Daten werden früher oder später für alle vollständig verfügbar sein. Christian Heller

Tödliche Absichten

Beim Thema Sterbehilfe ist sich nicht einmal die neue Koalition einig. Kein Wunder: Das Thema ist komplexer, als es nach einem Blick auf die Statistiken aussieht.

Vor ein paar Wochen war ich auf der Beerdigung eines Schulfreundes. Auf seinen plötzlichen Tod war ich durch eine Traueranzeige aufmerksam geworden. Nach dem Abitur hatten wir uns nur selten gesehen. Er hatte lange Zeit im Ausland gelebt. Vor einem Jahr war er bei mir auf einen Kaffee vorbeigekommen. Wir hatten ein gutes Gespräch über alte Zeiten und wie es uns ergangen war. Er hatte eine Familie, einen Beruf, der ihn ernährte und erfüllte, viele Hobbys und viele Freunde. Jetzt war er tot. Ganz plötzlich. Da denkt man an Unfall oder Herzinfarkt. Als der Trauerredner davon sprach, dass er sein Leben selbst beendet hatte, war ich völlig perplex. Suizid? Niemals. Jeder andere, aber du doch nicht, dachte ich. Antworten gab’s nicht. Nur Hunderte erschütterte Menschen. Vorbei.

Jedes Jahr beenden rund 10.000 Menschen in Deutschland ihr Leben vorzeitig). Das sind rund drei Mal mehr Tote als durch Verkehrsunfälle. Und das sind nur die eindeutigen Suizid-Fälle. Wie viele scheinbare Verkehrsunfälle in Wirklichkeit Suizide waren, ist schwer einzuschätzen. Mancher Familienvater möchte der Familie noch gerne eine Unfallversicherungsleistung zukommen lassen. Zusätzlich versuchen sich jährlich um die 100.000 Menschen selbst zu töten und scheitern daran.

Selbsttötung ist keine Straftat

In der „Welt“ regte Fritz J. Raddatz sich darüber auf, dass angeblich ein Selbstmord in Deutschland nicht richtig unterstützt werden dürfe und damit die Menschenwürde verletzt werde). „Ich verbitte mir, dass irgendjemand, dem ich mein Leben schließlich nicht verdanke, mir (und vielen Alten, Kranken, müde Gewordenen, der Last des Lebens nicht mehr Gewachsenen) diese letzte Würde nimmt. Es ist im tiefsten Sinne des Wortes un-menschlich.“

Das ist zwar wohlformulierte Empörung pur, aber trotzdem falsch. Überflüssige Aufregung.

Die Selbsttötung ist keine Straftat, weil der Handelnde keinen anderen Menschen tötet. Deshalb ist es auch kein Mord und das Wort „Selbstmord“ völliger Unfug. An einem Suizid darf Sie auch niemand hindern, es sei denn, der Entschluss dazu beruht auf einer psychischen Störung. Da greift dann das PsychKG. Aber wenn Sie geschäftsfähig sind, können Sie sich auch ungehindert umbringen, wenn Sie das denn gerne möchten. Es steht niemandem zu, das zu verhindern.

Und weil die Selbsttötung nicht strafbar ist, darf man daran auch als Gehilfe straffrei teilnehmen. Man darf sogar dazu anstiften, denn auch die Anstiftung setzt eine Haupttat voraus. Nett wäre das zwar vermutlich nicht, aber hier geht es ja nicht um Nettigkeiten. Man dürfte als Helfer das todbringende Medikament besorgen, die Waffe oder was auch immer gewünscht ist. Man darf den Lebensmüden auch ins Ausland bringen. Hilfe zum Suizid ist bisher strafrechtlich kein wirkliches Problem.

Nur selbst aktiv töten, auch wenn’s verlangt wird, ist strafbar. Also selbst die Spritze setzen oder ein Kissen aufs Gesicht drücken, geht gerade nicht. Das bedeutet aber nicht, dass ein Arzt nicht auch ein schmerzlinderndes Medikament wie Morphium in hoher Dosierung geben dürfte, nur weil es dann eine lebensverkürzende Wirkung hätte. Das muss er sogar, wenn der Patient das will. Eine Verweigerung wäre – so verrückt das auch klingen mag – eine Körperverletzung, wenn der Patient deshalb Schmerzen erleiden müsste. Standesrechtliche Einschränkungen – so hat es zumindest das Verwaltungsgericht in Berlin gesehen – sind auf der Basis bestehender Regelungen jedenfalls nicht zulässig.

