Homestories sind nicht mein Ding. Helge Schneider

Tödlicher Schwanzvergleich

Junge Raser gefährden durch illegale Autorennen Leib und Leben aller Verkehrsteilnehmer. Werden sie geschnappt, kommen sie oft zu billig weg. Wirklich helfen würde dagegen: Mehr Personal, mehr Personal, mehr Personal!

Am 10. Juli 2015 starb ein 26-jähriger Radfahrer bei einem Unfall in Köln. An sich nichts Besonderes, wenn er nicht bereits das dritte Opfer in diesem Jahr gewesen wäre, das aufgrund eines privaten Autorennens ums Leben kam. (Einzelheiten hier)

Schnelles Autofahren hat in Deutschland eine lange Tradition. „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist in den Köpfen vieler Autofahrer als ehernes Gesetz so fest verankert, dass sie schon im normalen Alltagsverkehr keinen Grund sehen, sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten. Ordnungsgemäßes Tempo einzuhalten, ist was für Weicheier. Für eine Kolumne zum Blitzertag durfte ich mir einiges an geharnischter Kritik anhören.

Speziell in Köln kommt aber zu dem ganz normalen Geschwindigkeitswahn seit geraumer Zeit ein lebensgefährliches Verhalten überwiegend junger Raser durch illegale Autorennen dazu, die die Polizei offenbar nicht in den Griff bekommt. Während PS-begeisterte Vollidioten sich andernorts in Deutschland überwiegend nachts auf Autobahnen Rennen liefern, brettern sie in Köln ohne Rücksicht auf Verluste mitten durch die Innenstadt. Dass dabei unbeteiligte Verkehrsteilnehmer in Lebensgefahr geraten und auch zunehmend Todesopfer zu beklagen sind, scheint diese Raser zumindest nicht zu stören. Vielleicht finden sie das auch gerade geil.

Bußgeld ist billiger als ein Satz neuer Alufelgen

Die Folgen solcher Irrsinnstaten sind bisher verhältnismäßig harmlos. Vielleicht viel zu harmlos, um abschreckend zu wirken.

Zunächst mal sind Rennen mit Kraftfahrzeugen nach § 29 Abs. 1 Straßenverkehrsordnung grundsätzlich und ausnahmslos im öffentlichen Straßenverkehr verboten. Nach Nr. 248 der Bußgeldkatalogverordnung gibt es als Regel-Bußgeld dafür allerdings nur einen lächerlichen Betrag von 400 Euro – also deutlich weniger als ein Satz Alufelgen – und einen Monat Fahrverbot. Warum nicht deutlich mehr?

Für ihre automobilen Schwanzvergleiche greifen die Raser doch auch ordentlich in die Tasche. Da fährt keiner mit einem alten R4.

Ein Rennen fährt man nicht einfach so aus Unachtsamkeit, wie man eventuell einmal zu schnell fährt, weil man in Gedanken war. Ein Rennen kann man nur vorsätzlich fahren. Und ein Rennen ist potenziell immer eine Gefahr. Für einen selbst und für andere Verkehrsteilnehmer. Wer sich an einem Rennen beteiligt, weiß, dass er Leib und Leben anderer gefährdet, auch wenn er meint, er sei der beste Autofahrer der Welt und habe seine Karre im Griff. Pustekuchen. Wer am Ende stirbt, sind meist andere Menschen und nicht die Fahrer.

Need for Speed? Lappen weg und Feierabend!

Wer sich an einem derart gefährlichen Irrsinn beteiligt, sollte umgehend aus dem Verkehr gezogen werden. Wer glaubt, er müsse „Need for Speed“ nicht nur auf der Playstation oder X-Box, sondern im realen Leben spielen, hat mindestens ein Rad ab und dürfte nicht über die notwendige geistige Eignung zum Autofahren verfügen. Weg mit dem Lappen und Feierabend. Neuerteilung erst nach geraumer Sperre und zwingender MPU. Da hätte der Begriff Idiotentest mal wirklich seine Berechtigung.

Solange zufällig mal niemand ums Leben kommt, aber Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet werden, gäbe zwar der § 315c StGB die Möglichkeit zur Verhängung einer Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren. Aber dass die tatsächlich einmal verhängt worden wäre, ist mir nicht bekannt.

Kommt ein Mensch ums Leben, wird das als fahrlässige Tötung gewertet, die aber auch nur maximal 5 Jahre bringen kann. Auch die habe ich im Zusammenhang mit illegalen Rennen noch nicht gesehen. Einen Tötungsvorsatz wird man selten nachweisen können, obwohl es ja auch Spiele geben soll, wo man für das Überfahren eines Fußgängers extra Punkte erhält.

