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Zeugennöte

Wer als Zeuge vor Gericht geladen wird, hat keine Wahl. Mitunter kann es ziemlich gruselig sein. Es gilt jedoch, einige wichtige Regeln zu befolgen.

Es war ein seltsames Gefühl. Obwohl ich beruflich fast jeden Tag bei einem Gericht und in irgendeiner Verhandlung herumgesessen hatte, fühlte ich mich unwohl. Ich war Zeuge. Es ging nur um eine kleine Betrugssache, ein Mandant hatte mich beauftragt, seine Zahlungsfähigkeit vollmundig versichert, und dann nicht gezahlt. Konnte er auch nicht, weil er zum Zeitpunkt der Beauftragung schon „die Finger gehoben“ hatte und völlig pleite war.

Da die Beauftragung erst ein paar Stunden vor seinem Termin erfolgte, hatte ich dummerweise auf einen Vorschuss verzichtet. Die Sitzung verlief ganz normal, ich erzählte die Geschichte, wie sie abgelaufen war. Und dann kam die Überraschung, der Vorsitzende sagte, der Angeklagte habe behauptet, mir mein Honorar vor dem Termin in einem Briefumschlag „schwarz“ zugesteckt zu haben. Das war zwar absoluter Unfug, aber erst mal blieb mir die Spucke weg. Schön dreist, der Vogel. Ich war ganz schön sauer über diese Lüge. Nun, am Ende der Sitzung wurde der Angeklagte verurteilt, weil das Gericht mir und nicht dem Angeklagten geglaubt hatte. Er ging in Berufung, das Ganze wiederholte sich – und es blieb bei der Verurteilung. Obwohl das über 20 Jahre her ist, vergesse ich das merkwürdige Gefühl, den Fragen der Prozessbeteiligten ausgesetzt zu sein, bis heute nicht.

Die Rolle als Zeuge in einem Strafprozess ist in der Regel alles andere als prickelnd. Der Durchschnittsbürger erlebt das auch nicht allzu häufig, aber niemand ist davor gefeit, als Zeuge geladen zu werden. Unsicherheit oder gar Angst lassen den ein oder anderen schon vorher nicht gut schlafen. Es ist wie eine Prüfung, bei der man gar nicht weiß, was geprüft werden soll.

Es klingt zwar so, ist aber nicht einfach

Wer als Zeuge vor Gericht geladen wird, muss da hingehen. Nur bei wahnsinnig wichtigen Terminen wie Abitur- oder Gesellenprüfungen, Hochzeit oder Beerdigung von ganz nahen Verwandten kann man auf eine Terminverlegung hoffen. Arbeitsunfähigkeit ist kein Grund, nicht zu erscheinen, man müsste schon verhandlungsunfähig sein. Wer ohne ausreichende Entschuldigung einfach nicht kommt, kann schon mal die Kosten der Verhandlung auferlegt bekommen, wenn man ohne ihn nicht zurechtkommt und deshalb ein neuer Termin bestimmt werden muss. Das kann teuer werden, wie in einem Fall, in dem ein Zeuge aus Moskau angereist war, dessen Flug- und Übernachtungskosten der nicht erschienene Zeuge ans Bein gebunden bekam. Unter Umständen wird man zum nächsten Termin dann auch von der Polizei vorgeführt. Gar nicht lustig, wenn die einen frühmorgens aus dem Bett scheuchen und mit dem Streifenwagen mitnehmen. Immerhin verzichten sie meistens auf Handfesseln.

Es klingt ja so einfach. Als Zeuge müssen Sie nur die Wahrheit sagen, nur das, an das Sie sich erinnern, nichts weglassen und nichts hinzufügen. Es ist aber nicht einfach. Auch ohne jetzt darüber zu philosophieren, was denn überhaupt Wahrheit ist und dass es uns gar nicht möglich ist, diese mit unseren beschränkten Sinnesorganen zu erfassen, wird es schwierig genug. Die Problematik des Erinnerns hatte ich in dieser Kolumne schon einmal erläutert. Verkürzt könnte man sagen, man nimmt nur wahr, was man wahrnehmen will und man erinnert sich auch auf völlig subjektive Weise.

Der Kinderglaube, dass derjenige, der bei einem Ereignis anwesend war, sich zutreffend an das Ereignis erinnern können müsse, ist ja nicht auszurotten. Ich persönlich verfüge über ein sehr schlecht ausgeprägtes Erinnerungsvermögen, vielleicht weil Dinge, die in der Vergangenheit liegen und für mich abgehakt sind, mich nicht weiter interessieren. Andere erinnern sich an Details, auf die ich schon in dem Moment der Wahrnehmung gar nicht gesehen habe. Was jemand an hatte, kann ich nie erinnern. Manche Zeugen, okay meistens sind es Zeuginnen, können sogar die Marke der Kleidung erinnern.

