Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird. In der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben. Frank Schirrmacher

Vorkriegszeiten

Wer älter wird, blickt gern zurück. Aber geht das in diesen Zeiten? Unser Kolumnist schaut ob seines Geburtstags nach vorn und auf die drohende Kriegskulisse am Horizont.

Heute werde ich 56. Mein ganzes Leben lang kenne ich Krieg nur aus den Erzählungen meiner Eltern, die den 2. Weltkrieg als Kinder erleben mussten und jeweils einen Bruder verloren, aus fernen Ländern in der „Tagesschau“, aus Büchern wie „In Stahlgewittern“ oder als Fiktion aus Kino oder Fernsehen.

Ich dachte, das würde bis an mein Lebensende so bleiben. Ich dachte, die Schrecken der beiden Weltkriege, die Erfahrungen des Korea- und des Vietnamkrieges, die Atombombeneinsätze in Japan, der wenig erfolgreiche Krieg in Afghanistan und die Massaker in Afrika hätten gewirkt. Irgendwann müsste doch auch der Dümmste verstanden haben, dass Krieg einfach nur Scheiße ist. Zu Beginn der Krimkrise war ich noch der Meinung, dass außer dem Anschluss der Krim nichts weiter passieren würde. Scheint aber nicht so zu sein.

So wie es aussieht, soll mal wieder Krieg in Europa sein. Ist ja auch schon fast 70 Jahre her. Fast vergessen. War wohl doch nicht so schlimm. Selbst unser oberster Freiheitspräsident meint ja, wir müssten militärisch mal endlich was mehr mitmachen. Wir Weicheier.

Unser wackerer Außenminister Steinmeier ruft zwar zu Recht alle künftigen Krieger auf, „diesen Irrsinn zu beenden“, aber die stecken sich ganz fest die Finger in die Ohren. Krieg scheint wieder geil zu sein. Völkerrecht ist nur was für Juristen und andere Loser, nicht für echte Krieger. Vernunft? Nö, Kante statt Kant.

Sind die eigentlich alle bekloppt?

Kriegsrhetorik auf allen Seiten. Der Begriff „Säbelrasseln“ verniedlicht das Ganze. Wer kämpft heute noch mit Säbeln? John Kerry droht Russland, Sergej Lawrow droht der Ukraine, und der ukrainische Übergangsministerpräsident Arsenij Jazenjuk unterstellt Moskau, einen „dritten Weltkrieg“ beginnen zu wollen. Die einen machen ein fettes Manöver an der ukrainischen Grenze, die anderen eine „Anti-Terror-Operation“ in der Ostukraine. „Pro-Russische-Separatisten“ nehmen OSZE-Beobachter fest und bezeichnen sie schon mal als „Kriegsgefangene“. Die sind also schon im Krieg. Wer diese Leute sind, weiß man nicht. Die einen sagen so, die anderen so. Die Propagandamaschinen sind angefahren. Und so geht es immer weiter. Die Lust an der Provokation ist unverkennbar. Pubertäre Schwanzvergleiche auf beiden Seiten. Wer keinen Schwanz zum Vergleichen hat, droht mit irgendwelchen nebulösen „Sanktionen“. Irgendwann knallt’s dann aber richtig.

Sind die eigentlich alle bekloppt? Dabei sah es ja vorige Woche noch danach aus, als gäbe es einen vernünftigen Weg aus der Bredouille. Genfer Abkommen, erinnern Sie sich?

Der Kernpunkt

„Alle illegalen bewaffneten Gruppen müssen entwaffnet werden. Alle illegal besetzten Gebäude müssen ihren legitimen Eigentümern zurückgegeben werden. Alle illegal besetzten Straßen, Plätze oder andere öffentliche Flächen in den ukrainischen Städten und Gemeinden müssen geräumt werden.“

litt an der Schwäche, dass nirgendwo definiert wurde, was „illegal“ in diesem Zusammenhang bedeuten sollte. Für die einen waren es die „Separatisten“, für die anderen Maidan-Besetzer. Gekümmert hat es bisher keinen. Alle beharren auf ihren Positionen, wollen „siegen“. Jede Seite sagt, die andere habe angefangen. Die zweite Schwäche der Vereinbarung, da steht nirgendwo, wer die Entwaffnungen und Räumungen durchführen soll. Die ukrainische Regierung vielleicht? Wie denn? Hatten deren Anhänger nicht auch mitgemischt? Noch ist die Zahl der Toten in der Ukraine relativ gering, aber das kann sich sehr schnell ändern. Und dann?

