Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

O'kotzt is

In München droht ein syrischer Asylbewerber mit seinem Freitod und erntet jede Menge Hass. Was ist da denn los?

Am Samstag, dem 5.10.2013 stieg ein syrischer Asylbewerber am Münchner Gärtnerplatz auf einen Kran und drohte, sich hinunterzustürzen. Es war derselbe Mann, der Ähnliches bereits im August getan hatte. Er wollte auf diese Weise ein Visum für seine sieben Kinder erzwingen. Nach einiger Zeit stieg er freiwillig wieder vom Kran. So weit, so gut. Ein Akt offenkundiger Verzweiflung, den die meisten Eltern wohl verstehen können. Eine versuchte Nötigung, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Sein Ziel wird er damit vermutlich eher nicht erreichen. Sie kennen das ja schon. Unser Staat ist ja nicht erpressbar, sofern es nicht um Banken geht.

Das ganze Drama wäre kaum kommentierenswert, wenn nicht die „Abendzeitung München“ darüber mehr oder weniger live berichtet hätte. Dabei ist es gar nicht mal der Bericht der „AZ“ selbst, der einem zu denken gibt, sondern die Reaktionen eines großen Teils der Leser. So richtig ging die Post oder besser die Posts ab auf der Facebook-Seite der „AZ“.

Hass auf Facebook

Ein A.M. schrieb: „7 Kinder und dann kommen noch 50 Verwante mit dazu…..NEEEEE!!! Soll er doch mal in der Schweiz nach Asyl fragen, die husten Ihm was.“ Ein C.H.: „Spring runter! Wenn nicht dann abschieben! Wer nach Deutschland kommt und schon gleich die erste Strafe begeht darf und soll nie in Deutschland leben dürfen!!!“ Eine M.F.: „Soll er machen, das liebe Deutschland soll sich um seine Bürger kümmern. Nicht um daher gelaufene Ausländer!“ Und ein B.P.: „Spring du zigeuner!!!!!“ Die Rechtschreibfehler ergeben sich aus den Originalstatements. Ähnliche und teilweise noch drastischere Kommentare blieben ebenso wie die zitierten von den Administratoren unbeanstandet über Stunden stehen.

Ist das die Willkommenskultur, von der manche unserer Politiker faseln, oder gilt die nur für qualifizierte, möglichst reiche Fachkräfte aus dem Ausland? Ist der Hass auf alles Fremde in unserer Bevölkerung wirklich so tief verwurzelt, dass man einem Flüchtling aus Syrien ernsthaft den Tod wünscht, nur weil er seine Kinder bei sich haben möchte? Wir reden über einen Syrer, also einen Menschen aus einem Land, in dem der Krieg Millionen aus ihrer Heimat getrieben hat. In dem Giftgas gegen Männer, Frauen und Kinder eingesetzt wird. In dem kaum ein Gebäude mehr ganz ist.

5.000 Syrer will die Bundesregierung aufnehmen. Popelige 5.000. Laut UNICEF gibt es etwa 4,2 Millionen Vertriebene innerhalb Syriens und 2,6 Millionen Flüchtlinge, die das Land verlassen haben. Die Türkei hat um die 400.000 aufgenommen, Libanon 720.000, also rund 20 Prozent seiner Bevölkerungszahl, Jordanien weit über 500.000 und auch Irak 155.000. Selbst das angeschlagene Land Ägypten beherbergt über 110.000 Flüchtlinge. Der Flüchtlingskommissar António Guterres sagte, Syrien sei „zur großen Tragödie dieses Jahrhunderts geworden, einer empörenden humanitären Katastrophe“.

Man braucht nicht viel zu trinken, um auch zu kotzen

Und da entblöden sich diese Menschen nicht, einem dieser Flüchtlinge, der nichts anderes will, als mit seinen Kindern zusammen zu sein, zu empfehlen, vom Kran zu springen? Was ist das für eine widerwärtige Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung? Gerade wird in München das Oktoberfest zelebriert. Gefressen, gesoffen und gekotzt.

Bei diesen menschenverachtenden Kommentaren braucht man nicht mal zu viel zu trinken, um auch zu kotzen. Ist Deutschland, das Land aus dem viele Menschen fliehen mussten, um ihr Leben zu retten und dass aus dieser Erfahrung heraus ursprünglich ein ernst zu nehmendes Asylrecht hatte, wirklich nur noch ein fremdenfeindliches Land? Ist Bayern nicht etwa, wie König Seehofer meinte, eine Pforte zum Paradies, sondern der Vorhof zur Hölle? Entsteht langsam und schleichend wieder ein rassistisches Deutschland auch außerhalb der NPD und der PRO-Bewegungen?

Immerhin gab es auch andere Kommentare, die diesen dumpfdeutschen Hasspredigern deutlich widersprochen haben. Denen schlecht wurde von dieser Unmenschlichkeit, die aus den Kommentaren sprach. Aber das waren nur wenige Rufer in der bräunlichen Wüste. Wäre schön, wenn mehr sich trauen würden und den „Arsch hoch“ bekämen. Vielleicht sind ja noch nicht alle diese Schwätzer unbelehrbar. Vielleicht kann man dem ein oder anderen den Spiegel vorhalten und er erkennt, dass diese Fratze ihn nicht zeigt. Versucht’s einfach mal. Auch wenn sie euch Gutmenschen schimpfen. Macht nichts. Tut gar nicht weh. Lieber 1.000-mal als Gutmensch verlacht werden, als einmal so ein Schlechtmensch zu sein.

Hauptsache, uns geht’s gut?

Nächstenliebe, Menschenrechte, Asylrecht, Teilen, Helfen? Fehlanzeige. Besitzstandswahrung um jeden Preis. Auch den eines toten Syrers. Oder Hunderter ertrunkener Afrikaner. Scheißt drauf. Hauptsache uns geht’s gut?

Ich weigere mich, diesen Ausländerhass als deutsche Eigenschaft zu betrachten. Ich weigere mich, mein schönes Land und dessen demokratische Verfassung den unmenschlichen Mitbürgern und ihrem blinden Hass zu überlassen. Offenbar gibt es ja mittlerweile kaum noch Hemmungen, gegen Menschen aus anderen Ländern zu hetzen. Offenbar wurde das in den vergangenen Jahren gesellschaftsfähig.

Da ist dieses „Man muss ja wohl noch sagen dürfen“. Nein muss man nicht dürfen. Und wenn der Ministerpräsident des Vorhofs zum Paradies – ein Mann, dessen Partei sich christlich nennt – diese widerwärtige Stimmung noch gezielt mit einer „Maut für Ausländer“ ausschlachtet, bekommt er eine absolute Mehrheit.

Dazu kann man nur noch sagen: „O’kotzt is. Gott mit dir, du Land, geh reihern.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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