Strafe bleibt Reaktion: Wie kann man die Raser wirklich stoppen?

Der BGH hatte bereits 2008 angemahnt, bei der Bestrafung von Rennfahrern auch generalpräventive Gründe zu berücksichtigen. Und das, obwohl es in diesem Fall „nur“ um den Tod eines Beifahrers ging, also eines Menschen, der sich selbst und völlig freiwillig an einem Rennen beteiligt hatte. Warum sollte da, wenn ein völlig Unbeteiligter stirbt, nicht auch einmal die Höchststrafe berechtigt sein können?

Aber die strafrechtliche Aufarbeitung solcher Rennen ist ja bis auf die Abschreckungswirkung der Strafe nur Reaktion. Noch interessanter und wichtiger scheint mir die Frage zu sein, wie man diese Todraser stoppen kann.

Die Gewerkschaft der Polizei meint, mit einer PS-Obergrenze von 136 PS für junge Fahrer. Ob das groß was bringt, weiß ich nicht. Auch mit 136 PS kann man lebensgefährliche Rennen fahren.

Die Umgestaltung der beliebten Rennstrecken durch den Einbau von Pollern und Schikanen ist problematisch, weil sie auch Fahrzeuge, die tatsächlich mal was schneller fahren müssen, wie Rettungswagen und Feuerwehr, ausbremsen. Mit dem RTW über Bodenwellen zu holpern ist für den Kranken kein Vergnügen.

Die Stadt Köln will jetzt vermehrt blitzen. Ja, im Prinzip eine gute Idee. Allerdings werden die Rennfahrer sich vorher ansehen, ob auf ihrer Strecke ein Blitzer steht.

Die Straße darf nicht zur No-Go-Area werden

Vermutlich wird man dem Problem nur Herr, indem man zum einen auf die Szene, deren Treffpunkte ja keine Geheimnisse sind, zugeht und wenigstens versucht, ein Problembewusstsein zu wecken, und zum anderen massive Polizeipräsenz zeigt. Ja, und da wird mal wieder der Hund begraben liegen.

Als ich vor ein paar Wochen einen Polizeibeamten ausdrücklich dafür lobte, dass er morgens vor unserer Haustüre in der 30er-Zone mit der Laserpistole einen Raser nach dem anderen „abschoss“ und ihm den Tipp gab, einmal nach 18 Uhr zu messen, weil da noch wesentlich schneller gerast würde und man kaum lebend die Straße überqueren könne, meinte er bedauernd: „Das wissen wir, aber um die Zeit sind wir zu dünn besetzt.“

Leider dürfte das zutreffend sein. Bei der Justiz sieht es auch nicht viel besser mit der Personalausstattung aus. Die Verfahren hängen bis zur Verhandlung gut ab. Und diese Unterbesetzung von Polizei und Justiz mag zwar den Landeshaushalt entlasten, sie gefährdet aber die Sicherheit – nicht nur im Straßenverkehr. Auch das Entstehen sogenannter No-Go-Areas hat etwas damit zu tun. Es darf in Deutschland keine rechtsfreien Räume geben. Weder in Stadtvierteln noch auf den Straßen.

Mehr Personal statt neuer Technik

Wenn die Politik mehr Sicherheit will, fantasiert sie in erster Linie von Vorratsdatenspeicherung und technischen Lösungen. Diese Vorschläge haben den Charme, dass sie nicht viel kosten, allerdings den Nachteil, dass sie auch nicht viel bringen.

Was wir brauchen, sind viel mehr gut ausgebildete Polizeibeamte und gut sichtbare Polizisten auf der Straße. Und wenn es eine ausreichende Zahl ist, dann dürften die auch weniger gestresst durch ewige Überstunden sein. Dann würden auch Übergriffe durch Polizeibeamte weniger werden.

Ja, das kostet, auch Sie. Aber es kostet Sie nicht Ihr Leben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Verkehr, Polizei, Unfall

Kolumne

Medium_a128672c40
von Alexander Görlach
26.03.2015

Kolumne

Medium_aa7d3091a0
von Alissia Passia
05.01.2014

Debatte

Unwort Radiuskopf

Medium_d2f96e8acd

Was für eine Knochenarbeit

Wenn sie den Namen eines weitgehend unbekannten Knochens in ihrem Skelett tausendmal hersagen müssen, weil sie den Fehler gemacht haben, sich ihn zu brechen, ist eigentlich klar, was ihr Unwort des... weiterlesen

Medium_a128672c40
von Alexander Görlach
10.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert