Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Im Inneren der Wagenburg

Die Freunde und Unterstützer von Tebartz-van Elst helfen ihm und der Kirche nicht, indem sie seine Verfehlungen schönreden. Und sie tun es dennoch.

Die harmlosen Siedler zogen auf ihrem Weg in ein besseres Leben mit einem Treck durch Indianergebiet. Immer dabei ein frommer Mann, die Bibel in der Hand. Manchmal hatte er auch noch ein Harmonium auf seiner Kutsche. Friedliche Christen auf friedlichen Pfaden auf dem Weg in eine friedliche Zukunft. Da plötzlich – ein paar Indianer, halbnackt, durchtrainiert, langhaarig, Messer quer im Mund und mit Pfeil und Bogen bewaffnet.

Die Geigen schwellen an. Tritonus. Gefahr. Spannung. Gleich geht es den armen, frommen Siedlern an den Kragen. Sie wissen aus tausend Western, was jetzt geschieht. In Windeseile bauen die Siedler, die sich als unschuldige Opfer fühlen – obwohl sie sich ja auf dem Gebiet der Indianer breitmachen wollen und nicht umgekehrt – einen Kreis aus ihren Kutschen und Wagen. Sie bauen eine Wagenburg und ballern mit ihren Schusswaffen auf alles, was sich um diese herum bewegt.

Am Ende liegen viele tote Indianer im heißen Sand und ein Siedler hat einen Pfeil in der Schulter, den der ebenfalls mitreisende Doc unter Zuhilfenahme einer kräftigen Dosis Whiskey entfernt. Die Musik wird milder und melodiös. Alles ist gut. Wilder Westen. Früher lief das jeden Samstag und Sonntag im Fernsehen.

Selfmade-Opfer

Heute werden Wagenburgen anders gebaut. Diejenigen, die sie bauen, nennen sich oder die ihrigen „Opfer“ und die Indianer sind meist „die Medien“. Neben den armen AfD-Opfern, die gar nicht genug Lucke in Talkshows sehen können, sind diese Selfmade-Opfer in letzter Zeit gerne besonders konservative Christen und ihre zurzeit Arbeit suchenden Bischöfe.

Wussten Sie zum Beispiel schon, dass der frühere Bischof von Limburg das Opfer einer üblen Medienkampagne ist? Dass es eine regelrechte Menschenhatz auf Tebartz-van Elst gab? Dass die Kirche sicherlich eingeknickt ist vor einem Druck, von den Medien kommend? Nicht?

Dachten Sie vielleicht, der Papst hätte dessen Rücktrittsgesuch angenommen, weil der Bischof Fehler gemacht hat und sich nicht wie ein guter Hirte verhalten hat? Weil ihm die Herde weggelaufen ist und der oberste Hirte nicht gut zulassen kann, wenn einer seiner Hirten zu viele Schafe verliert? Weil er vielleicht ein wenig zu üppig gebaut hat? Oder weil er sein Bauprojekt auf so viele Einzelhäppchen verteilt hat, dass er die Fünf-Millionen-Rom-Grenze für jedes einzelne Objekt unterschritten und damit Rom ausgetrickst hat?

Falls ja, dann sind sie so naiv wie ich. Denn das stimmt doch alles gar nicht. Der arme Kerl ist das Opfer einer Medienkampagne.

Dass der Ex-Bischof von Limburg das selbst so sieht, ist kaum verwunderlich. Er ist nach seinem Selbstverständnis ohnehin nur dem obersten Baumeister verantwortlich. Und dass er erst mal alles bestreitet, was ihm der Prüfbericht der kirchlichen Untersuchungskommission vorwirft, ist schon allein deshalb verständlich, weil jetzt auch die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue gegen Tebartz-van Elst aufgenommen hat. Da darf er natürlich schweigen. Als Verdächtiger darf er sogar lügen. Als Bischof vielleicht weniger.

Die gloria-reichen Sieben und ihre Hilfssheriffs

Dass dieser TvE eine, sagen wir mal, ungewöhnliche Beziehung zur Realität hat, muss man ihm nicht vorwerfen. Der glaubt vermutlich, was er sagt. Das ist auch völlig in Ordnung. Kann er machen, wie er will. Wer dem Papst im Oktober seinen Rücktritt anbietet, aber im Januar einen neuen 5er bei BMW bestellt, der kann ja gar nicht glauben, dass der Chef den Rücktritt annimmt. Die BMW-Werbung „Herausragend. Stilvoll“ trifft ja auch alles, was man mit TvE verbindet.

Was allerdings noch skurriler als das trotzige Verhalten dieses Bischofs anmutet, sind die anderen Mitglieder seines Trecks. Die jetzt die Wagenburg gebaut haben. Die gloria-reichen Sieben und ihre Hilfssheriffs.

Einer, der immer wieder für eine Überraschung gut ist, ist Martin Lohmann. Falls Sie den Namen nicht kennen, grämen Sie sich nicht. Mir persönlich ist der Mann erstmals bewusst Ende Januar 2013 aufgefallen, als er in der Talkshow „Günther Jauch“ auftrat. Dem Mann gelang es mühelos, den erzkonservativen Kölner Kardinal Meisner rechts zu überholen und diesem vorzuhalten, dieser vertrete nicht die Lehre der Kirche.

Ach, ist ja spannend, dachte ich. Ein einfaches Mitglied der katholischen Kirche, zwar mit Theologiestudium, aber weder als Priester geweiht noch mit irgendeiner mir bekannten Lehrerlaubnis ausgestattet, erklärt dem Kardinal, dass der sich in der Auslegung des Wortes Gottes gefälligst an ihm bzw. dem, was er für die richtige katholische Lehre hält, orientiert? Super(Loh)mann! Hammer, so, wie wenn ein lustiger Musikant Miles Davis erklären würde, dass er da ein paar falsche Töne gespielt hat.

Jetzt kommt’s erst

Dieser Vertreter des super-erzkonservativen Flügels innerhalb der katholischen Kirche erklärte in einem Interview des Deutschlandfunks den armen Menschen TvE doch tatsächlich zum Opfer einer Medienkampagne. Immerhin. Zu Beginn des Interviews gibt es sanfte Kritik:

Er hat etliche Verfehlungen, das haben wir ja auch alles gehört, zu verantworten. Er war auch in einer tragischen Weise beratungsresistent, in vielfacher Weise, in vielen Situationen.

Ja, genau. Das lässt sich nicht ernsthaft leugnen und das hätte für einen Verlust der Bistumsführung locker gereicht. Aber nein, jetzt kommt’s ja erst:

Aber ich glaube schon, dass auch eine Kampagne hier losgetreten worden ist, und da stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Medien. Schauen Sie mal, es ist in den letzten Wochen und Monaten immer vom Protzbischof gesprochen worden. Er hatte gar keine Chance mehr, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Ja, da hat er ja recht. Diesen Bischof als normalen Menschen wahrzunehmen, war schon verdammt schwer, insbesondere, weil weder er selbst noch seine Apologeten ihn als normalen Menschen, sondern als so eine Art Überwesen stilisierten. Im Umgang mit normalen Menschen war der Bischof wohl eher spröde, wie man so aus Limburg hört. Herrisch, arrogant, stolz, gnadenlos, unbelehrbar – das sind so die Adjektive.

Ich glaube, dass die Bischöfe, auch die in Rom, gesagt haben, Kardinal Müller zum Beispiel, es gibt hier eine regelrechte Menschenhatz auf Tebartz-van Elst, dass man das auch wohl sehr bedenken muss.

Menschenhatz kennt man ja. Da erinnert man sich direkt an diesen bepissten Neonazi, der vor dem Asylbewerberheim grölte. Aber gut, die Presse hat schon ausführlich über den Bischof berichtet und gerade der „Focus“ den Spitznamen Protzbischof stets gerne wiederholt. Die Presse gebraucht gerne plakative Begriffe. Hammermörder, Sexmonster, Vampir von Hannover. Da ist der Bischof doch eigentlich noch ganz gut weggekommen. Sieht Lohmann aber ganz anders. Auf die Frage, ob für die Kirche nicht andere Maßstäbe gelten, oder ob sie hier schlicht vor dem gesellschaftlichen Druck eingeknickt ist, meint er:

Sie ist sicherlich eingeknickt vor einem Druck, von den Medien kommend.

Da muss man sich schon die Augen reiben. Dass der Papst nach gründlichster Prüfung eine Entscheidung getroffen hat? Ach, Quatsch mit Soße. Die Kirche ist vor den Medien eingeknickt. Als ob es das jemals in der Geschichte der katholischen Kirche gegeben hätte, dass die Kirche vor irgendetwas eingeknickt wäre. Eigentlich eine ziemliche Unverschämtheit von Herrn Lohmann, Papst Franziskus zu unterstellen, der knicke vor den Medien ein. Und andere Maßstäbe? Ach was.

Aber so ist das in dieser Wagenburg. Da werden die Reihen geschlossen, die Brüder im Geiste gegen den Presseteufel verteidigt. Da schießt man auf alles, was draußen ist. Schuld sind immer die andern. Ja, auch Papst Franziskus ist bei diesen Hardlinern, die mehr auf den zurückgetretenen Benedikt stehen, eher draußen. Dieser weichgespülte Kommunikator, der nicht mal Schwule verurteilen will, die von manchen Konservativen lieber Homoperverse genannt werden. Und der den ganzen lieb gewonnenen Pomp zur Ehre Gottes nicht so wichtig findet.

Diese zur Schau gestellte Bescheidenheit ist ja ekelhaft. Dass die Bescheidenheit echt sein könnte, kommt denen gar nicht in den Sinn. Zur Ehre Gottes darf’s auch ein bisserl mehr sein. Gold, Brokat, Edelstein und geheizte Gartenwege. Alles gottgefällig. Ich finde jetzt zwar die Bibelstelle nicht, die den Bischöfen aufgibt, dem dummen Kirchenvolk mit Reichtum zu imponieren, aber eine wird’s wohl geben. Gegen eine solche Verweichlichung des Glaubens helfen den Lowmännern nur glaubensstarke Bischöfe wie Tebartz-van Elst, Kardinal Müller, Gänswein und Mixa. Diese Männer werden in der Wagenburg verehrt und verteidigt, auf Deibel komm raus.

Mancher nennt TvE und Mixa sogar Märtyrer, obwohl beide sich bester Gesundheit erfreuen und auch keinerlei finanzielle Einbußen erleiden mussten. Das sind vermutlich die ersten Märtyrer in der Geschichte der Christenheit, die sich während ihrer Christenverfolgung noch einen neuen Dienstwagen bestellen oder eine Sammlung von Goldkreuzen stehlen lassen können.

Eine Beleidigung für alle, die Dienst am Nächsten tun

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ein Bischof ist kein Bettelmönch und mich stört auch weder, dass er ein Ministerpräsidentengehalt bekommt, noch dass er einen schicken Dienstwagen fährt. Aber ihn zu einem Märtyrer zu erheben, statt ihm vielleicht einmal deutlich zu sagen, dass er mal den Ball flach halten sollte, schadet der Glaubwürdigkeit der Kirche und ist eine Beleidigung für die Menschen, die wirklich wegen ihres Glaubens gefoltert und ermordet wurden.

Damit treibt man diejenigen Christen aus der Herde, die dort einen Hort der Nächsten- und der Feindesliebe suchen. Die daran glauben, dass der Dienst am Nächsten, an Armen, Kranken und Verfolgten ihre Aufgabe ist. Die sich kostenlos in Kleiderkammern, an kirchlichen Tafeln, in der Kinder- und Jugendarbeit, der Drogenberatung, der Altenhilfe, der Caritas und in vielen anderen sozialen Einrichtungen, die es neben Protzbauten ja eben auch gibt, für Gotteslohn – also erst mal für lau – die Beine in den Bauch stehen. Die an eine frohe Botschaft glauben und nicht an eine gnadenlose rohe Botschaft, die andersdenkende Menschen ausschließt oder in die Hölle wünscht. Die Zeit und Geld in die Not hilfsbedürftiger Menschen stecken, weil sie das für christlich halten und denen völlig egal ist, mit welcher Karosse ihr Bischof vorfährt oder in welcher Privatkapelle der Zwiesprache mit Gott halten möchte.

Dass ein Bischof ein Mensch ist und weder ein Halbheiliger noch ein Halbgott, hat Tebartz-van Elst deutlich gemacht. Eitelkeit, Hoffahrt und Prunksucht sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Dass nicht jeder gute Professor auch ein guter Bischof ist, auch gelernt. Das wird nicht seine Absicht gewesen sein, aber es mag eine heilsame Wirkung haben. Papst Franziskus meint, Geistliche müssten sich als Hirten mitten unter die Herde mischen und den „Geruch der Schafe“ annehmen. Andernfalls drohten sie zu „traurigen Priestern“ zu werden, die den Kontakt zu den Menschen verloren hätten.

So ist das nun mal. Wer eine Herde führen will, darf sich nicht zu schade sein, in den Stall zu gehen und nach Schaf zu stinken. Er darf sich auch nicht zu schade sein, ein krankes Schaf auf den Arm zu nehmen. Und wenn der Hirte nicht mitbekommt, dass seine Herde schrumpft, dann ist er ein genauso schlechter Hirte, wie der, der es zwar merkt, dem es aber egal ist oder der gar nicht weiß, dass das was mit seiner Arbeit zu tun hat. Wer das nicht kann, kann ja was anderes machen, wo er nicht direkt mit Menschen in Berührung kommt.

Seine Freunde und Unterstützer helfen ihm und der Kirche nicht, indem sie seine Verfehlungen schönreden und ihn verteidigen. Sie würden ihm helfen, wenn sie ihm die Wahrheit beibringen. Er muss ja kein schlechter Mensch sein, nur weil er ein schlechter Bischof war.

Die Erkenntnis aus der ganzen Affäre ist doch: jeder Bischof ist ein Mensch, aber nicht jeder Mensch ist auch ein Bischof.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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