Mir sind Kopftuchmädchen lieber als Arschgeweihmädchen. Peter Gauweiler

Mehr Glück als Verstand

Die Uhr tickt unerbittlich. Ein Grund mehr, mal über die Zutaten des eigenen Glücks zu sinnieren. Eine Beobachtung aus dem Pflegeheim.

Sie lesen meine Kolumne an Heiligabend? Sitzen nicht vereint mit der Familie und einem spontan eingeladenem Obdachlosen bei Würstchen und Kartoffelsalat friedlich zusammen und schwelgen in Kindheitserinnerungen? Spüren nicht den Geist der Weihnacht, sondern nur den Weingeist? Singen oder hören keine Weihnachtslieder? Konnten das scheinheilige Getue und die künstliche Harmonie nicht mehr ertragen und treiben lieber durchs Internet? Immerhin sind Sie ja hier auf einer tendenziell seriösen Seite gelandet und nicht auf einem Einhandseglerportal. Nun, machen Sie sich nichts draus, auch dieses Fest geht irgendwann vorbei. Wie alles.

Ein paar Tage vor Weihnachten war ich als Verfahrenspfleger in einem psychiatrischen Krankenhaus. Geschlossene Abteilung. Eine Station mit überwiegend dementen Greisinnen und Greisen. Hohe Frauenquote, ganz ohne gesetzliche Regelung. Ich durfte etwas warten, beobachtete die Anwesenden und kam beim Zuschauen gehörig ins Grübeln.

Ich runzelte die Stirn

Der kleine alte Mann, der mit sanfter, aber beharrlicher Kraft seinen Rollator auf den Lenker stellte. Was hatte der denn vor? Er zog seinen Pullover aus und stand im Feinrippunterhemd vor den älteren Damen, die zum Teil aufmerksam und bewundernd zusahen, zum Teil scheinbar apathisch durch ihn hindurch starrten. Die Frage, warum er den Pullover ausgezogen habe, beantwortete er völlig logisch. „Weil ich den beim Bremsscheibenwechsel nicht versauen will.“ Ja, da haben Sie recht, antwortete ich. Zufriedenheit in seinem Blick.

Eine andere Patientin stellte den Rollator wieder auf die Räder, gab den Pullover zurück. Der Mann zog ihn wieder an und ging leicht vorgebeugt umher. Offenbar hatte er die imaginären Bremsscheiben wahlweise erfolgreich gewechselt oder schon wieder vergessen.

„Mit welchem Bus komme ich denn nach Jülich?“ Die gepflegte Dame fragte höflich. Ich wusste nichts von einem Bus und zuckte mit den Schultern. „Mit der 857“, antwortete hinter mir die Tochter einer anderen Patientin sofort. Die Fragestellerin wiederholte zufrieden „857, 857“. Ich runzelte die Stirn und schaute wohl etwas fragend. „Klare, einfache Antworten sind bei Dementen besser als der Hinweis, dass sie hier nicht raus können. Oder das man etwas nicht weiß. Hier fährt kein Bus.“ Ich nickte. Verstanden.

Sie sind bestimmt der Weihnachtsmann

Wird’s mir auch mal so gehen? Die Zeit, den Ort, die Namen der Kinder vergessen? All die Bücher, die ich gelesen habe? Von all der Musik, die ich im Laufe des Lebens gehört habe, bleibt nur noch „Hänschen klein“ und „Wie das Fähnchen“? Irgendwo eingesperrt, ohne echte Intimsphäre. Ohne das, was man für Verstand hält? Ist das nicht furchtbar? Ist das noch menschenwürdig?

Ich bin erstaunt. Meine Mandantin erkennt mich wieder. Vor drei Tagen hatten wir uns zum ersten Mal gesehen. Sie ist in den 1920er-Jahren geboren. Ihr Vater kümmere sich um sie, nein, der sei doch nicht tot. Wie ich so etwas behaupten könne, sagt sie leise tadelnd. Sie brauche keinen Anwalt, sie habe nie etwas verbrochen. Hier sei es sehr schön, sie sei doch hier im Urlaub. Sie spiele viel mit ihrer Katze. Katze im Krankenhaus? Schön wär’s.

Ich sei bestimmt der Weihnachtsmann, wegen der langen Haare und dem Bart, wirft eine andere Patientin im Vorbeigehen ein. Immerhin nicht wegen der Wampe, denke ich. Dass der Weihnachtsmann schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd trägt, scheint nicht zu stören.

Es sei ja bald Weihnachten, ich hätte bestimmt viel zu tun. – Stimmt zwar, aber ich fürchte sie denkt an Rentiere und Schlitten. Ich nicke. Sie freue sich über meinen Besuch. Ich nicke erneut freundlich zurück. Sie lächelt wissend.

Sie ist im Urlaub. Sie ist glücklich

Ja, natürlich sind die Eltern der Mandantin schon lange tot, ihre Katze ist nur ein geniales Demenzspielzeug, das auch maunzt und alles andere als lebendig. Aber in ihrer Welt leben ihre Eltern und ihr Kätzchen. Sie ist im Urlaub. Sie ist glücklich.

Ist das nicht das, was jeder von uns am meisten will? Glücklich sein? Und wie viele, die bei sogenanntem klaren Verstand sind, erreichen tatsächlich dieses Ziel? Wie viele Menschen brauchen legale oder illegale Rauschmittel und Medikamente, um wenigstens ab und an ein Glücksgefühl zu spüren, schalten also ganz bewusst ihren Verstand aus? Wie viele flüchten in virtuelle Welten? So wie Sie jetzt gerade hier im Internet? Hat Glück etwas mit Verstand zu tun?

Ich bin, soweit ich weiß, nicht der Weihnachtsmann, aber ich könnte wohl irgendwann damit leben, wenn ich es mal glauben würde. Muss jetzt nicht unbedingt so bald sein, aber wenn’s mal so käme, was soll’s. Es könnte ja auch wesentlich schlimmer kommen. Bei vollem Bewusstsein langsam und qualvoll an Krebs zu sterben, ist garantiert übler, als zurück in die Kindheit zu dürfen.

Wenn verständnisvolle Menschen um einen sind und Acht geben, dass man sich oder andere nicht verletzt. Genug isst und trinkt, nicht auf die Straße geht. Wenn man liebevoll mit allem versorgt würde. Ja, wenn. Qualifizierte, zugewandte Pflegekräfte sind wie Weihnachtsengel. Hüter des stillen Glücks für die, deren Geist schon in anderen Realitäten angekommen ist. Leider wird in Pflegeheimen viel zu oft am Pflegepersonal gespart. Zeit für Zuwendung fehlt aus Kostengründen. Ökonomische Zwänge. Minutengenaue Vorgaben. Gestresstes Pflegepersonal, Überforderung. Da wird die Pflege schnell zur Qual; für Pfleger und Gepflegte zur Hölle. Dann wäre es allerdings weniger schön, die letzten Jahre so zu verbringen. Da müssen wir aufpassen, alle. Wenn schon nicht aus Mitmenschlichkeit, dann wenigstens im eigenen Interesse. Die Uhr tickt unerbittlich.

So, nun will ich Sie aber nicht länger aufhalten. Das Leben ist kurz. Machen Sie sich jetzt glücklich und warten nicht darauf, dass andere das tun. Nutzen Sie einfach diesen Moment und lächeln mal. Hier und jetzt. Ich wünsche allen Lesern meiner Kolumne, ganz gleich, ob sie an etwas glauben oder nicht, „Frohe Weihnachten“.

Kann ja nicht schaden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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