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„Berlin ist einzigartig“

Seit 1994 gibt es den Szeneclub Cookies. Was als versteckter Kiezschuppen begann, ist heute einer der Angelpunkte des Berliner Nachtlebens. Besitzer Heinz “Cookie” Gindullis spricht mit The European über Hipsters, Bohemiens und den Reiz der Stadt.

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The European: Cookie ist ja – wie man sich fast denken kann – nicht dein richtiger Name. Warum nennen dich dennoch alle Leute so?
Cookie: Ich heiße ja eigentlich Heinz. Mein Vater heißt auch Heinz. Das wurde dann wahnsinnig anstrengend in meiner Familie, als ich klein war. Irgendwann haben meine Geschwister dann gesagt, ich sähe so aus wie ein süßer Cookie. Seitdem nennen mich alle Cookie: meine gesamte Familie, alle Freunde; keiner nennt mich mehr Heinz.

The European: Das Cookies hast du 1994 gegründet. Wie muss man sich die Berliner Partyszene Mitte der 90er vorstellen und was hat sich seitdem verändert?
Cookie: Damals war das Cookies ja mehr versteckt im Keller eines Hinterhauses, in dem ich wohnte. Die Nachbarn fanden es damals schon toll, dass sie endlich einmal eine kleine Bar im Keller hatten. Zu jener Zeit sind sie einmal in der Woche dienstags ins Cookies gegangen. Es war also damals eine Art Nachbartreff oder Kieztreff – nur ein bisschen versteckt. Zu dieser Zeit war in Mitte jedes zweite Haus nicht renoviert, jedes dritte Haus war von Hausbesetzern bewohnt und alle waren Künstler. Ich glaube, genau da liegt der große Unterschied. Keiner hat sich wirklich dafür interessiert, ob es eine Dusche oder einen Fernseher gab.

“Das Tolle an Berlin war, dass es unheimlich vermischt war”

The European: Findest du, dass man in Berlin unterschiedliche Szenen kategorisieren kann? Gibt es für dich zum Beispiel die Hipsterszene, die Bohemiens?
Cookie: Das Tolle an Berlin war, dass es unheimlich vermischt war. Jetzt trennt es sich deutlich mehr. Früher sind die Szenen komplett gemixt ausgegangen und man ist in einem kleinen Kiez geblieben. Inzwischen gibt es mehr und mehr Clubs, die dann einen bestimmten Bereich abdecken. Auf der einen Seite hast du einmal das Weekend, dann das Berghain, die Bar 25 oder das Watergate. Auf der anderen Seite gibt es das Picknick, das Felix und das Tube. Deshalb bin ich sehr glücklich darüber, dass das Cookies doch noch ein wenig außen vor ist und dass noch relativ viele aus unterschiedlichen Clubs gern ins Cookies kommen. Das soll auch so bleiben, denn es soll sich mischen.

The European: Es wurde immer viel darüber gewitzelt, dass du mal nicht ins Berghain reingekommen bist. Der Club ist ja einer der wichtigsten der internationalen Szene. Das “Djmag” wählte ihn im letzten Jahr auf Platz 1 der weltweit angesagtesten Clubs. Dieses Jahr ist er nur noch auf Platz 8.
Cookie: Ich muss ganz eindeutig sagen, dass das Berghain ein toller Club ist. Auch die Panoramabar, die vor allem ein tolles DJ-Line-up hat. Was ich sehr schade finde, ist, dass das Berghain der einzige Club ist, zu dem ich keine persönliche Bindung habe. Zumindest beim Watergate und beim Weekend kenne ich die Macher. Ich habe zu allen Clubs hier irgendeine Verbindung. Die Gründer des Berghains achten leider nicht so sehr darauf, ein Netzwerk aufzubauen. Es gerät momentan leider auch mehr und mehr in Verruf als Touristenladen. Anfangs hatten sie dort immer eine ganz bestimmte Philosophie, was die Tür anging. Beispielsweise gab es keine Gästeliste; keiner durfte an der Schlange vorbeigehen. Wenn man sich aber heutzutage das Publikum anschaut, sind das in erster Linie Touristen, und als Berliner willst du ja nicht zwischen den Touristen stehen. Das finde ich ein bisschen traurig.

