Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade. Arthur Schopenhauer

Die Petry und ihr Saftladen

AfD-Sprecherin Petry wird zum Opfer linksextremer Gewalt. Dann doch nicht. Wie die AfD aus Fruchtsaft und einem Kippeltisch einen Angriff auf die Meinungsfreiheit inszeniert.

„Dieser brutale Versuch, die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken, ist niederträchtig. Diese Tat zeigt erneut, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost wird und offenbart das pervertierte Demokratieverständnis der linksradikalen Szene.“

Diese Zitate las ich am 27.5.2015 auf der offiziellen Facebookseite von Frau Dr. Frauke Petry. Auf dem dazugehörigen Foto sah man die strahlende AfD-Frau und weiß auf himmelblau geschrieben: „Gewalttätiger Angriff auf AfD-Sprecherin Frauke Petry“.

Wie furchtbar, dachte ich, ein politisches Attentat auf eine adrette, deutsche Politikerin. Mutter von vier Kindern. Grauenhaft. Schäuble, Lafontaine, Dutschke erschienen in ihrem Blut vor meinem Auge. Ich verabscheue brutale Gewalt, egal aus welcher Ecke und aus welchem Grund. Hoffentlich geht es der armen Frau gut.

Es klang ja auch alles recht dramatisch, was da so gepostet wurde:

„Die AfD Sprecherin Frauke Petry wurde heute im Rahmen eines Gesprächstermins in einem Göttinger Restaurant von mehreren Vermummten angegriffen. Die Täter stürmten in das Restaurant und attackierten die Politikerin mit Farbbeuteln. Dabei skandierten die Angreifer linksextreme Parolen und Beleidigungen. Darüber hinaus entstand erheblicher Sachschaden. Es wurde Anzeige gegen unbekannt erstattet. Der Staatsschutz ermittelt.“

AfD-Anhänger und ihre Gewaltfantasien

Na ja. „Attackierten die Politikerin mit Farbbeuteln“ klang schon mal nach etwas weniger gewalttätig. Nicht schön und je nachdem, wo einen die Farbe erwischt, zum Beispiel im Auge – oder wenn es fünf Kilogramm schwere Farbbeutel oder gar Beutel mit getrockneter Farbe sind. Ach, die arme Frau Petry. Brutal diese Linken, oder wie manche AfD-Anhänger schrieben, diese Linksfaschisten, diese linke SA. Gut, dass sie nicht der r/echten, sondern nur der linken SA in die Finger gefallen ist.

Und unter dem Post des Opfers entbrannte ein regelrechter Wettkampf um die richtigen Strafen für diese linken Chaoten, von denen man unter AfD-Anhängern ja weiß, dass sie vom System finanziert werden. Ein Petry-Jünger wollte sie ins Arbeitslager sperren, ein anderer gleich erschießen. Immerhin wurden diese Kommentare dann irgendwann einmal von der Wall entfernt. Geht ja auch nicht bei einer hoch demokratischen Volkspartei. Andere Ideen blieben länger stehen. „Bitte jeden Linken den ihr auf der Straße trefft zusammenschlagen und nicht bei denen kaufen. TOT DER ANTIFA“ (es handelt sich um die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung; Screenshot vorhanden).

Neben der Frage, woran man Linke auf der Straße erkennt, was man bei Linken normalerweise so kaufen kann – Drogen, Molotowcocktails, Pflastersteine, „Das Kapital“, linksdrehende Joghurtkulturen, The European –, hatte ich Schwierigkeiten mit dem Slogan „TOT DER ANTIFA“. Aber irgendeinen Sinn wird das wohl haben.

Petry-Heil? Steht noch auf der Kippe

Ich sorgte mich immer noch um das körperliche Heil von Frau Petry, also das Petry-Heil – als der Post auf ihrer Seite geändert wurde:

Korrektur der Pressemitteilung vom 28.05.2015
„Es handelte sich bei der Attacke auf Frauke Petry in einem Restaurant in Göttingen nicht um Farbbeutel. Das war in der Gemengelage und aufgrund der farbigen Flüssigkeit nicht sofort definierbar. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich um Fruchtsaft handelte, mit dem sie überschüttet wurde.“

Na gut. Dass man Wahrnehmungen definieren kann, wieder was gelernt. Dass man farbige Flüssigkeit nicht von Farbbeuteln unterscheiden kann, kommt vor. Solche Beutel sind ja auch kaum erkennbar, wenn jemand mit Flüssigkeit wirft. Mein umgehender Versuch, den Inhalt einer Sprudelwasserflasche ohne Flasche und ohne Beutel im Wohnzimmer nach meinem Hund zu werfen, scheiterte kläglich. Nasse Hand, nasses Hemd, aber mein Hund hatte von meinem Terroranschlagsversuch gar nichts mitbekommen. Ein zweiter Versuch mit Fruchtsaft klappte auch nicht. Immerhin sah er mich da mitleidig an.

Irgendwas war da faul. Dabei muss man ja davon ausgehen, dass es dem Pressesprecher der AfD nicht an Mut zur Wahrheit mangelt. Das ist bei denen ja Programm.

Die Lügenpresse reagierte mittlerweile und sprang pflichtgemäß übers Stöckchen. Man will sich ja nicht sagen lassen, dass man wichtige Meldungen der AfD unterdrücke. Also mal ungeprüft ins Netz damit. Eigene Recherche? Wozu. Nach kurzer Zeit fanden sich bei Google über 100 Presseartikel. Alle mit nahezu identischem Inhalt. Kennt man ja. Das ist diese gleichgeschaltete Systempresse. Die Lügenpresse. Ach nee, in diesem Fall hatten alle nur das weitergegeben, was AfD-Pressesprecher Christian Lüth ihnen erzählt hatte. 100 Mal was von einem gewalttätigen Angriff auf Frau Petry. Besser kann es für einen Pressesprecher eigentlich nicht laufen.

Saftglas verschüttet

Und irgendwann am Mittwoch nahm dann die Polizei tatsächlich die Ermittlungen auf. Nach deren Angaben hatte sie niemand von der AfD gerufen. Sie hatten von dem Anschlag im Internet gelesen. Die Polizei versuchte, den Vorfall aufzuklären. Sie suchte nach Spuren und vernahm Zeugen. Sagt sie selbst. Aber plötzlich klang das ganz anders:

„Aktuellen Erkenntnissen zufolge betraten im Anschluss an eine junge Frau gegen 16.00 Uhr vermutlich fünf bis sechs weitere Personen das Café. Es kam zu einem Wortgefecht, bei dem der Tisch, an dem Frau Petry und der Journalist saßen, aus bislang noch ungeklärten Gründen plötzlich kippelte [#kippelgate; Hashtag des Autors], aber nach derzeitigem Stand nicht umstürzte. Dabei fielen die auf dem Tisch stehenden Gläser, darunter eines mit Fruchtsaft, und ein gläserner Kerzenhalter auf den Boden. Der ganze Vorfall soll sich nach Zeugenangaben blitzschnell und innerhalb von kürzester Zeit abgespielt haben. Unmittelbar danach habe die Personengruppe das Lokal wieder verlassen.“

Bisher sieht es demnach so aus, als sei Frau Petry weder mit einer Flüssigkeit, geschweige mit Farbbeuteln beworfen worden, noch zu Boden gegangen oder gar irgendwie körperlich attackiert worden. Opfer des Anschlags waren ein unschuldiger gläserner Kerzenhalter und ein paar nicht minder unschuldige Gläser – von denen eines immerhin gefährlichen säurehaltigen Fruchtsaft enthielt. Ob dieser Fruchtsaft Frau Petrys Kleidung benetzt hat? Man weiß es nicht. Wenn das die „linksextreme Gewalt“ ist, gegen die diese bösen Altparteien in Deutschland nichts unternehmen, dann bin ich sehr beruhigt.