Es kann ganz schön gruselig sein

Wenn Sie nun als Zeuge vor Gericht stehen, sollten Sie versuchen, wirklich nur das zu sagen, bei dem Sie sich ganz sicher sind, dass das Ihre eigene Wahrnehmung ist. Ansonsten sagen Sie ruhig bei jedem Satz dazu, dass Sie sich da nicht ganz sicher sind. Von Ihrer Aussage hängt unter Umständen ab, ob ein Mensch verurteilt wird. Da wäre es doch schön, wenn das auch der richtige wäre.

So richtig nervös werden Zeugen häufig, wenn sie von einem Verteidiger befragt werden. Wenn Sie sich bewusst machen, dass der Verteidiger nur seinen Job macht, kommen Sie vielleicht etwas besser damit klar, dass er Ihre Aussage mit seinen Fragen zu zerlegen versucht.

Wenn Sie immer nur bei der Wahrheit geblieben sind, kann Ihnen das aber herzlich egal sein. Es kann ihm dann nicht gelingen. Kleine Lügen wird er aber gnadenlos entlarven und Ihre gesamte Aussage damit unglaubhaft machen. Vielleicht wird er auch versuchen, Sie zu provozieren, damit Sie austicken und etwas Unbedachtes sagen, vielleicht versucht er Sie oder Ihre Aussage lächerlich zu machen, kann alles passieren. Besonders anstrengend ist es, wenn man als Zeuge in einem sogenannten Umfangsverfahren mit vielen Angeklagten und dann zwangsläufig noch mehr Verteidigern und eventuell auch noch Nebenklägervertretern sitzt. Da kommen dann nicht nur zwangsläufig mehr Fragen auf den Zeugen zu – schon alleine, weil ja jeder Verteidiger was für sein Geld tun will – es kann auch sein, dass die anwesenden Verteidiger untereinander besondere Strategien abgesprochen haben. Es gibt da sehr unterschiedliche Charaktere und derjenige, der Sie ganz ruhig und leise befragt, kann gemeiner sein als der Polterer. In politischen Verfahren treten auch häufig Szeneanwälte auf, die unter Umständen politisch mit ihren Mandanten in einem Boot sitzen und deshalb den Zeugen von vorneherein oft unheimlich sind.

Es kann aber auch ganz schön gruselig sein, wenn man bereits auf dem Weg zur Vernehmung an einem vollständig erschienenen Motorradclub in Kutten vorbei muss, der zur moralischen Unterstützung ihres Mitglieds schon früh am Morgen mit sonorem Motorengeräusch zum Gericht gefahren ist und jetzt höhnisch grinsend den Flur und den Sitzungssaal bevölkert.

Zeugen sind oft geneigt, Erwartungen zu erfüllen

Wenn Sie sich allzu unsicher sind oder Angst haben, können Sie auch als Zeuge jederzeit einen Anwalt als Zeugenbeistand beauftragen, der sich dann neben Sie setzt und zumindest versucht, Ihnen unzulässige Fragen vom Hals zu halten. Das ist manchmal sinnvoll, weil einige Richter auch ziemlich seltsame Fragen nicht beanstanden, um sich nicht einem Befangenheitsantrag der Verteidigung auszusetzen. Außerdem kann einem Zeugen auch ein Anwalt auf Kosten des Staates beigeordnet werden, wenn für das Gericht ersichtlich ist, dass er seine Befugnisse bei der Vernehmung nicht selbst wahrnehmen kann und seinen schutzwürdigen Interessen auf andere Weise nicht Rechnung getragen werden kann. Das kommt gar nicht mal so selten vor. Es bewahrt häufig vor einer mehr oder weniger unbeabsichtigten Falschaussage.

Wenn ein Zeuge tatsächlich ernsthaft gefährdet ist, kann ihm auch gestattet werden, seinen Wohnort oder seine Identität nicht öffentlich anzugeben oder unter ganz engen Bedingungen auch, seine gerichtliche Aussage nicht in Anwesenheit des Angeklagten oder in öffentlicher Verhandlung machen zu müssen.

An all dem lässt sich leider nicht viel ändern. Zwar kann der Vorsitzende im Rahmen der Sitzungsleitung einzelne Fragen als unzulässig unterbinden und bei einem offenkundigen Missbrauch des Fragerechts dem Fragenden auch dasselbe entziehen. Bis das aber geschieht, muss wegen der hohen Bedeutung des Fragerechts schon einiges passieren.
Versuchen Sie als Zeuge einfach nur die gestellten Fragen zu beantworten oder, wenn Sie das nicht können, deutlich zu machen, dass Sie das nicht können. Das nimmt Ihnen niemand übel. Zeugen sind oft geneigt, Erwartungen zu erfüllen. Das brauchen Sie nicht. Sie bekommen weder einen Orden noch ein Fleißkärtchen.