Einmal McDeath, bitte

Was die alte schwarz-gelbe Koalition vorbereitet hatte, war nur ein Verbot der kommerziellen Sterbehilfe, die wie folgt aussehen sollte:

§217 Gewerbsmäßige Förderung der Selbsttötung
Wer absichtlich und gewerbsmäßig einem anderen Gelegenheit zur Selbsttötung gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
Ein nicht gewerbsmäßig handelnder Teilnehmer ist straffrei, wenn der im Absatz 1 genannte andere sein Angehöriger oder eine andere ihm nahestehende Person ist.

Klingt so ähnlich wie der alte Kuppelei-Paragraf, wo es um die vorsätzliche Vermittelung und Beförderung der sogenannten Unzucht ging. Hier ginge es um ein kostenpflichtiges Rendezvous mit dem Tod. Der zweite Satz ist gesetzestechnisch natürlich höherer Blödsinn, weil der „nicht gewerbsmäßig handelnde Teilnehmer“ sich schon nach dem ersten Satz nicht strafbar machen würde. Ist aber egal, weil dieser Entwurf, wie vieles, was Schwarz-Gelb alles so machen wollte, nicht Gesetz geworden ist. Und auch die neue Koalition kommt hier auf keinen gemeinsamen Nenner. Die Union will weiterhin ein Verbot und eine Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Suizid-Beihilfe, die auch den ärztlich assistierten Suizid erfassen würde. Die SPD wollte dies aber nicht im Koalitionsvertrag festschreiben und schlug stattdessen Gruppenanträge vor. Die Rechtslage ist also bisher unverändert.

Dabei ist es schon eine seltsam anmutende Vorstellung, wenn sich rein kommerzielle Sterbehilfe-Unternehmen etablieren würden. Fänden Sie es nicht befremdlich, wenn Sie wie bei einer Pizza-Hotline eine Pizza Mortale, bei McDonalds einen McDeath ordern oder vielleicht einen Pauschalurlaub mit finaler Abschlussfete inklusive Seebestattung abschließen könnten? Oder wenn Sie von einem Callcenter aus angerufen würden, ob Sie schon mal über einen Suizid nachgedacht hätten, man habe da gerade eine Sonderaktion für Kurzentschlossene? Auf die Idee ist bisher glücklicherweise wohl noch niemand gekommen.

Das Thema verdient gerade vor dem Hintergrund der von Raddatz angesprochenen Menschenwürde eine ernsthafte, offene Diskussion. Es darf nämlich bezweifelt werden, dass jeder der 10.000, die sich erfolgreich getötet haben, das auch wirklich wollte. Ob viele nicht schlicht verzweifelt waren und keine Hilfe hatten. Wie viele davon haben sich in einer Kurzschlussreaktion befunden? Vor ein paar Tagen hörte ich vom Suizid eines 10-jährigen Schülers. Das war kein hoffnungslos kranker Mensch, sondern nur ein hoffnungslos verzweifelter, wie so viele. Das sind eben keine souveränen freien Bestimmer, denen man eventuell noch die Werbung eines kommerziellen Suizid-Konzerns ins Haus schicken könnte. Die hätten einfach nur Hilfe gebraucht und garantiert auch angenommen. Solche Menschen zum Opfer kommerzieller Suizid-Konzerne zu machen, wäre fatal.

Es gibt andere Wege

Wer ernsthaft, ohne Hoffnung auf Heilung, erkrankt ist, wird immer einen Arzt finden, der ihm beim Sterben hilft. Auch Herr Raddatz. Der Umweg über ausländische Vereine ist da gar nicht erforderlich. Wer „nur“ alt oder verzweifelt ist, dem sollten andere Wege aus der Not geöffnet werden. Vor nicht erwünschter Behandlung im Falle einer Erkrankung, die die Geschäftsfähigkeit beeinträchtigt, schützt eine Patientenverfügung, vor staatlicher Betreuung durch eine fremde Person eine Betreuungsvollmacht. Eine Kommerzialisierung des Suizids könnte so manchen Rentner unter Erwartungsdruck setzen, sich zu verabschieden, z.B. um den Kindern das Erbe zu erhalten, das ansonsten für ein Pflegeheim draufginge. Die drohende Altersarmut wird dieses bereits jetzt bestehende Problem wohl noch zusätzlich verstärken. Die Menschenwürde wir durch Armut mehr bedroht als durch Krankheit.

Ich bin nicht sicher, ob eine gesetzliche Einschränkung der Sterbehilfe auch nur einen einzigen Menschen vor dem Suizid bewahren würde. Falls der Gesetzgeber aber meint, unbedingt einen neuen Straftatbestand erfinden zu müssen, dann reicht es aber wohl, den ersten Satz des Entwurfs zu nehmen und den zweiten ersatzlos zu streichen oder aber den behandelnden Arzt ausdrücklich von der Strafbarkeit auszunehmen. Sonst müsste auch der beim Sterben helfende Arzt womöglich noch beweisen, dass er eine dem Patienten „nahestehende Person“ ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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