The European: Würdest du sagen, dass es in Berlin bestimmte Dinge gibt, die Berlin für dich ausmachen, oder dass du in bestimmten Momenten sagst: Das ist Berlin für mich?
Cookie: Mal anders gesagt: Jedes Mal, wenn ich verreise und weg bin aus Berlin, dann stelle ich bei meiner Rückkehr fest, dass Berlin für mich immer noch die tollste Stadt der Welt ist. Weil ich finde, dass Berlin von den Gästen, von den Leuten, die hier in Berlin wohnen, sehr kreativ ist. Du hast wahnsinnige Freiheiten. Es ist nicht so eine teure Stadt. Wenn ich dann woanders bin, ist es entweder sehr kommerziell oder teuer. Ich finde, Berlin ist da wirklich noch einzigartig.

The European: Warum kommen die Leute nach Berlin?
Cookie: Ich glaube, die Leute, die nach Berlin kommen, sind mehr die Lifestyle-Leute, die Lifestyle leben wollen. Die Leute kommen nicht wegen des Jobs nach Berlin. Sie kommen wegen des Studiums, aus Spaß oder eventuell noch, weil sie etwas Selbstständiges aufbauen wollen. Aber jobmäßig ist Berlin eine schwierige Stadt. Wie Wowereit gesagt hat: arm, aber sexy.

“Berlin ist eine Stadt, in der es einfacher ist, etwas Eigenes zu machen”

The European: Kann hier jeder etwas Eigenes aufbauen?
Cookie: Man muss auf jeden Fall Eigendynamik mitbringen. Berlin hat natürlich auch einige Nachteile. Es ist eine sehr lockere, “easy-going” Stadt. Deswegen kannst du hier auch schnell versacken. Aber im Gegensatz zu anderen Städten ist Berlin auf jeden Fall eine Stadt, in der es einfacher ist, etwas Eigenes zu machen.

The European: Kannst du generell beschreiben, wie sich die Partyszene verändert hat im Hinblick auf 94? Musikalisch und was die Menschen angeht?
Cookie: Der Unterschied zwischen damals und heute ist, dass es jetzt viel zielgerichteter ist. Früher ist man einfach ausgegangen, man hat sich spontan irgendwo getroffen. Jetzt ist es schon viel vernetzter. Man hat sich schon vorab über Facebook oder über all die anderen Möglichkeiten wie E-Mail, SMS oder das Handy, das damals noch wenig verbreitet war, gezielt verabredet. Früher war es eher das Gegenteil: Man ging wohin, weil man wusste, dass alle da waren. Das ist, glaube ich, der Hauptunterschied. Das macht man heute auch noch, aber nicht so stark wie vor einigen Jahren noch. Seinerzeit ist man wirklich in das C, in das Hackbarths, ins Cookies oder das Donuts, weil man wusste, dass donnerstags alle da sind. Heute “checkt” man eher ab, was spielt und wer spielt. Man ist auch eher bereit, neue Sachen zu erkunden. Wenn man weiß, dass DJ XY da spielt, dann gehen alle dahin. Die Freunde haben es auch alle dank Facebook erfahren und dann sagt man: “Ah, okay, dann probiere ich mal Club XY aus.” Das war damals anders, da hat man sich mehr “eingegroovt” und es war egal, wer gespielt hat, weil alle deine Freunde dahin gegangen sind.

The European: Hast du einen Lieblingsbezirk in Berlin?
Cookie: Das ist richtig schwierig. Ich kann es gar nicht mehr so beurteilen, ich komme gar nicht mehr heraus aus Mitte. Als ich in Kreuzberg gelebt habe, war mein Tagesablauf montagmorgens aufstehen, nach Mitte fahren und nachts wieder zurückfahren. Mitte ist auf jeden Fall der Bezirk, in dem ich mich sehr wohl fühle. Ich finde Kreuzberg auch super. Wo ich mich nicht wohl fühlen würde, wäre Prenzlauer Berg, ich würde auch sagen Zehlendorf und Charlottenburg. Schöneberg ist auch nicht mein Fall. Wedding finde ich gar nicht so uninteressant. Wedding ist so original Wedding. Das sind die Türken. Das sind die Leute, die im Wedding seit eh und je leben. Dort ist wenig Tourismus. Wedding ist Originalität.

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