Wer rüttelte da an Petrys Tisch?

Der Tisch hat zwar gekippelt, dem massiven Angriff der antifaschistischen Terrorgruppe – der nur wenige Sekunden gedauert haben soll – aber standgehalten. Vermutlich deutsche Eiche. Ach nee, kann auch nicht sein. Die stört ja nicht, wenn eine antifaschistische rot-grüne Sau sich an ihr kratzt. Also vermutlich Pressspan.

Wie Frau Petry auf die Idee kommt, das sei ein brutaler „Versuch, die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken“, ist mir schleierhaft. Sie gab in dem Lokal ein Interview. Die sekundenlange Unterbrechung dürfte nicht länger gedauert haben als die Bestellung der Tatwaffe Fruchtsaft.

Leider hat sich die Polizei noch nicht dazu geäußert, welcher Art das Wortgefecht war und ob es tatsächlich beleidigend war. Die Frage „Sind Sie Frau Petry?“ mag zwar für viele Frauen mit Kurzhaarfrisuren extrem beleidigend sein, für sie selbst sollte das aber eigentlich nicht zutreffen.

Wahrheit plus Mut!

Sollte tatsächlich jemand „Nazis raus“ gerufen haben, dann darf die Polizei die heiße Spur zu Bernd Luckes „Weckruf 2015“ nicht verschmähen, inhaltlich sagt der nichts anderes. Und da ist verdächtigerweise auch schon von Rütteln die Rede. „Gemeinsam können wir die Mitglieder aufrütteln, die weniger als wir in der täglichen Arbeit der Partei erleben, was die Partei gefährdet.“

Vermutlich wird die AfD versuchen, auch weiterhin aus dieser Lappalie einen antifaschistischen Gewaltakt herbeizudichten. Das „Mut zur Wahrheit“ bedeutet vermutlich, dass man die Wahrheit nimmt und dann eine Portion Mut dazugibt.

Mehr Tischler als Personenschützer!

Angesichts der extremen Gefährdung von Frau Petry sollte diese künftig die Standfestigkeit von Kneipentischen durch ein patriotisches Vorauskommando sichern lassen und Mitgliedern der JA die Chance geben, sich als Security zu profilieren. Bierdeckel helfen. Vielleicht sollte sie auch auf das Angebot eines Anhängers eingehen, ihr eine Waffe zu beschaffen. Ein individueller Personenschutz, wie Spitzenpolitiker ihn haben, steht ihr wohl nicht zur Verfügung.

Ihr Pressesprecher – oder heißen die bei der AfD konsequenterweise Lügenpressesprecher? – hat alles richtig gemacht und sich im Falle einer Regierungsbeteiligung schon mal als Regierungssprecher qualifiziert. Die Idee, er habe sich mit seiner, nennen wir es mal ausschmückenden, Darstellung des Vorfalls des Vortäuschens einer Straftat verdächtig gemacht, ist übrigens abwegig. Da muss man nach § 145d StGB schon wider besseres Wissen einer Behörde oder einer zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Stelle etwas vormachen. Und das hat er ja nicht getan. Der Presse und den Bürgern etwas vom Pferd zu erzählen, ist hingegen nicht strafbar, das machen ja alle. Blöd nur, wenn es so schnell auffällt.

Früher hätte man gesagt, diese rotgrünversiffte und völlig überflüssige Kolumne interessiert mich so viel, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt, künftig heißt es wohl, so wenig, wie wenn in Göttingen ein Tisch kippelt.

P.S. Selbstverständlich ist eine exponierte Politikerin wie Frau Dr. Petry auch ernsthaft gefährdet und sollte sich um entsprechenden Schutz kümmern. Dass niemand da war, der die ungebetenen Besucher von ihrem Tisch weg halten konnte, ist schon fahrlässig naiv. Das rechtfertigt aber nicht, eine Lappalie zum Terroranschlag aufzubauschen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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