Ich möchte nicht in erster Linie als Patient wahrgenommen werden. Wolfgang Bosbach

Hausfrauenaufstand

Birgit Kelles Buch demonstriert: Mütter brauchen endlich eine Lobby. Und dank der gut gelaunten Autorin könnte das sogar klappen.

In einem Blog zum Muttertag schrieb ich 2012 Folgendes:

Mütter werden in einem geradezu verfassungswidrigen Maße schamlos vom Staat über den Tisch gezogen und das, obwohl die Familie in Art. 6 GG unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht und – Mütter aufgepasst! – es in Art. 6 Abs. 4 GG sogar lautet: „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.“ Das steht da wirklich.

Und am Ende des Artikels:

Jedes Jahr an Muttertag frage ich mich, wann sehen die Mütter vor lauter Legosteinen einmal diese Ungerechtigkeit, wann stehen die Mütter endlich einmal auf, schmeißen ihre blöden Blumensträuße vor das Kanzleramt und den Reichstag und fordern ihr Recht? Sei es auf der Straße, sei es vor dem Bundesverfassungsgericht. Ich bin sicher, da geht noch was! Allen Müttern einen schönen Tag!

Doch die regelmäßig wiederholte Suche nach kampfeslustigen Müttern war lange Zeit vergeblich.

Das könnte sich jetzt ändern. Am 2.9.2013 erschien Birgit Kelles Buch „Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ Und damit könnten insbesondere Mütter und traditionelle Familien – sie erinnern sich? Vater-Mutter-Kinder – eine Stimme bekommen, die auch gehört wird.

Birgit Kelle, die unter anderem ebenfalls Kolumnistin bei The European ist, hatte bereits zu Beginn des Jahres mit ihrem Beitrag zu der vom „Stern“ losgetretenen Sexismusdebatte einen Gegenpol zum allgegenwärtigen #aufschrei gesetzt, der binnen kürzester Zeit zum „Social-Media-Phänomen des Jahres“) wurde.

Ihr auf diesem Beitrag basierendes Buch wird den „herrschenden“ Feministinnen ein schmerzender Dorn im Auge sein. Dabei ist die Bezeichnung „Anti-Feministin“ allenfalls in dem Sinne berechtigt, als sie klar benennt, wo der Feminismus kontraproduktive Folgen für die auch von ihr gewünschte Gleichstellung von Männern und Frauen entwickelt hat. Wo er über das eigentliche Ziel der Gleichberechtigung hinausgeschossen ist. Gleichstellung ja, gleiche Rechte ja, Gleichheitswahn nein.

Man muss keineswegs mit allem, was sie da in ihrer – wie eine Standarte vor sich her getragenen – Mutterglückseligkeit zum Besten gibt, einverstanden sein. Aber in einem Punkt hat sie vollkommen recht. Hausfrauen und Mütter werden immer noch als leicht dümmliche „Heimchen am Herd“, als „ungenutztes Potenzial“ für den Arbeitsmarkt, als überflüssiges Überbleibsel aus einer sterbenden Zeit belächelt. Und zwar viel weniger von den oder gar „ihren“ Männern, als von ihren fundamental-feministischen Geschlechtsgenossinnen.

Die kommen zwar auch nicht um die biologische Tatsache herum, dass es nun einmal – bisher jedenfalls – nur die Frauen sind, die Kinder bekommen können, halten es aber häufig für einen Verrat an der großen Frauenbefreiung, wenn manche Frauen sich dann auch selbst um ihre Kinder und sogar um den Haushalt kümmern wollen. Und das auch noch gerne, freiwillig und mit Freude. Wer Vater und Mutter in Elter1 und Elter2 umwandeln möchte, der wir sich auch bald was Neues für das Wort Gebärmutter ausdenken, wetten?

„Auf die Barrikaden mit euch!“

Dabei erklärt Birgit Kelle das Hausfrau- und Mutterdasein nicht, wie ihr gelegentlich unterstellt wird, zum alleinseligmachenden Zustand, den alle Frauen ausnahmslos anstreben müssten. Sie sieht vielmehr die von den Feministinnen propagierte Frauenfreiheit da in Gefahr, wo Müttern eingeredet wird, sie müssten sich neben oder statt der Kindererziehung auch noch zwingend in den Erwerbsprozess eingliedern lassen. Sie findet es hingegen völlig in Ordnung, wenn die Arbeitsteilung innerhalb der Familie dem tradierten Familienbild der Altvorderen entspricht.