Als Zeuge sind Sie nicht auf Sinnsuche

Wenn Sie eine Frage nicht verstehen, fragen Sie nach. Ich erinnere mich daran, dass eine grenzdebile Zeugin, die von ihrem beinamputierten Vater jahrelang sexuell missbraucht worden war, auf die Frage der Vorsitzenden, ob es jedes Mal zum Coitus gekommen sei, nur mit einem „Hä?“ antwortete. Die Frage nach „Geschlechtsverkehr“ kam ebenfalls nicht richtig bei der Zeugin an, sie blieb bei ihrem „Hä?“. Erst als der Verteidiger mit Zustimmung der Vorsitzenden die Frage übernahm und diese für die Zeugin verständlich mit „Hätt dä dich jedes Mol jefick?“ (Hat der Dich jedes mal gefickt?“) stellte, strahlte sie und konnte diese Frage beantworten. „Jedes Mol, wenn er et Been affjeschnallt hät.“ (Jedes Mal, wenn er das Bein abgeschnallt hat.)

Ob Sie den Sinn einer Frage verstehen, ist unerheblich, wenn Sie denn die Frage selbst verstehen. Als Zeuge sind Sie nicht auf Sinnsuche.

Ein Kollege hielt einmal während der Vernehmung einer Zeugin eine Faust in die Luft und fragte: „ Wie viele Finger können Sie sehen?“ Die Zeugin war irritiert, fragte, was die Frage solle, und holte eine Brille mit mindestens 15 Dioptrien aus der Handtasche. Damit war die Identifikation des Angeklagten, den diese nachts von ihrem Schlafzimmerfenster aus in 25 Metern Entfernung ohne ihre Brille erkannt haben wollte, gestorben.

Zickige Gegenfragen wie „Warum wollen Sie das wissen?“ sollten Sie sich einfach schenken. Es kann Ihnen völlig egal sein, warum derjenige, der gerade das Fragerecht ausübt, etwas wissen will. Der Klassiker, „Ich stelle hier die Fragen!“, kommt dann zu Recht wie aus der Pistole geschossen.

Es ist als Zeuge auch nicht Ihre Aufgabe, mit den anderen Prozessbeteiligten zu diskutieren. Kommt gar nicht gut. Führt allerdings manchmal zu unfreiwilligen Eingeständnissen. Auf die Frage einer Amtsrichterin, was sie denn in der Situation gedacht habe, antwortet die ziemlich freche jugendliche Zeugin: „Was hätten Sie denn gedacht?“ Die Antwort der Richterin sorgte für allgemeine Heiterkeit im Saal, weil sie – hoffentlich nicht wahrheitsgemäß – lautete: „Ich denke hier gar nichts.“

Wenn Sie selbst „Dreck am Stecken“ haben …

Wenn Sie selbst „Dreck am Stecken“ haben, also sich bei wahrheitsgemäßer Beantwortung einer Frage selbst oder einen Ihrer Angehörigen der Gefahr einer Strafverfolgung aussetzen müssten, brauchen Sie diese Frage nicht zu beantworten. Überhaupt nicht auszusagen brauchen Sie, wenn der Angeklagte ein naher Angehöriger ist, dann haben Sie ein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht, können also gleich wieder gehen, wenn Sie nicht aussagen möchten. Hinkommen müssen Sie aber zunächst. Natürlich dürfen Sie trotzdem auch gegen Ihre Angehörigen aussagen, dann muss es aber auch eine richtige Aussage sein.

Bei fahrlässig oder vorsätzlich falschen Aussagen machen Sie sich strafbar und werden ziemlich hart bestraft. Bei einer uneidlichen Falschaussage, also dann, wenn Sie nach der Aussage nicht schwören müssen, mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, bei Meineid sogar mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr. Das ist auch ganz in Ordnung so, weil das Gericht das Wohl und Wehe eines anderen Menschen auf Ihre Aussage hin entscheidet und sich darauf verlassen muss, nicht belogen zu werden. Gefälligkeitsaussagen sollten Sie sich unbedingt verkneifen. Vermutlich werden Sie selbst bei so einer falschen Aussage härter bestraft als derjenige, dem Sie mit Ihrer Aussage helfen wollten.

Einfach merken: Solange Sie nichts als die Wahrheit erzählen, kann Ihnen vonseiten der Justiz normalerweise nichts geschehen. Wenn Sie außerhalb des Gerichts wegen Ihrer Aussage bedroht oder bedrängt werden, teilen Sie das mit, damit Sie beschützt werden können.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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