas ist 89 Jahre alt.

The European: Vor einem Jahr wurde Obama zum US-Präsidenten gewählt. Die Wählerstimmen wollten “Hoffnung und Wandel”. Was haben sie bekommen?
Thomas: Sie haben einen großartigen Präsidenten bekommen. Barack Obama ist selbstbewusst und mutig. Und diese Eigenschaften braucht ein Präsident. Obama hat in jungen Jahren schon alles erreicht. Er ist im höchsten Amt angekommen. Ich habe das Gefühl, er will nun einfach das tun, was fürs Land gut ist. Er denkt nicht ganz so viel an die kommenden Wahlen. Doch leider hat er wohl viele Berater, die strategisch planen wollen. Sonst hätte er zumindest bei der Reform der Krankenversicherung anders gehandelt: mutiger.

The European: Dabei brauchte er in den ersten Monaten im Amt gar nicht viel Mut. Denn die Republikaner trugen die Wirtschaftspolitik mit und waren selbst so geschwächt, dass sie keine Oppositionsarbeit gegen den neuen Präsidenten machten.
Thomas: Vor allem aber lieben die Republikaner und ihre Freunde an der Wall Street Geld. Deshalb haben sie gerne Obamas Politik der “Bank Bailouts” mitgetragen. Als es dann zur Begrenzung von Bonus-Zahlungen kam, waren sie auf einmal anderer Meinung. Ich glaube ohnehin nicht an Obamas Strategie, Demokraten und Republikaner konstruktiv zusammenarbeiten zu lassen. Zurzeit ist es außerdem noch viel schlimmer. Noch nie habe ich so viel Missgunst und Hass im politischen Washington gesehen. Die Seiten stehen sich ziemlich krass gegenüber, egal ob es um Immigration oder Gesundheitsreform geht.

Und in dieser Situation will Obama auf Kooperation setzen. Das wird nicht klappen. Denn von den Republikanern will niemand, dass Obama Erfolge feiert. Das ist Politik, da gönnen sich Gegner nun mal nichts.

The European: Wo sind dann Obamas größte inhaltliche Fehler in der Regierungsarbeit?
Thomas: Obama hätte nicht die Kriege Bushs weiterführen dürfen. Afghanistan ist vollkommen unmöglich zu gewinnen. Alexander der Große, die Briten und die Russen: Sie alle haben es versucht und doch nicht hinbekommen. Sie alle haben Afghanistan wieder verlassen. Und niemand hat sie als Verlierer betitelt, so wie es viele in unserem Land fürchten, falls wir aufgeben.

The European: Und im innenpolitischen Bereich?
Thomas: Die Gesundheitspolitik hat er völlig dem Kongress überlassen. Das war ein großer Fehler! Damit macht er genau das Gegenteil von Hillary Clinton, die vor 15 Jahren hinter verschlossenen Türen eine Reform ausarbeitete und dann dem Kongress erst vorlegte. Das hat auch nicht geklappt.

The European: Im September hat Obama es mit einer großen Rede vor dem Kongress versucht – sein Startschuss für den Kampf um das richtige Versicherungssystem. Hat das überzeugt?
Thomas: Seine Rede zur Gesundheitsreform war sehr gut. Nur habe ich eins vermisst: Er hat sich nicht klar für die staatlich basierte Gesundheitsversicherung ausgesprochen. Außerdem hat er gesagt, er sei der letzte Präsident, der für dieses Thema kämpfen müsse. Aber das stimmt doch überhaupt nicht. Er wird natürlich nicht der letzte sein. Auch nach ihm werden Präsidenten um die staatliche Versicherung kämpfen müssen. Denn die privaten Versicherer beuten die Menschen aus. Sie machen viel Geld auf Kosten der Menschen und deren Krankheiten.

The European: Wird Obama bei diesem Thema am Ende noch einen Erfolg erzielen können?
Thomas: Ja, das denke ich schon. Irgendeine Einigung wird es geben. Aber wahrscheinlich nicht das, was Amerika so sehr braucht: eine Versicherung für jeden Amerikaner. Was bringt es, wenn nur diejenigen eine Krankenversicherung bekommen, die auch Arbeit haben. Was machen all die anderen, die arbeitslos sind? Sie haben kein Geld für die hohen Arztrechnungen, müssen oft so weit gehen, dass sie ihr Haus verkaufen – alles für ihre Gesundheit. Das ist doch Wahnsinn!

Schauen wir uns doch mal um: Kein anderes westliches Industrieland hat so ein schlechtes System wie wir. Und das Traurigste: Anstatt für die Gesundheit Geld auszugeben, zahlen wir Monat um Monat Milliarden an Dollar für Kriege im Irak und anderswo.

The European: Wenn Obama es noch nicht einmal schafft, die über Jahrzehnte diskutierte Gesundheitsreform durchzuführen – wird es sie jemals in den USA geben?
Thomas: Wir brauchen einen Präsidenten, der ganz klar zur Reform steht und sagt: Das muss im Gesetz enthalten sein und nur so unterzeichne ich es auch. Andere Präsidenten vor Obama haben das auch geschafft: Lyndon B. Johnson drückte 1965 “Medicare” durch, Roosevelt konnte 1935 sogar mitten in der Weltwirtschaftskrise “Social Security” einführen. Es ist also möglich, solch große Reformen durchzusetzen. Man muss es nur wollen und sich voll dafür einbringen.

The European: Sie haben Präsident Obama auf der persönlichen Ebene viel Gutes ausgestellt, beim Umsetzen der Politik sind Sie jedoch mit vielem noch nicht einverstanden. Was ist er denn nun, ein guter oder schlechter Präsident?
Thomas: Ich glaube, es ist noch zu früh, um das eindeutig sagen zu können. In jedem Fall ist er ein großer Redner und kann die Leute überzeugen und mitnehmen. Das zählt sehr viel. Um eine erfolgreiche Amtszeit als Präsident zu haben, muss er nach vier Jahren eine anständige Krankenversicherung nachweisen können und die Kriege in Afghanistan und im Irak beendet haben. Dann kann er sich sehen lassen.

Doch es warten noch weitere Baustellen auf ihn: Unser Bildungssystem braucht viel mehr Geld und die Infrastruktur ist in vielen Teilen am Zusammenbrechen. Da geht es auch wieder um Schulen. Viele Gebäude machen es nicht mehr lange.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Roger Willemsen: „Wir treiben den Taliban die Anhänger in die Arme“

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