Das mag auch daran liegen, dass sie persönlich in einer bisher stabilen Beziehung mit ihrem Mann lebt, und neben der Hausfrau/Mutter-Aufgabe auch noch einen erfüllenden Job als Journalistin und Autorin hat. Dass sie diese Tätigkeit für die Familie locker aufgeben würde, ist leicht gesagt. Ob das aber auf Dauer gut gehen würde? Nun ja, weiß ich nicht.

Mir sind im Laufe meines Anwaltslebens genügend Frauen begegnet, die genau an diesem rosaroten Traum kläglich gescheitert sind. Irgendwann waren die Kinder aus dem Haus und der liebe Mann blieb dann auch immer häufiger weg. Vielleicht doch ganz gut, wenn man dann wenigstens noch eine wirtschaftliche Alternative hat. Aber auch das bestreitet die Autorin gar nicht, die für ihre beiden Töchter genauso für eine qualifizierte Berufsausbildung streitet wie für ihre beiden Söhne.

Trotzdem hat Birgit Kelle damit recht, dass Mütter endlich eine Lobby brauchen. Dass sie es nicht nötig haben, sich von „hochsterilisierten“ (Bruno Labbadia) Karrierefrauen als minderwertig und dumm einstufen zu lassen. Dass ihre Entscheidung für ihre Lebensplanung genauso akzeptiert wird wie die der anderen, die andere Prioritäten setzen. Und dass sich Mutterschaft und Erziehungsarbeit auch finanziell und bei der Altersversorgung lohnen müssen, schon alleine, weil sie die Basis künftiger Steuer- und Rentenzahlung bilden.

Beim Ursprungsthema Sexismus leugnet Birgit Kelle nicht, dass es diesen gibt, grenzt aber deutlich von geschmackloser Anmache à la Brüderle ab. An ihrer These, mit George Clooney an der Hotelbar sei der Abend vielleicht anders verlaufen, könnte durchaus was dran sein.

In insgesamt 9 Kapiteln von Sexismus und Feminismus über „Genderwahn“, Frauenquoten, Abtreibung und Erziehungsfragen setzt sie sich mit Ungerechtigkeiten und Unsinnigkeiten des Männer/Frauen-Verhältnisses in Gesellschaft und Politik auseinander. Das klingt vielleicht trocken, ist es aber nicht. Mit viel Charme und jeder Menge Leidenschaft streitet Kelle für Frauen, Mütter und – ja auch das – für Männer. Das schwächste Kapitel des Buches ist das Abtreibungsthema, das am ehesten den Lohmännern unter der Lesern gefallen dürfte. Hier werden abtreibende Mütter in die Nähe von Mörderinnen gerückt. Aber was soll’s. Man muss ja nicht bei jedem Thema übereinstimmen.

So sieht das auch Kelle:

„Wir brauchen keine Gesellschaft, in der alle gleich sind, das Gleiche wollen, das Gleiche denken und das Gleiche anstreben. Wir brauchen die Freigeister, die Gegen-den-Strom-Schwimmer, die schwarzen Schafe, die Individualisten, die Träumer, die Visionäre, die Widerständler und auch ein paar Wahnsinnige im besten Sinne. Das Private ist nicht politisch, es ist und bleibt privat.“

Da hat sie wohl recht. Und der an Eltern gerichtet Aufruf „Auf die Barrikaden mit euch!“ macht deutlich, dass wir es hier keineswegs mit einer angepassten, dumpfen Traditionalistin zu tun haben, die nicht hinter dem Herd hervorkommt, sondern mit einer echten „Mutti“. Und dass heutzutage Frauen, die so bezeichnet werden, gnadenlos für ihre Interessen kämpfen, wissen wir ja.

Wenn das statt mit heruntergezogenen Mundwinkeln und Hosenanzügen auch mit einem strahlenden Lächeln, einer nicht komplett geschlossenen Bluse, oder wie zuletzt auf einem bei Facebook geposteten Foto im Brüderle-Dirndl und mit schönen Beinen geschieht – Sexismusmodus aus – also, wenn so ein privat-politisches Manifest gut gelaunt, humorvoll, bissig und unterhaltsam daherkommt, dann sind das die besten Voraussetzungen für einen Bestseller.

Der Geschlechter-Debatte würde es gut tun.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz: Null Toleranz

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