Krieg ist das endgültige Scheitern der Diplomatie

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein normaler Bürger der Ukraine will, dass es einen Bürgerkrieg gibt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendein Bürger in Russland oder in Europa Krieg will. Und auch die amerikanischen Bürger haben die Schnauze gestrichen voll von Kriegseinsätzen ihrer Söhne und Töchter, die dann im Metallsarg aus fernen Ländern zurückkommen. Und trotzdem werde ich das beängstigende Gefühl nicht los, dass irgendjemand genau diesen Krieg möchte. Dass eine neue Vorkriegszeit in Europa angebrochen ist.

Nein. Krieg ist nicht die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln. Krieg ist das endgültige Scheitern der Diplomatie, der Offenbarungseid der Vernunft, eine Niederlage des Rechts, eine einzige Katastrophe.

Es mag Situationen geben, in denen ein Krieg ein notwendiges Übel zur Beseitigung unerträglicher Menschenrechtsverletzungen ist. Zur Beseitigung eines Hitlers, wenn man den nicht eleganter beseitigen konnte. Aber eine derartige Situation lag und liegt in der Ukraine beim besten Willen nicht vor. Da muss weiter geredet und verhandelt werden. Da muss mehr Steinmeier sein.

Reden garantiert zwar keine Erfolge, aber es tötet auch keine Menschen. Nicht Reden oder gar Drohen und Wüten kann aber erst recht keinen Konflikt lösen. Am Ende muss ja sowieso geredet werden. Wozu dann erst viele Tote?

Natürlich gibt es auch Bürger, die den Krieg herbeireden wollen oder die glauben, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Nach meiner Wahrnehmung zunehmend. Meistens sind die allerdings jenseits des wehrfähigen Alters, sitzen gemütlich mit einem Bier weit von der Front entfernt oder haben zu viele Landserhefte gelesen.

Die mir bekannten Menschen, die Krieg erlebt haben, wollen ihn nie mehr. Einige Irre wünschen sich jetzt sogar Atombomben auf Russland. Denen sollte man vielleicht einmal im Jahr ein großes Feld zur Verfügung stellen, wo sie sich ohne Gefährdung anderer Menschen gegenseitig abknallen können. Könnte helfen.

Warum sollten eigentlich vermeintlich unauflösbare politische Interessenkollisionen nicht durch Münzwurf oder einen sportlichen Wettkampf à la Spiel ohne Grenzen gelöst werden? Was macht eine Konfliktlösung besser, wenn dabei möglichst viele Menschen draufgehen? Hat das archaische Gründe? Muss der Boden des Vaterlandes mit Blut veredelt sein? Die wenigsten „Interessenkonflikte“ sind doch Interessenkonflikte der Bürger, es sind auch nicht „Vaterlandsliebe“ oder „Selbstverteidigung“, sondern Wirtschaftsinteressen und Interessen derjenigen, die von kriegerischen Auseinandersetzungen direkt oder indirekt profitieren. It’s economy stupid.

Fragt mal einer die Kinder?

Es ist immer dasselbe Spiel. Erst wirft jeder jedem etwas vor – ob das stimmt oder nicht, ist völlig egal –, dann wird geballert, man nennt das auch gerne zurückgeschossen. Und erst wenn es genug Zerstörung, Tote, körperlich und geistig Verkrüppelte gegeben hat, redet man wieder miteinander. Manchmal erst nach Jahren des Leides und Elends für die Bevölkerung. Reden tut man immer in nobler Umgebung, egal wie die eigene Bevölkerung verreckt. Mit dunklem Anzug und bei einem guten Glas Wein und Essen von Sternköchen.

Am Ende bekommen die, die den Krieg angezettelt und entspannt in den sicheren Staatsbunkern verbracht haben, dafür auch noch gerne mal den Friedensnobelpreis. Die Waffenindustrie kann die leeren Depots wieder beliefern, die Bauindustrie baut mit internationaler Hilfe wieder auf, die Aktien steigen, die Wirtschaft boomt. Nur die Toten werden nicht mehr lebendig und die Traumatisierten finden keine Heilung.

Sterben tun immer auch viele Menschen, die nie Krieg wollten. Fragt mal einer die Kinder?
Aber wen kümmert das schon in Vorkriegszeiten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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